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Interview  

"Stellen Sie sich Ihren Ängsten"

12.10.2010, 09:05 Uhr | Samiha Shafy, Spiegel Online

Interview: "Stellen Sie sich Ihren Ängsten". Ängstlicher kleiner Junge auf einer Rutsche.

Ist Angst genetisch bedingt? (Bild: imago)

Sind Sie ein ängstlicher Mensch? Dann sind Sie es vermutlich von Geburt an - es liegt in Ihren Genen, behauptet der US-Psychologe Jerome Kagan. Ein Interview über die Erkundung der menschlichen Persönlichkeit: Wie unsere innerste Furcht entsteht und wie Eltern gegensteuern können.

Spiegel online: Dr. Kagan, Sie haben Hunderte Babys und Kleinkinder über Jahrzehnte hinweg regelmäßig untersucht. Dabei haben Sie entdeckt, dass sich die Veranlagung zur Ängstlichkeit oft schon in der Wiege erkennen lässt. Woran genau?

Kagan: Etwa 20 Prozent aller Babys, die zu uns ins Labor gebracht wurden, reagierten schon im Alter von vier Monaten empfindlich auf fremde Gegenstände, Personen und Situationen. Sie weinten, zappelten mit den Armen und Beinen und drückten den Rücken durch - als Reaktion auf harmlose Stimuli wie Stimmen von einem Tonband, Mobiles oder Wattebäuschchen, die nach Alkohol rochen.

Spiegel online: Und das Verhalten als Säugling gibt wirklich Aufschluss über die Persönlichkeit des Erwachsenen?

Kagan: Das angeborene Naturell blieb über die Jahre hinweg erstaunlich konstant. Die hochreaktiven Kinder, wie wir sie nennen, waren später oft sehr schüchtern und leicht zu erschrecken. Auch ihre körperlichen Reaktionen waren anders als die der übrigen Studienteilnehmer. Und heute, als junge Erwachsene, neigen viele von ihnen noch immer zu Ängstlichkeit - wobei man ihnen das von außen nicht mehr unbedingt anmerkt.

Spiegel online: Wie erklären Sie sich diese übergroße Ängstlichkeit?

Kagan: Wir vermuten, dass es mit angeborenen Unterschieden im Gehirn zu tun hat. Unsere zentrale Hypothese lautet, dass diese Kinder mit einer speziellen Chemie der Amygdala zur Welt kommen - jener Hirnregion also, die dafür zuständig ist, neue Reize emotional zu bewerten. Und wir haben Hinweise darauf, dass es tatsächlich so ist.

Spiegel online: Wie können Eltern den Kindern helfen, ihre Ängstlichkeit zu überwinden?

Kagan: Meine frühere Mitarbeiterin Doreen Arcus hat viele hochreaktive Kinder in ihren Elternhäusern besucht, um Antworten auf diese Frage zu finden. Das Ergebnis: Man sollte Kinder ermutigen, sich ihren Ängsten zu stellen. Es nicht zu sehr behüten - nicht versuchen, es vor seiner Furcht zu bewahren. Das ist die beste Methode. Wenn das Kind sich zum Beispiel fürchtet, im Meer zu baden, überzeugt man es davon, zunächst einmal einen Fuß ins Wasser zu halten. Beim nächsten Mal dann die Beine und schließlich den ganzen Körper. Es geht um Konfrontation, aber sanfte Konfrontation, nicht alles auf einmal.

Spiegel online: Wo liegt die Grenze zwischen normaler und krankhafter Angst?

Kagan: Menschen schlagen sich die Knie auf, sie zerren sich Muskeln, und sie machen sich Sorgen. Das ist menschlich, es ist noch keine Krankheit. Angst wird immer mehr zu einer Krankheit wie Diabetes gemacht - und das ist furchtbar! Wenn dein Arzt sagt, du hast Diabetes, und du sagst, es stört mich aber gar nicht in meinem Alltag, wird er antworten: Schön, du hast trotzdem Diabetes. Mit der Angst ist es anders: Sie ist nur dann eine Krankheit, wenn sie dich unglücklich macht und verhindert, dass du tun kannst, was du tun willst. Nur dann solltest du Hilfe suchen.

Spiegel online: Trotzdem ist das Leben wohl leichter, wenn man nicht als hochreaktives Baby zur Welt kommt.

Kagan: Wenn man bedenkt, in was für einem Zustand die Welt ist, kann es wohl nützlich sein, nicht so leicht aus der Ruhe zu geraten. Aber im Leben gibt es nun einmal nichts umsonst: Es gibt kein perfektes Persönlichkeitsprofil. In unserer Kultur gilt es als wünschenswert, extrovertiert und risikofreudig zu sein. Aber gerade ängstliche Menschen sind in Bereichen wie Forschung oder Kunst oft außerordentlich erfolgreich und verdienen viel Geld und Anerkennung.

Jerome Kagan, 81, gehört zu den Mitbegründern der Entwicklungspsychologie. Der inzwischen emeritierte Professor hat an der Harvard University und am New England Complex Systems Institute geforscht. Kagan untersuchte unter anderem die Entwicklung von Persönlichkeitszügen bei Kindern und Jugendlichen.

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