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Blindheit: Durch Klicksonar sehen Juli und Frida mit den Ohren

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Blindheit  

"Fledermauskinder": Juli und Frida sehen mit den Ohren

12.06.2012, 16:13 Uhr | t-online.de, tze

Blindheit: Durch Klicksonar sehen Juli und Frida mit den Ohren. Die fünfjährige Frida ist blind und erkundet ihre Umgebung mit Schnalzen. Klicksonar heißt die Methode. (Quelle: NDR)

Die fünfjährige Frida ist blind und erkundet ihre Umgebung mit Schnalzen. Klicksonar heißt die Methode. (Quelle: NDR)

Wenn Frida (5) und Juli (2) mit ihren Laufrädern unterwegs sind, schnalzen sie, als wollten sie ein Pony antreiben. Aber das Schnalzen ersetzt ihnen das Sehen. Beide Kinder sind blind und lernen, sich mit Klicksonar in ihrer Umgebung zu orientieren. Sie gehören zu den ersten "Fledermauskindern" in Deutschland. Die Ortungstechnik soll ihnen trotz Blindheit ein unabhängiges Leben ermöglichen. Wie das funktioniert, zeigte die NDR-Reportage "Die mit den Ohren sehen".

Was Blinde von Fledermäusen lernen können

Die zweijährige Juli aus Berlin ist wegen einer unheilbaren Netzhauterkrankung von Geburt an blind. Ihre Eltern Ellen Schweizer und Steffen Zimmermann wollen, dass sie sich so frei wie möglich in der Welt der Sehenden bewegen kann. Im Internet fanden sie Videos von Blinden in den USA, die sogar Fahrrad fahren - mit Hilfe der Echoortung, die den Fledermäusen abgeschaut ist: Selbst erzeugte Laute werden als Echo von Hindernissen wie Wänden oder Bäumen zurückgeworfen. Jedes Objekt klingt anders.

Juli schnalzt und der Pfosten "antwortet"

"Juli, schnalz doch mal", ermuntert der Vater das Mädchen bei einer Erkundungstour durchs Wohnviertel. Juli lernt auf diese Weise spielerisch, Poller auf dem Bürgersteig, parkende Autos, Hauswände und die Holzpfosten der Schaukel auf dem Spielplatz zu erkennen. Zuhause übt sie weiter. Die Eltern fördern ihre Entdeckungslust mit Haushaltsgegenständen, beispielsweise mit einer metallenen Salatschüssel, deren hohler Klang sich besonders gut einprägt. Viele Lernspiele für Juli haben sich ihre Eltern selbst ausgedacht, weil es in Deutschland für Blinde noch keine Trainer oder Schulen für die menschliche Echoortung gibt.

"Zeichnungen sind nur für Augenmenschen"

Bei der Methode der Echoortung, beziehungsweise des Klicksonars richten sich Blinde nicht nur nach der Geräuschkulisse eines Ortes, sondern erzeugen aktiv Geräusche, um sich zu orientieren. Sie fragen sozusagen an, was sich in ihrer Umgebung befindet. Das "Sehen mit den Ohren" hat freilich auch Grenzen. Juli zeichnet mit Buntstiften und hält sich dann erwartungsvoll das Bild ans Ohr. "Nein das geht nicht. Zeichnungen sind nur für Augenmenschen", erklärt die Mutter. Auch am Esstisch muss Juli sich tastend zurechtfinden.

Zungenschnalzen ergänzt den Blindenstock

Mit Klicksonar lassen sich nur größere Gegenstände in Entfernungen ab 30 Zentimetern und bis zu 200 Metern orten. Das Echo erzeugt im Gehirn ein räumliches Bild der Umgebung. Geübte können beispielsweise unmittelbar erkennen, wo sich Hauseingänge und Fenster befinden oder welche Dimensionen ein Objekt hat. Das Echo des Zungenschnalzens sei präziser als Fingerschnippen oder Klopfen mit dem Blindenstock, sagen Blinde, die die Methode schon länger praktizieren. Sender und Empfänger - also Zunge und Ohr - bleiben stets in derselben, nahen Position zueinander. Das Schnalzen kann den Stock jedoch nicht ersetzen, da er nötig ist, um Unebenheiten am Boden und Stufen wahrzunehmen. Aber es kann eine hilfreiche Ergänzung sein, die den Alltag erleichtert.

Pionierarbeit für Klicksonar

Die Familie Zimmermann leistet Pionierarbeit, um Klicksonar auch in Deutschland bekannt zu machen. Etablierte Verbände wie der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) hätten es bislang kaum beachtet, heißt es in der Reportage. Es gehört nicht zum üblichen Mobilitätstraining. Auch unter den rund 150.000 Blinden in Deutschland sei die Technik wenig verbreitet. Das möchte Steffen Zimmermann ändern. "Wenn es das hier nicht gibt, müssen wir es eben herholen", sagte er sich und ließ auf eigene Kosten Blindentrainer aus den USA einfliegen.

Daniel Kish: "Jeder kann lernen, Gegenstände zu hören"

Einer der bekanntesten ist Daniel Kish aus USA. Durch einen Tumor verlor er schon als Kind beide Augen und brachte sich das Schnalzen als Orientierungshilfe selbst bei. Seit zehn Jahren lehrt er die Methode. Kish betont, dass jeder Mensch Gegenstände hören kann, wenn er sein Gehör schult. "Keine Grenzen" lautet sein Motto. Es gelte, alle Wahrnehmungsmöglichkeiten zu nutzen, um ein angenehmeres, freieres Leben zu führen.

Verein "Anderes Sehen" gegründet

Julis Vater Steffen Zimmermann hat unter dem Titel "Anderes Sehen" zunächst eine Website eingerichtet und schließlich mit anderen Betroffenen einen gemeinnützigen Verein gegründet. Dieser hat sich vor allem der Frühförderung blinder Kinder verschrieben und nach eigenen Angaben mittlerweile rund 100 Personen mit der Methode des Klicksonars vertraut gemacht. Auf der Website kritisiert der Verein, dass die Frühförderung in Deutschland zu kurz komme. So bekämen Kinder in der Regel erst ab sechs Jahren einen Blindenstock und es mangele an geeignetem Lehrmaterial für Kinder im Vorschulalter. So hätten sie "wenig Chancen mit sehenden Kindern Schritt zu halten und in die Gesellschaft nahtlos hineinzuwachsen."

Größere Unabhängigkeit für blinde Kinder möglich

Auch die fünfjährige Frida lernt die Klicksonar-Technik. "Ja, das hilft mir", sagt sie nickend. Nach zwei Monaten kann sie schon mit ihrem Laufrad sicher die Straße überqueren und ihre Eltern sind nun entspannter mit ihr unterwegs. Ihr Vater Michael ist von der Methode begeistert: "Man eröffnet dem Kind neue Welten und eine ganz andere Art von Unabhängigkeit." Die Eltern wollen ihr Kind trotz Blindheit nicht überbehüten.

Doch manchmal strengt es Frida sehr an, sich zwischen den vielen Hindernissen zurechtzufinden, die sie nicht sehen kann. Ungeduldig sucht sie den Ausgang aus einem ihr unbekannten Raum und schimpft "oh manno, ich will nicht, dass da Stühle sind!" Es kommt auch vor, dass Frida tagelang gar nicht schnalzen will. Die Eltern drängen sie nicht, denn sie sind zuversichtlich, dass sie die neu gelernte Technik anwenden kann, wenn sie es braucht.

Weitere Informationen finden Sie unter www.anderes-sehen.de.

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