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Roma-Junge: "Bildung hat mich gerettet"

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"Bildung war meine Rettung": Roma-Junge aus dem Slum an die deutsche Universität

08.04.2011, 13:35 Uhr | dapd

Für Orhan Jasarovski sind Bücher unendlich wertvoll. Der heute 31-Jährige hat sein Leben lang gekämpft, um studieren zu können. "Bildung hat mich gerettet", sagt er. Jasarovski gehört zur Minderheit der Roma, eine der am stärksten diskriminierten Gruppen Europas. "Für mich war der Weg zur Universität nicht vorgezeichnet", sagt er. Trotzdem hat er sein Germanistik-Studium in Deutschland mit der Note 1,0 abgeschlossen, ist heute Doktorand an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität und Vorsitzender des nordrhein-westfälischen Landesverbandes der Roma. "Ich möchte für die Roma ein Vorbild sein", sagt er.

Schlechte Bildungschancen für Roma

Es gibt keine Statistiken darüber, wie vielen europäischen Roma der Sprung an die Universität gelingt. Den Vereinten Nationen zufolge haben bis zu 50 Prozent keinen Hauptschulabschluss, laut der Organisation Roma Education Fund (REF) sind rund 25 Prozent der Roma Analphabeten. Gründe sind Vorurteile gegenüber Roma, Armut und eigene Abschottung. "Wer es dennoch auf die Universität schafft, hält seine Herkunft meist geheim", sagt Jasarovski. Auch er hat das lange getan.

Jasarovski wurde 1979 in Mazedonien geboren. Im Alter von drei Jahren erkrankte er an Kinderlähmung. Als er fünf war, setzte sich seine Mutter zu ihm ans Bett. "Orhan", sagt sie, "du hast eine Behinderung und bist Roma, du musst dich im Leben besonders anstrengen."

"Du musst dich im Leben besonders anstrengen"

Er lernte schnell, was seine Mutter meinte. Die Nicht-Roma-Kinder in der Schule wollten nicht mit ihm spielen, nannten ihn "Zigan", ein Schimpfwort. Die Roma hänselten ihn wegen seiner körperlichen Behinderung. Der kleine Junge flüchtete in die Literatur, las schon mit neun Jahren Werke von Maxim Gorki und Fjodor Dostojewski. "Es war eine Fantasiewelt für mich", erzählt er. "Eine, in der ich nicht ständig ausgegrenzt wurde."

Asyl und medizinische Versorgung in Deutschland

Um ihm eine bessere medizinische Versorgung ermöglichen zu können, beantragten seine Eltern 1989 Asyl in Deutschland. Seine Mutter meldete ihn sofort in einer Grundschule in Düsseldorf an. "Sie sagte mir immer, dass Bildung meine einzige Chance sei", erzählt er.

In Deutschland hatte er Glück: Lehrer engagierten sich, Nachbarn halfen ihm bei den Hausaufgaben. "Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich vollwertig und nicht diskriminiert gefühlt", erzählt er. Innerhalb von sechs Monaten lernte er fließend Deutsch. Als er 13 Jahre alt war, sollte er eine Klasse überspringen. Doch dazu kam es nicht: Die Familie wurde abgeschoben.

Abgeschoben mit 13

Zurück in Skopje, Mazedonien, fühlte er sich fremd. "Wir lebten in einem Slum, 14 Leute in einem Zimmer." Es habe weder Strom, Toiletten noch Wasser gegeben. "Abends bin ich oft mit Hunger ins Bett gegangen", sagt er. Dann lag er wach, dachte an Deutschland und an seine Bücher, die er zurücklassen musste.

Erneut flüchtete er sich in die Literatur, besorgte sich einen Bibliotheksausweis, verschlang Werke von Edgar Allan Poe und William Shakespeare. "Ohne Bücher wäre ich verzweifelt", sagt er.

Outing im Hörsaal

In der Schule strengte er sich an. "Ich wollte unbedingt aus den Slums herauskommen." Er schaffte einen Einser-Abschluss, erhielt im Jahr 2000 einen Studienplatz in Deutschland, kehrte zurück. Seine Herkunft hielt er vor seinen deutschen Kommilitonen lange geheim. "Ich hatte Angst, als Roma ausgegrenzt zu werden." Eines Tages offenbarte er sich dann doch.

Ein Dozent hatte im Hörsaal von einem Volk in Südosteuropa erzählt, das asozial sei und am Rande der Gesellschaft lebe. "Jedes Wort drang wie ein Messerstich in mein Herz", sagt Jasarovski. Er habe sich gemeldet und gesagt: "Ich kann am besten beschreiben, wie Roma sind. Ich bin Roma. Ich bin Zigeuner."

Durch Bildung aus der Opferrolle befreien

Seitdem steht er zu seiner Herkunft, engagiert sich politisch. Um auch die nächsten Jahre in Deutschland bleiben zu können, braucht er nun ein Stipendium, reihenweise bewirbt er sich bei Stiftungen. "Ich möchte es schaffen. Und damit den Roma zeigen, dass man sich durch Bildung aus der Opferrolle befreien kann."

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