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Online-Sucht: Projekt ESCapade hilft Familien mit suchtgefährdeten Kindern

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Stundenlanges Computerspielen kann in Sucht umschlagen

12.05.2011, 10:39 Uhr | dapd

Wann schlägt Begeisterung in Sucht um? Wann wird aus intensiver Beschäftigung ein Wahn? Die Grenzen sind schwer zu ziehen, gerade auch bei Jugendlichen, die stundenlang am Computer spielen. Das bundesweite Projekt "Escapade" hilft Familien mit suchtgefährdeten Kindern.

PC contra Familienleben: Der tägliche Kampf

Wenn Daniel an seinem Computer sitzt, ist er für seine Eltern schlicht nicht ansprechbar. "Es ist jedes Mal ein Kampf, ihn da weg zu bekommen", sagt seine Mutter. "Er vergisst Dinge, reagiert gereizt, wenn er nicht an den PC darf, auch in der Schule geht es bergab", fügt sein Vater hinzu. Der 16-Jährige meint, alles halb so wild. Das mit der Schule stimme nicht.

Die Familie sitzt bei Detlef Scholz, der in Schwerin für das bundesweite Projekt "ESCapade" suchtgefährdete Jugendliche berät. Er will gemeinsam mit den Familien herausfinden, ob überhaupt schon eine Sucht vorliegt und Wege aufzeigen, wie sie den Computerkonsum in den Griff bekommen können.

Mischnutzung ist ungefährlicher

"Wir müssen genau hinsehen, was die Jugendlichen eigentlich machen", erklärt Pädagoge Scholz. Es gebe keine feste zeitliche Grenze, ab wann Computernutzung in Sucht umschlage. "Es gibt Jungs, die informieren sich stundenlang auf Wikipedia. Zwischendurch wird noch gechattet, telefoniert, gespielt. So eine breite Mischnutzung ist meist ungefährlicher, als stundenlanges Spielen eines einzigen Games", sagt er.

Eltern machen oft nur Vorwürfe

Den meisten Eltern sei die Vielfalt der Nutzungsmöglichkeiten aber gar nicht bewusst. "Die sehen das global als 'Du sitzt vor der Kiste!' und machen ihren Kindern nur Vorwürfe", ist Scholz' Erfahrung. Und die Kinder machten dann einfach dicht.

Auch in Daniels Familie war die Kommunikation zwischen Sohn und Eltern ein Problem. Die Eltern leben getrennt, gemeinsame Gespräche müssen erst organisiert werden. "Wir haben dann auf Anraten einer Therapeutin ein monatliches Familiengespräch vereinbart, damit nicht alles nur über Telefon läuft", sagt seine Mutter. Die Familientherapeutin gab auch den Tipp für das "ESCapade"-Projekt. Drei von sechs Terminen hat die Familie schon absolviert, und viel gelernt.

Kommunikationsregeln aufstellen

Wichtig sei zunächst, Kommunikationsregeln aufzustellen, erklärt Scholz. Nicht brüllen, Ehrlichkeit, den anderen ausreden lassen. Bei einem gemeinsamen Tag aller am Projekt teilnehmenden Familien sollen Kinder und Eltern dann lernen, einander besser zu verstehen. Es werde beispielsweise über die Avatare gesprochen, welche die Kinder als eigene Spielfiguren im Internet benutzten. Warum ist der Avatar so, was sind seine Eigenschaften? Die Eltern müssen sich ebenfalls einen Avatar ausdenken, den ihre Kinder dann erkennen sollen. "Ich habe dann sogar mal ein paar Minuten so ein Spiel gespielt", sagt Daniels Mutter.

Über den Avatar ins Familiengespräch

Durch die Gespräche und gemeinsam aufgestellte Regeln etwa zur erlaubten Spielzeit sei die Stimmung in der Familie wieder besser geworden, sagen Daniels Eltern. Ihr Sohn stimmt ihnen zu. "Mama hat jetzt mehr Verständnis. Früher ist sie immer gleich ausgerastet, wenn es um den PC ging", sagt er. Als er neulich das Passwort des Programms knackte, mit dem seine Eltern seine Zeit am PC regulieren, nahm seine Mutter es eher sportlich. Sie habe sich eben ein neues überlegt, das er hoffentlich nicht so schnell herausfindet.

Mediensucht ist absolut nicht harmlos

Mediensucht sei absolut nicht harmlos, daher sei wie in Daniels Fall ein frühes Eingreifen wichtig, betont Scholz. "Die Sucht wird oft spät erkannt. Die Kinder bekommen mit elf Jahren den ersten Computer ins Zimmer gestellt und drei Jahre später sind die Eltern dann erschüttert, weil sie nichts mitbekommen haben", beschreibt er seine Erfahrungen. Süchtige Jugendliche hörten auf, mit anderen Menschen zu interagieren und könnten ihren Konsum wie bei anderen Süchten auch nicht mehr kontrollieren. "Das geht hin bis zu Schweißausbrüchen, Zittern und Aggressivität, wenn doch mal jemand den Stecker zieht", sagt der Pädagoge.

Im "ESCapade"-Projekt ist keiner der Jugendlichen, meist Jungen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren, süchtig. Doch sie sind gefährdet, meist machen die Eltern sich Sorgen und holen sich Rat. "Wir haben schließlich die Verantwortung dafür, dass aus Daniel etwas wird", sagt sein Vater. Durch die Teilnahme am Projekt habe sich die Familiensituation zwar "nicht kolossal verändert", doch der Rahmen für den Umgang miteinander sei nun anders. "Wir wollten im Gespräch bleiben und Hilfe holen, aber gemeinsam, mit Daniel", betont er. Das sei gelungen. (escapade-projekt.de)

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