Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Gesundheit >

Hörschäden bei Kindern: Wege aus der Stille

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Hörschäden bei Kindern: Wege aus der Stille

21.03.2013, 16:40 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Hörschäden bei Kindern: Wege aus der Stille. Hörgeräte können selbstbewusst wie ein Mode-Accessoire getragen werden. (Quelle: dapd)

Hörgeräte können selbstbewusst wie ein Mode-Accessoire getragen werden. (Quelle: dapd)

Bei der vierten Staffel des RTL-Supertalents beeindruckte vor allem ein Kandidat: der gehörlose Tobias "Tobiz" Kramer, der den dritten Platz erreichte, faszinierte die Zuschauer durch seine Performance, bei der er tanzte, ohne die Musik tatsächlich zu hören. Der hübsche junge Mann mit der freundlichen Ausstrahlung machte vielen erst bewusst, was es für einen jungen Menschen bedeutet, in der Stille zu leben. Das sind die Wege aus der Stille bei Hörschäden.

Neugeborenen-Hörscreening gehört inzwischen zum Standard

Tobias Kramer ist von Geburt an taub gewesen. Ein Schicksal, das von tausend Kindern etwa ein bis zwei trifft. Mehrere hundert also immerhin im Jahr. Hinzu kommen die, die "nur" mittelgradig oder leicht schwerhörig sind. Dank des Neugeborenen-Hörscreenings, das seit Januar 2009 zum Standardprogramm der Untersuchungen gehört, die direkt nach der Geburt durchgeführt werden, erfahren Eltern heute allerdings bereits sehr früh von der Behinderung ihrer Kinder. So haben sie die Möglichkeit, gezielt mit Förderung einzugreifen. Ein entscheidender Vorteil im Vergleich zu früheren Generationen, bei denen die Hörschädigung oft erst sehr spät auffiel, manchmal sogar zu spät.

Diagnose ist ein Schock

Für die Eltern ist die Diagnose trotzdem ein Schock. Meist haben sie selbst keinerlei Beeinträchtigung beim Hören und daher auch keine Vorstellung von dem, was auf ihr Kind, was auf sie zukommt. Was soll aus dem Kind werden, welche Schule kann es besuchen, welchen Beruf erlernen und wird es je selbstständig leben können? Die Verunsicherung ist in etwa so groß wie der Informationsbedarf. Der erste Ansprechpartner ist der Kinderarzt. Doch viel mehr als etwas Trost und den Hinweis auf die heute bereits weit fortgeschrittenen technischen Möglichkeiten kann man hier nicht erwarten.

Es gibt speziell ausgebildete Fachleute für Kinderohren

Dazu muss man einen Fachmann aufsuchen. Am besten eine pädagogisch-audiologische Beratungsstelle, hier wird aufgrund einer kindgerechten Hörprüfung und der daraus resultierenden audiologischen Befunde individuell über Fördermaßnahmen und technische Hilfsmittel gesprochen. Auch später beim eventuellen Anpassen eines Hörgerätes ist es sinnvoll, einen so genannten Pädakustiker aufzusuchen, der sich auf Kinder spezialisiert hat. Hinzu kommt nach Möglichkeit der Besuch einer Frühförderstelle. In dieser Kombination wird man in der Regel optimal, umfassend und vor allem möglichst wertfrei beraten, wie man das Kind am besten in die lautsprachlich orientierte Welt integrieren kann.

Information ist das A und O

Das Problem, das hierbei entsteht, ist der Zeitdruck, unter den Eltern in einer solchen Situation oft geraten. Die Entscheidungen sollen zum Wohl des Kindes möglichst schnell getroffen werden. Doch allzu sehr sollte man sich hier nicht hetzen lassen. Natürlich ist es notwendig, frühzeitig zu überlegen, wie man vorgehen wird, um mit dem Kind zu kommunizieren, aber nur Eltern, die sich umfassend über alle Möglichkeiten und Varianten informieren konnten, entscheiden mit einem guten Gefühl über die Zukunft ihres Kindes.

Cochlea Implantat ist kein Allheilmittel

Vor allem das Einsetzen eines so genannten Cochlea Implantats (CI) ist umstritten. Es handelt sich hier um eine operativ eingesetzte Hörprothese, mit der man dann arbeitet, wenn das Kind trotz Hörgerät nicht hören kann. Über die Chancen und Risiken sollte man sich gut informieren und sich darüber im Klaren sein, dass das Kind trotzdem hörbehindert bleiben kann. "Leider wird das CI vielerorts als Allheilmittel gesehen, das aus hörgeschädigten Kindern hörende macht“, erklärt Katja Belz. "Da dieser Anspruch nur von knapp einem Drittel der Kinder erfüllt werden kann, setzt es vor allem die Kinder und Eltern enorm unter Druck, bei denen die Spracherkennung und das Sprechen sich nicht so gut entwickeln.“ Katja Belz, Präsidentin des Bundeselternverbandes gehörloser Kinder beklagt, dass Eltern sogar mit dem Argument der Kindeswohlgefährdung unter Druck gesetzt werden, wenn sie sich gegen ein CI entscheiden. "Hinzu kommt, dass von den meisten CI-Zentren die Deutsche Gebärdensprache abgelehnt wird. Versetzt man sich nun in die Lage der Kinder, bei denen die Technik nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt und die trotz CI die Lautsprache nicht oder nur sehr schlecht wahrnehmen können, entzieht man diesen Kindern die Chance auf eine gelungene Kommunikation mit ihrer Umwelt.“

Hören und Sprechen sind eng miteinander verbunden

Gutes Hören ist nun einmal die entscheidende Voraussetzung für einen mühelosen Lautspracherwerb. Sprache wiederum dient nicht nur der Kommunikation, sondern auch dem Wissenserwerb. Hörgeschädigte Kinder profitieren hier von der Gebärdensprache, die gerade durch den Boom der "Babyzeichen" bei gesunden Kindern wieder an Aktualität und Bekanntheit gewonnen hat. Wichtig ist, dass das Kind sich verständigen kann und verstanden wird, dass es seinen Bezugspersonen Gefühle mitteilen kann und Antworten auf seine Fragen erhält. Die Gebärdensprache, bei der man neben Mimik und Körperhaltung bestimmte Gebärdenzeichen benutzt, ist eine in Deutschland offiziell anerkannte Sprache. 

Gebärden unterstützen den Spracherwerb

Wer nun befürchtet, das Gebärden würde das Erlernen der Lautsprache negativ beeinträchtigen, der irrt. Im Gegenteil. "Durch das frühzeitige Angebot beider Sprachen lernen die hörgeschädigten Kinder, sich in beiden Sprachsystemen zurechtzufinden. Je nach Grad der Hörschädigung, Fähigkeiten oder Vorlieben können sich die Kinder für eine der beiden Sprachen als Erst- und für die andere als Zweitsprache entscheiden. Sie haben die Chance, durch diese barrierefreie Kommunikation genau denselben Wissensstand zu erreichen wie ihre hörenden Geschwister oder Freunde. Sie fühlen sich gleichwertig und werden nicht be/ge-hindert in ihrem Wissensdurst. Die lautsprachliche Entwicklung wird gefördert durch das Füllen der gesprochenen Worte mit gebärdensprachlichem Inhalt.“

Anzeichen für schlechtes Hören

Hörbeeinträchtigungen müssen aber nicht von Geburt an vorhanden sein, sie können auch später erst entstehen. Verdacht sollte man schöpfen, wenn

  •      ein Baby ab dem zweiten Lebenshalbjahr das ‚Brabbeln‘ einstellt und nicht versucht, unterschiedliche Laute auszuprobieren
  •       das Kind sich nicht umwendet, wenn es von hinten angesprochen wird
  •       laute Geräusche nicht zum Erschrecken führen
  •       die Sprachentwicklung verzögert ist oder das Kind sehr undeutlich spricht
  •       bei Anweisungen sehr häufig nachgefragt wird oder das Kind sehr oft falsch reagiert

All das können Anzeichen für eine Schwerhörigkeit sein, die auch, je nachdem, um welche Art der Schwerhörigkeit es sich handelt, vereinzelt auftreten können.

Chronische Mittelohrentzündung kann Schwerhörigkeit auslösen

So wie bei Simon. Der jetzt Achtjährige, der heute die Paul-Ritter-Grundschule des Zentrums für Hörgeschädigte in Nürnberg besucht, litt im Kindergartenalter häufig unter Erkältungen, Bronchitis und Mittelohrentzündungen mit Erguss. Man kannte ihn als freundlichen, irgendwie verträumt wirkenden Jungen, dem das Chaos um ihn herum anscheinend so gar nichts anhaben konnte. Tatsächlich war es aber so, dass Simon trotz Einsatz von Paukenröhrchen immer schlechter hörte. Inzwischen trägt er ein Hörgerät. Seine Mutter, die jahrelang alles versucht hat, um ihrem Sohn zu helfen, ist heute davon überzeugt, dass sie, mit der richtigen Information, ihn schon früher aus der Isolation hätte holen können.

Hohe Geräuschpegel sind ein Problem für hörgeschädigte Kinder

"Obwohl wir Simon aufgrund seiner Hörschwierigkeiten bereits ein Jahr zurückstellen ließen, hätte er auf einer Regelschule sicherlich extreme Schwierigkeiten gehabt. Allein der Geräuschpegel in einer großen Klasse stellt für ein hörgeschädigtes Kind ein massives Problem dar. Hier ist er nun in einer Klasse mit zehn Kindern, gesunde genauso wie schwerhörige und solche mit auditiven Wahrnehmungsstörungen. Er fühlt sich wohl, ist viel sicherer und zufriedener und er kommt prima mit“, so Ulrike Huber (Name auf Wunsch von der Redaktion geändert). "Ich bin zwar froh, dass wir uns jetzt so entschieden haben, bedaure es aber sehr, dass wir ihn, aufgrund von mangelnder Aufklärung, nicht bereits vor Jahren in die entsprechende schulvorbereitende Einrichtung geben konnten. Es hätte ihm einiges erspart.“

Selbstbewusstsein stärken

Damit ein hörgeschädigtes oder taubes Kind sozial nicht untergeht, braucht es nicht nur eine Möglichkeit zu kommunizieren, sondern vor allem auch eine gute Portion Selbstbewusstsein. Eltern sollten sich der Schwerhörigkeit ihres Kindes nicht schämen, nicht versuchen, die Behinderung zu verstecken und ihrem Kind zum Beispiel ein buntes, auffälliges Hörgerät erlauben. Das zeigt erstens dem Kind, dass es richtig ist, so wie es ist. Das gibt aber auch der Umwelt einen Hinweis. Denn wer etwas nicht versteht, wird sonst nämlich schnell als begriffsstutzig abgestempelt. Der Blick sollte, davon ist Katja Belz überzeugt, auf die Stärken und nicht auf die Schwächen des Einzelnen gerichtet werden. "Ein weiterer Aspekt für ein gutes Selbstbewusstsein ist die Verortung in der Gebärdensprachgemeinschaft. Kontakt zu anderen hörgeschädigten Kindern und vor allem auch zu hörgeschädigten Erwachsenen sind für die Identitätsfindung sehr wichtig.“

Notfalls hilft der Gebärdendolmetscher

Es gibt durchaus relativ einfach umsetzbare Maßnahmen, die hörgeschädigten beziehungsweise gehörlosen Kindern den Alltag etwas vereinfachen oder auch versüßen würden. Dazu gehören unter anderem Untertitel und Gebärdensprachdolmetscher-Einblendungen auch und gerade bei Kindersendungen, aber auch so etwas wie Ansagen im öffentlichen Nahverkehr auf Schriftbändern. Das Behindertengleichstellungsgesetz sorgt in Deutschland für das Recht auf einen Gebärdensprachdolmetscher insbesondere bei Behörden, Polizei und Gericht, aber auch am Arbeitsplatz oder beim Arzt. Selbst ein Studium ist auf diesem Wege möglich.

Sie finden uns auch auf Facebook - jetzt Fan unserer "Eltern-Welt" werden und mitdiskutieren! 

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Die besten Videos des Jahres 2016 
Historischer Panzer fährt nach 70 Jahren wieder

Mit großer Not startet der 520-PS-starke Motor zu neuem Leben. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
Multimedia-Sale: Technik- artikel stark reduziert

Jetzt zuschlagen: Fernseher, Notebooks, Beamer, Navis u. v. m. zu Toppreisen. bei OTTO

Shopping
Voll im Trend und garantiert keine kalten Füße mehr

Kuschelige weich und warm gefüttert, Boots für gemütliche Tage zuhause. bei BAUR

tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal