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Als Kind mit chronischen Schmerzen leben

01.03.2012, 12:12 Uhr | Christian Vey, dpa

Als Kind mit chronischen Schmerzen leben.  (Quelle: dpa)

Chronische Schmerzen können den Alltag stark beeinträchtigen. (Quelle: dpa)

Chronische Schmerzen sind kein Altersleiden. Schon Kinder und Jugendliche können daran leiden. Das Problem kann so groß werden, dass es den Alltag der jungen Patienten bestimmt. Wird es früh genug erkannt, sind die Chancen einer erfolgreichen Therapie gut.

Zuerst war es nur ein Ziehen im Rücken. Vielleicht vom schweren Heben, vielleicht durch eine falsche Bewegung. Doch der Schmerz blieb, und die Zeiträume, in denen er nicht da war, wurden immer kleiner. "Der Gang meiner Tochter änderte sich, ihre Bewegungen waren stark eingeschränkt, und mit der Zeit wurde es immer schlimmer", erinnert sich Karin S. aus Düsseldorf. "Irgendwann war sie verzweifelt und hat unheimlich viel geweint."

Odyssee von Arzt zu Arzt

Damals war das Mädchen 15 Jahre alt. Drei Monate lang ging sie nicht zur Schule, weil sie sich kaum noch bewegen konnte. Die Familie versuchte alles: Besuche bei Orthopäden, Physiotherapie und Entspannungstechniken. Nichts half. Und schlimmer noch: Niemand konnte erklären, wo genau die Schmerzen herkamen. "Wir waren mit der Situation hoffnungslos überfordert", gibt die Mutter unumwunden zu.

Schmerz ist grundsätzlich etwas Sinnvolles

Eigentlich sind Schmerzen etwas Alltägliches und haben durchaus Sinn. Sie sind Signale des Körpers, der mitteilt, dass etwas nicht stimmt. Gerade die Kindheit ist voll wichtiger Schmerzerfahrungen. "Ein chronischer Schmerz aber ist ein Schmerz, der diese Warnfunktion verloren hat, also einfach da ist", sagt Professor Boris Zernikow vom Deutschen Kinderschmerzzentrum in Datteln (Nordrhein-Westfalen). Es wurde Anfang des Jahres unter dem Dach der Kinderklinik der Universität Witten/Herdecke gegründet.

Laut einer Schätzung des Zentrums leiden 350.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland an chronischen Schmerzen. Alle Patienten, die ins Kinderschmerzzentrum kommen, haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Im Schnitt sind sie von mindestens drei Ärzten ergebnislos behandelt worden und leiden seit mehr als zwei Jahren unter ihren Schmerzen.

Es entsteht ein Gefühl von Ausgeliefertsein

Egal ob es Kopfschmerzen sind, Unfallverletzungen oder Entzündungen: Tritt ein bestimmter Schmerz häufiger auf oder wird er nicht vollständig beseitigt, kann ein "Schmerzgedächtnis" entstehen. So wie das Großhirn Erinnerungen speichert, sammeln auch jene Nervenzellen, die für das Schmerzempfinden verantwortlich sind, Informationen. "Der Körper lernt, Schmerzen zu haben", beschreibt Professor Zernikow den Vorgang. Hat sich das Schmerzgedächtnis gebildet, können diverse Reize den Schmerz auslösen: bestimmte Berührungen, Bewegungen, aber auch seelische Belastungen. "Das können Ärger und Stress in der Schule sein oder familiäre Probleme", erklärt der Arzt. Vor allem die Erinnerung an den Schmerz kann ihn zurückbringen - ein Teufelskreis.

Keinesfalls sollte dieses Phänomen mit Hypochondrie verwechselt werden. "Die Kinder erleben die Schmerzen tatsächlich", versichert Ria Matwich von der verhaltenstherapeutischen Ambulanz der Universität Gießen. "Sie haben einfach andere Auslöser als eine akute Erkrankung." Aber gerade wenn der Auslöser unklar bleibe, kann es passieren, dass die Schmerzen noch stärker werden. Das Kind sucht eine Erklärung, doch Eltern und Ärzte können sie nicht liefern. So entsteht das Gefühl, dem Schmerz ausgeliefert zu sein.

Viele Wege führen zum Ziel

Weil die Ursachen chronischer Schmerzen so vielfältig sind, sind es auch die therapeutischen Verfahren. Medikamente und physiotherapeutische Maßnahmen, vor allem aber die Schulung der Psyche sei wichtig. Als ersten Schritt empfiehlt Zernikow betroffenen Kindern, für einige Zeit ein Tagebuch führen, in das sie ihre Schmerzerlebnisse eintragen: Wann sie welchen Schmerz fühlen und wie stark er ist. "Meist ist es nicht nur eine Form von Schmerz, die das Kind spürt, sondern viele verschiedene." Deshalb werde den Kindern zuerst beigebracht, sie zu unterscheiden.

Ablenkung hilft

Danach lernen die Kinder, wie sie die Schmerzen bekämpfen können. Oft gehe das durch Ablenkung. "Wird der Schmerz dadurch ausgelöst, dass sich das Kind an ihn erinnert, muss das Gehirn mit etwas anderem beschäftigt werden", erläutert Zernikow. Das könne das Aufzählen von Automarken mit gleichem Anfangsbuchstaben sein oder die Flucht an einen "Wohlfühl-Ort" in der Fantasie. Im Kinderschmerzzentrum sei auch das sogenannte Biofeedback Bestandteil der Therapie. Mit Hilfe eines Computers, der Körpersignale sichtbar macht, lernen die Kinder ihre Körperfunktionen bewusst zu steuern und den Schmerz zu unterdrücken.

Das Umfeld muss richtig reagieren

Ein weiterer wichtiger Baustein ist das soziale Umfeld. "Auch die Eltern müssen im Umgang mit den Schmerzen des Kindes geschult werden", erklärt Matwich. Am wichtigsten sei, auf chronische Schmerzattacken nicht so zu reagieren wie bei akut auftretenden Schmerzen, wo das Ausheilen im Vordergrund steht. Stattdessen müsse das Kind darin unterstützt werden, sich vom Schmerz nicht beeinträchtigen zu lassen. "Für viele klingt das im ersten Moment verrückt", gibt Zernikow zu. "Aber Schonung ist bei chronischen Schmerzen die falsche Reaktion."

Die Erfolgschancen sind gut

Therapieerfolge sind gerade bei Kindern keine Seltenheit. "Viele Patienten profitieren schnell. Erste Entlastungen treten bei ambulanter Behandlung bereits nach ein bis zwei Monaten auf", sagt Matwich. Die besten Chancen hätten Kinder, wenn das Problem frühzeitig erkannt wird und sie nicht über Monate von Arzt zu Arzt gereicht werden. Auch die Gefahr eines Rückfalls sei dann geringer.

Die Tochter von Karin S. unterzog sich im Kinderschmerzzentrum Datteln einer dreiwöchigen stationären Therapie. "Heute ist sie wieder der Boss und nicht der Schmerz", berichtet die Mutter. Die Familie rede überhaupt nicht mehr über die Schmerzen und habe sie komplett aus dem Alltag verbannt. "Und so soll es ja auch sein."  

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