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Essverhalten von Kindern: Vorsicht, bitter! Achtung, sauer!

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Essverhalten von Kindern: Vorsicht, bitter! Achtung, sauer! - Teil zwei

14.06.2011, 12:41 Uhr | Spiegel Online

Essverhalten von Kindern: Vorsicht, bitter! Achtung, sauer!. Bäh, Gemüse! Warum Kinder bestimmte Lebensmittel verschmähen. (Foto: imago)

Bäh, Gemüse! Warum Kinder bestimmte Lebensmittel verschmähen. (Foto: imago)

Wie kann man insbesondere jüngere Kinder dazu bringen, doch einmal etwas Gesundes zu probieren? Klar ist, dass der Nachwuchs sich von meckernden, sorgenvollen Eltern nicht überreden lässt. Die englischen Psychologinnen Claire Farrow und Jacqueline Blissett beobachteten 2008 sogar: Sprösslinge, die beim Essen früh unter Druck gesetzt wurden, wogen im Alter von zwei Jahren weniger als jene, bei denen Mama und Papa nicht ständig genörgelt hatten.

Verschmähte Kost immer wieder anbieten

Geduld führt da schon viel eher zum Ziel. Beispielsweise essen kleine Kinder, die Erbsen zunächst ablehnen, diese schließlich doch, wenn sie ihnen an aufeinander folgenden Tagen noch acht bis zehn weitere Male angeboten werden. Das zeigten bereits 1994 Experimente der Ernährungswissenschaftlerinnen Susan Sullivan und Leann Birch, damals an der University of Illinois in Urbana-Champaign (USA). Dabei reicht es aus, wenn die Kleinen zunächst nur ganz wenig probieren. Kinder essen bestimmte Nahrungsmittel also nicht nur, weil sie ihnen schmecken, sondern sie schmecken ihnen auch, wenn sie immer wieder davon essen!

Es darf mit dem Essen gespielt werden

Leann Birch beobachtete zudem in einer Studie von 2001, dass lustvolles Spielen die Gewöhnung beschleunigt. Das Essen auf dem Teller wird besser akzeptiert, wenn Kinder es in die Hand nehmen, in den Mund stecken, ablutschen oder auch mal werfen dürfen. Das taktile Erleben und das Spielen erzeugen gute Gefühle. Diese verführen Kinder dazu, auch von ungewohnten Lebensmitteln zu kosten.

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Den Nachahmungseffekt ausnutzen

Für das Gelingen von Gewöhnungsexperimenten ist außerdem hilfreich, wenn jemand mit gutem Beispiel vorangeht. Laut Birch probieren Ein- bis Vierjährige doppelt so häufig etwas Neues, wenn der Erwachsene davon selbst zuerst nimmt und sich dabei freundlich und zugewandt verhält. Und besonders gut funktioniert die Ansteckung, wenn die Kleinen sehen, dass andere Kinder dasselbe essen, wie Birch und ihre Mitarbeiter 2005 herausfanden. So erweitern Einzelkinder oft im Kindergarten plötzlich ihren Speiseplan.

Woran liegt das? Alle Kinder dieser Erde müssen irgendwann lernen, die vor Ort verfügbaren Nahrungsquellen voll und ganz zu nutzen - leckeres Robbenfett in der Arktis, tropische Früchte im Amazonasbecken. Damals wie heute hilft ihnen daher ein evolutionäres Erfolgsprogramm, ihre Neophobie schließlich zu überwinden: ihre ausgeprägte Fähigkeit zum sozialen Lernen. Sie beobachten, was die anderen machen, und übernehmen deren Verhalten.

Vergleichbare Phänomene im Tierreich

Verhaltensforscher kennen das Phänomen aus dem Tierreich. Elisabetta Visalberghi und Elsa Addessi aus Rom führten im Jahr 2000 dazu zahlreiche Experimente durch. Kapuzineräffchen etwa probieren umso eher eine "Nouvelle Cuisine", je mehr Artgenossen anwesend sind, und noch lieber, wenn diese ebenfalls etwas fressen. Allerdings ist es ihnen - im Gegensatz zu Menschenkindern - sozusagen Banane, ob die Äffchen im Käfig nebendran ebenfalls Ungewohntes oder nur vertraute Hausmannskost zu sich nehmen.

Auch südafrikanische Meerkatzen, die in sozialen Verbänden leben, lernen voneinander. Sie folgen dabei aber nicht jedem x-beliebigen Beispiel. So beobachte Erika van de Waal von der Université de Neuchâtel in der Schweiz 2010, dass die Jungtiere bestimmte Verhaltensweisen ausschließlich von älteren Weibchen übernehmen, nicht aber von älteren Männchen. Wird eine durch einen Schieber gesicherte Kiste mit einer Leckerei in das Gehege gestellt, dann macht sich bald das ranghöchste Gruppenmitglied darüber her. Der Boss - das kann ein Männchen oder ein Weibchen sein - lernt meist schnell, den Schieber zu betätigen. Natürlich beobachten die Jungen ganz genau, was da passiert. Lässt man sie aber in einem weiteren Experiment selbst an die Kiste ran, so zeigt sich, dass nur die Jungtiere aus den von Weibchen geführten Gruppen den Trick wirklich verinnerlicht haben: Ihnen gelingt es, die Kiste zu öffnen, jenen mit männlichen Chefs nicht.

Besser den Frauen vertrauen

Warum werden hier nur die Frauen als Vorbilder akzeptiert? Der Sinn dieser Strategie erschließt sich, wenn man die geschlechtsspezifische Lebensweise der Meerkatzen berücksichtigt. Während die Weibchen ihr Leben lang im Territorium bleiben, müssen sich die Männchen nach der Pubertät eine neue Gruppe suchen. Bei den Männern handelt es sich also allesamt um "Zugezogene", die sich mit den Herausforderungen des Reviers weniger gut auskennen. Sich beim Lernen eher an den Frauen zu orientieren, dürfte für den Nachwuchs eine adaptive, das Überleben sichernde Strategie darstellen.

Kinder orientieren sich nicht nur an den Eltern

Genauso orientieren Menschenkinder sich nicht automatisch am Beispiel der Eltern, selbst wenn Ratgeberbücher dies noch so oft betonen mögen. Je nach Fragestellung und Alter suchen sich die Sprösslinge ihre Vorbilder selbst aus, mal sind es die Geschwister, mal Prominente aus den Medien, mal die gleichaltrigen Freunde: Für das, was es da gerade zu lernen gibt, kann schließlich nicht immer ein und dieselbe Person der beste Experte sein! Wie gut, dass die Kindheit des Menschen so lange dauert. Sie beschert die nötige Zeit, von immer neuen Vorbildern zu lernen und so mit den überaus komplexen sozialen Anforderungen unserer Gesellschaft zurechtzukommen.

Uraltes Überlebensprogramm ist an Geschmackssinn gekoppelt

Fassen wir zusammen: Warum essen Menschenkinder so, wie sie essen? Was die Ernährung angeht, kommt das Kleinkindalter bei Homo sapiens einer Revolution gleich. Der Nachwuchs wechselt von einem sicheren, von der Mutter hautnah überwachten Nahrungsumfeld in eine Welt voller Gefahren. Um in verschiedensten Biotopen überleben zu können, hat die Evolution ihm bestimmte Lernregeln mitgegeben. Sie befördern den "Geschäftszweck" der Evolution - eine möglichst gute Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten.

Genetisch geleitetes und erfahrungsabhängiges Lernen greifen dabei ineinander. So setzt der Mensch zum einen auf angeborene Mechanismen, die zu festgelegten Entwicklungszeitpunkten zum Tragen kommen. Zu dem Prozess der "Reifung" gehören die Lenkung der Nahrungsaufnahme durch die Geschmacksqualitäten süß, sauer und bitter und ebenso die Neophobie. Diese Programme sind in den Erbanlagen fixiert und in ähnlicher Form auch bei anderen alles fressenden Säugetieren vorhanden.

Essen soll Spaß machen

Mit der Zeit aber überwinden Kinder ihre Neophobie, indem sie sich stärker am Verhalten der Menschen in ihrem Umfeld orientieren und von ihnen lernen. Dabei landen sie je nach den kulturellen und familiären Rahmenbedingungen in unterschiedlichen Esskulturen. Max mag Schweineschnitzel, Can lieber Lammkeulen. Mariella wird zur Vegetarierin, Jenny zieht es zu Burger King. Wer die Essvorlieben seiner Kinder beeinflussen will, sollte vor allem eines beherzigen: Von Natur aus ist Essen ein sinnliches Vergnügen. Damit dies bei unseren Kindern so bleibt, sollte man dem Thema weniger mit Ernst als mit Spaß und viel Toleranz begegnen.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und forscht am "Mannheimer Institut für Public Health" der Universität Heidelberg.

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