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Kindermedizin  

Medikamente für Kinder bloß nicht überdosieren

05.11.2013, 17:00 Uhr | rev, dpa-tmn, t-online.de

Medikamente für Kinder bloß nicht überdosieren. Medikamente für Kinder müssen extrem genau dosiert werden.  (Quelle: Archiv)

Medikamente für Kinder müssen extrem genau dosiert werden. (Quelle: Archiv)

Wenn ein Kleinkind Arzneimittel nehmen muss, sollten Eltern die Medikamenten-Dosis lieber dreimal kontrollieren. Wegen des geringen Gewichts des Kindes kann eine Überdosis ernste gesundheitliche Folgen haben. Darauf weist das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln hin. Eine weitere Gefahr steckt im Gesundheitssystem selbst: Es gibt nicht genügend Medikamente speziell für Kinder.

Die Dosis der Arznei muss immer dem Gewicht und Alter des Kindes entsprechen. Die Informationen dazu liefert normalerweise der Beipackzettel. Dort steht auch, wann und mit wie viel Flüssigkeit die Medizin eingenommen werden muss. Tropfenzähler, Dosierkappen und Messbecher, die dem Medikament oft beigelegt sind, können das Dosieren vereinfachen. Eltern sollten sonst genau nachlesen, ob ein Tee- oder Esslöffel gemeint ist. Ausreichend Licht ist für das Dosieren ebenfalls wichtig. Tropfen sollten immer in der Originalverpackung aufbewahrt werden. In einer anderen Flasche kann sich die Tropfengröße und damit die Dosis verändern.

Niemals die Dosis erhöhen

Wenn mehrere Personen das Medikament geben, hilft ein Vermerk auf der Flasche, wann das Kind die Arznei zum letzten Mal bekommen hat.
Wird die Einnahme des Mittels einmal vergessen, sollten Eltern beim nächsten Mal nicht zur doppelten Dosis greifen, rät das IQWiG. Das Kind benötige die übliche Menge.

Erwachsenendosis kann Kinder vergiften

Bei einigen Medikamenten kann die Erwachsenendosis - manchmal reicht schon eine Tablette oder wenige Tropfen - zu bedrohlichen Vergiftungen bei Kindern führen. Dazu gehören Schmerzmittel wie Methadon und andere Opiate, trizyklische Antidepressiva, ältere Antihistaminika, Neuroleptika und Herzmittel wie Kalzium-Antagonisten. Hohes Risiko besteht für Kinder auch bei für Diabetes verwendeten Sulfonylharnstoffen, bei Augentropfen mit Atropin und bei Salben mit hohem Kampfer-Gehalt. Auch eine Überdosis Aspirin kann gefährlich sein.

Es gibt zu wenig Medikamente für Kinder

Abgesehen von der Gefahr der Überdosierung besteht noch eine grundsätzliche Gefahrenquelle: Es gibt viel zu wenig Medikamente für Kinder. Das führt zum so genannten Off-Label-Use. Das heißt, Ärzte sind gezwungen, erkrankten Kindern Medikamente zu verschreiben, die nicht für sie gedacht sind.

Erschreckende Untersuchungsergebnisse

Die Studie einer Gruppe um den Pharmakologen Bernd Mühlbauer vom Klinikum Bremen-Mitte, die 2009 mit Unterstützung der Gmünder Ersatzkasse und der Initiative "Hexal-Stiftung Kinderarzneimittel" durchgeführt wurde, hat nun alle Arznei-Verordnungen aus dem Jahr 2002 von 289.000 Versicherten zwischen null und 16 Jahren untersucht. Das Resultat: Nur ein Drittel der verordneten Wirkstoffe war für die jungen Menschen zugelassen, denen sie verordnet wurden, so die Forscher im "Deutschen Ärzteblatt". Bei Säuglingen seien nur knapp 40 Prozent der verschriebenen Wirkstoffe für sie zugelassen, bei Neugeborenen sogar nur 20 Prozent, wie Mühlbauer erklärt.

Kinder reagieren besonders sensibel

Durch die Verwendung von nicht zugelassenen Medikamenten komme es oft zu Nebenwirkungen, die teilweise lebensbedrohlich für Kinder sein könnten, so Hannsjörg Seyberth, der frühere Direktor der Universitätsklinik Marburg. Vor allem Kinder reagieren besonders sensibel auf die Verabreichung bestimmter Stoffe, denn ihr Stoffwechsel funktioniert je nach Alter anders als der von Erwachsenen: Beispielsweise sind Säuglinge und Neugeborene anfälliger für eine Überdosis, weil in diesem Alter Niere und Leber langsamer arbeiten und dadurch Wirkstoffe lange im Körper bleiben. Kinder im Kindergartenalter dagegen haben einen schneller arbeitenden Stoffwechsel als Erwachsene, weshalb Medikamente bei ihnen immer wieder zu niedrig dosiert werden. Dabei können jedoch auch für Kinder zugelassene Arzneien problematisch sein. Denn früher hätten Medikamente weitaus leichter eine Zulassung bekommen, als das heute der Fall ist, erklärt Mühlbauer. Aus diesem Grund könnten auch einfach zu erhaltende Hustensäfte oder Erkältungsmittel nicht zwingend sicher sein, warnt Seyberth.

EU-Verordnung unzureichend

Seit 2007 verlangt eine EU-Verordnung, dass Pharmafirmen ihre Medikamente auch für Kinder testen, sollten sie für diese Zielgruppe relevant sein. Die Verordnung allein reiche jedoch nicht aus, wie Stefan Burdach, Direktor der Kinderklinik München-Schwabing, sagt. Kinder bräuchten nicht Medikamente, die unter anderem auch für sie getestet wurden, sondern solche, die speziell für sie entwickelt wurden. Zudem könnten Pharmafirmen nicht zu Zulassungs-Studien mit Kindern gezwungen werden, so Mühlbauer. Freiwillig würden derartige Untersuchungen von den Firmen ohnehin nicht durchgeführt werden, weil sich der Markt nicht lohne.


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