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Magersucht: Gefährlicher Kampf gegen den eigenen Körper

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Magersucht  

Neuer Therapieansatz bei Magersucht

05.03.2012, 12:29 Uhr | rw, t-online.de, dapd, dpa

Magersucht: Gefährlicher Kampf gegen den eigenen Körper. Magersucht stellt Familien vor große Herausforderungen. (Quelle: imago)

Magersucht stellt Familien vor große Herausforderungen. (Quelle: imago)

Es beginnt mit einer ganz normalen Diät. Die Tochter achtet plötzlich strengstens auf ihre Ernährung, isst eigentlich nur noch Knäckebrot und vielleicht ein wenig Obst. Sie verliert deutlich an Gewicht, erntet Komplimente, weil sie so konsequent ist, die Diät durchzieht. Doch schon bald wird deutlich: Sie kann nicht mehr aufhören zu hungern, ist süchtig danach, dünn zu sein und immer dünner zu werden. Allzu viele Teenager, ganz überwiegend Mädchen führen den gefährlichen Kampf gegen den eigenen Körper - sind magersüchtig. Um den Teufelskreis zu durchbrechen, ist das soziale Umfeld der Patienten von großer Bedeutung. Deshalb hoffen Experten wie Betroffene nun auf einen neuen Therapieansatz.

Nur noch Knäckebrot und Wasser

Katharina (15) ist nicht auf den Kopf gefallen - sie bringt sehr gute Noten nach Hause, verzeiht sich kaum eine Zwei in ihrem Lieblingsfach Biologie. Aber ein Blick in den Spiegel macht das schlanke Mädchen trotzdem kreuzunglücklich: Sie findet sich "eklig dick" - und greift statt zur Pasta immer öfter zu Knäckebrot, füllt den hungrigen Bauch literweise mit Wasser. Wenn die Waage ein Kilo weniger zeigt, fühlt sie sich einen Moment lang gut, ist stolz auf sich. Katharina ist kein Einzelfall - sie steht exemplarisch für viele andere junge Mädchen ihres Alters.

Nicht zu viel Leistungsdruck

Selbstbewusste Jugendliche sind weniger anfällig für Essstörungen. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) in Berlin hin. Es sei daher wichtig, dass Eltern ihr Kind keinem zu großen Leistungsdruck aussetzen und keine Vergleiche zu anderen anstellen. Nur so könne es eine starke Persönlichkeit entwickeln und lernen, sich und seinen Körper - auch mit vermeintlichen Makeln - zu akzeptieren. "Das Selbstwertgefühl von magersüchtigen Jugendlichen ist oft sehr niedrig, weil sie das subjektive Gefühl haben, nicht den Anforderungen zu genügen, die die Gesellschaft an sie stellt", erläutert DGKJP-Präsident Professor Johannes Hebebrand. Sie hätten außerdem häufig einen ausgeprägten Hang zur Perfektion, was ihre negative Selbsteinschätzung noch verstärke. Ein gesundes Selbstwertgefühl sei der beste Schutz davor, überhaupt Essstörungen zu entwickeln.

Hungern bis in den Tod

Die meisten Patientinnen sind Mädchen und junge Frauen, nur fünf Prozent der Betroffenen sind männlich - auch wenn ihr Anteil steigt. Die kritische Zeit liegt oft in der Pubertät, meist nach Einsetzen der Menstruation. Laut einer 2007 veröffentlichten Studie des Robert-Koch-Instituts weist jedes dritte Mädchen zwischen elf und 17 Jahren eine Essstörung auf, aus der sich eine Anorexie, also eine Magersucht, entwickeln könnte. Die meisten Betroffenen kommen aus der Mittel- oder Oberschicht und sind oft sehr intelligent. Die übermäßig selbstkritischen Patienten steigern sich so sehr in ihren Schlankheitswahn hinein, dass ihre eigene Körperwahrnehmung völlig aus dem Ruder läuft. Sie sehen im Spiegel hässliche Fettpolster, wo der objektive Beobachter im wahrsten Sinne des Wortes nur noch Haut und Knochen entdeckt. Insgesamt sterben zwischen zehn und 20 Prozent der Magersüchtigen innerhalb von 15 Jahren. Viele davon nehmen sich selbst das Leben. Etwa fünf Prozent sterben an den Folgen der Unterernährung. Sie schaffen es einfach nicht, aus dem Teufelskreis des ewigen Hungerns auszubrechen.

Mädchen leiden meist unter Sozialangst

"Die erkrankten Mädchen haben häufig eine ausgeprägte Sozialangst. Dann ist es nicht gut, wenn die Klinik zu einem 'angenehmen Rückzugsort' wird, an dem sie sich nicht durchsetzen müssen und der nichts mit ihrem normalen Leben zu tun hat", erklärt Beate Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Aachen. Deshalb werde auch ambulant therapiert. Die Nachmittage und Wochenenden verbringen die Patienten zu Hause in ihrem gewohnten sozialen Umfeld. Schließlich müssen sie sich dort auch nach Therapie-Ende wieder behaupten.

Dass die Ursachen der Magersucht häufig im sozialen Umfeld liegen, weiß auch Bettina Kallenbach-Dermutz, Leiterin der Essstörungs-Ambulanz an der Berliner Charité. "Magersüchtige sind häufig sehr nette, anpassungsfähige und leistungsstarke Kinder. Viele haben ein hohes Gespür für die Erwartungen der Eltern, die sie unbedingt erfüllen wollen. Darüber kommt jedoch die Entwicklung der eigenen Ich-Stärke oft zu kurz", berichtet sie.

Familientherapie senkt Rückfallrisiko

Auch eine aktuelle Studie der renommierten Stanford University in Kalifornien kommt zu dem Schluss, dass familientherapeutische Maßnahmen für die Behandlung magersüchtiger Patienten deutlich besser geeignet sind als eine individuelle Therapie, die nur die Betroffenen selbst im Blick hat. "Diese Studie war dringend nötig", so Untersuchungsleiterin Lucille Packard, "Anorexie ist eine lebensbedrohliche Krankheit, und es ist bemerkenswert, wie wenig wir über die Behandlung wissen." Die Familientherapie erkennt die große Bedeutung des sozialen Umfelds für das Überwinden der Magersucht an und bezieht die Eltern in die Therapie mit ein. Sie werden unter anderem für das Essverhalten ihres Kindes sensibilisiert.

Die amerikanischen Forscher fanden heraus, dass ein Jahr nach Therapie-Ende rund die Hälfte der familientherapeutisch behandelten Patienten symptomfrei waren. Aus einer mit individueller Psychotherapie behandelten Vergleichsgruppe waren es weniger als ein Viertel. Hier war das Rückfallrisiko also deutlich höher. "Obwohl beide Ansätze einem Teil der Patienten halfen, deutet die Studie stark darauf hin, dass die familienbasierte Therapie als Erstbehandlung überlegen ist", so der Leiter der Studie James Lock. Der Psychiater appelliert an Ärzte und Therapeuten, die Bedeutung der Eltern zu erkennen und sie in die Therapie einzubeziehen. Lock muss aber zugleich eingestehen, dass es auch Patienten gebe, denen mit der konventionellen individuellen Psychotherapie besser geholfen werden kann.

Frühwarnzeichen einer Magersucht

Aber unabhängig von der Methode: Wichtig ist, dass überhaupt fach- und sachgerecht behandelt wird - und zwar schnellstmöglich. Doch bei welchen Anzeichen sollten Eltern aufmerksam werden? Wenn für das Kind der Stand der Waage bestimmt, ob es ein guter oder ein schlechter Tag wird, so ist das ein Hinweis auf eine Magersucht. Wer jeden Morgen mit bangem Blick auf die Waage steigt und ständig an seine Figur denkt, hat möglicherweise eine Essstörung, erläutert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln. Weitere Symptome sind, dass man sich viel zu dick fühlt, obwohl das Gewicht eigentlich ganz normal ist, dass Lebensmittel in "erlaubte" - wenig Kalorien, kein Fett oder Zucker - und "verbotene" Speisen eingeteilt werden und insgesamt wenig gegessen wird.

"Du hast eine tolle Figur bekommen!"

Es gilt: Wenn die Tochter ständig Diät hält und dabei erfolgreich ist, sollten Eltern das genau beobachten. Denn aus dem Erfolg könne sich eine Magersucht entwickeln, warnte Professor Jörn von Wietersheim. Die meisten Diäten scheiterten. "Diese Mädchen machen aber erfolgreich Diät und werden von ihrem Umfeld bestärkt." Von Freunden und Verwandten hörten sie: "Du hast eine tolle Figur bekommen. Wie schaffst du das nur?", sagte von Wietersheim, der sich an der Universitätsklinik Ulm mit Essstörungen beschäftigt. Und auch die Figuren extrem schlanker Prominenter wirken bestätigend auf viele junge Mädchen.

Zu einer gesunden Ernährung gehören auch Fette

Oft fingen Mädchen und Frauen Diäten gemeinsam mit Freundinnen an. Dabei entstünden teilweise Wettbewerbe, wer am besten durchhält. "Problematisch wird es, wenn das Gewicht konstant runtergeht", sagte von Wietersheim. Die Mädchen fingen an, beim Essen Fette wegzulassen - Fleisch und Butter beispielsweise. Stattdessen stünden vor allem Obst und Gemüse auf dem Speiseplan. "Die sagen dann: 'Ich esse doch gesund', blenden aber aus, dass zu einer gesunden Ernährung auch Fette gehören."

Nicht zu lange zuschauen

Bei den gemeinsamen Mahlzeiten bekommen Eltern diese Veränderungen meist mit. "Sie sollten das thematisieren", empfahl von Wietersheim. Zu ihm kämen oft Jugendliche, deren Eltern genau das nicht taten und stattdessen lange zuschauten. Bei einem Gespräch sollte aber nicht nur das Essverhalten angesprochen werden. Gut sei, wenn die Eltern auch nachfragen, ob das Kind Probleme hat oder es ihm nicht gut geht. Schließlich sollten auch die eigenen Sorgen geschildert werden. "Ich glaube, für Jugendliche ist die Rückmeldung wichtig: 'Du bist zu dünn, das ist nicht gesund'", erklärt der Fachmann.

Offen mit dem Kind sprechen

Ständiges Nörgeln nach dem Motto "Iss doch endlich mal Butter, du hast ja schon wieder nichts gegessen" bringt laut von Wietersheim dagegen wenig. Haben die Eltern den Eindruck, dass ihr Kind sein Essverhalten nicht mehr ändern kann, sollten sie genau das sagen: "Ich glaube, du schaffst es nicht alleine. Wir holen Hilfe." Ein Ansprechpartner ist der Hausarzt, der organische Ursachen für den Gewichtsverlust ausschließen kann. Hilfe geben auch Jugendberatungsstellen. Der nächste Schritt sei dann ein Psychologe oder Psychotherapeut.

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