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Schütteltrauma - der Kindesmisshandlung auf der Spur

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Schütteltrauma - der Kindesmisshandlung auf der Spur

26.06.2012, 10:42 Uhr | Susanne Schäfer, Spiegel Online, Spiegel Online


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War es ein Unfall, oder haben die Eltern ihr Kind geschlagen? Die Diagnose einer Misshandlung ist für Ärzte oft eine schwierige und heikle Angelegenheit. Eine neue Methode soll ihnen helfen, ein Schütteltrauma bei Säuglingen aufzuspüren. Feingefühl und ein gutes Gespür sind trotzdem gefragt.

"Unstillbares Schreien" nennt Karl-Heinz Deeg das, was für viele Eltern zum Horror wird. Das Neugeborene brüllt und brüllt, stundenlang, jeden Tag, jede Nacht. "Da wird jeder aggressiv", sagt Deeg, Chefarzt an der Klinik für Kinder und Jugendliche der Sozialstiftung Bamberg.

Manchmal richtet sich die Wut gegen das Kind, Eltern brüllen es an, packen es am Brustkorb und schütteln es vor und zurück. Deeg sieht es als seine Aufgabe, Kinder davor zu schützen. Gleichzeitig zeigt er Verständnis: "Diese Eltern tun das nicht aus bösem Willen, sondern sind in dem Moment völlig hilflos."

Für das Kind aber können die Folgen verheerend sein: Zwischen 100 und 200 Säuglinge erleiden einer groben Schätzung zufolge jährlich in Deutschland ein Schütteltrauma. Etwa ein Fünftel von ihnen stirbt an den Folgen, andere tragen dauerhafte geistige und körperliche Behinderungen davon. Viele Fälle werden gar nicht erst erkannt, weil äußerlich kaum Verletzungen zu sehen sind.

Misshandlungen festzustellen, ist für Kinderärzte oft schwierig, nicht nur im Falle eines Schütteltraumas. Blaue Flecken und Knochenbrüche können bedeuten, dass ein Kind gerne wild spielt - oder dass es geschlagen wird. Jeder Fall ist eine Gratwanderung, die von den Ärzten Feingefühl und Sorgfalt erfordert.

Ein neuer Ansatz soll nun helfen, ein Schütteltrauma eindeutig zu diagnostizieren: Wie eine aktuelle Studie des Kinderradiologen Ingmar Gassner von der Universität Innsbruck mit sechs Säuglingen zeigt, ist nach einer solchen Misshandlung nicht nur wie bisher bekannt das Gehirn betroffen. Auch im Wirbelkanal, der das Rückenmark schützt, treten Blutergüsse auf.

Blutergüsse an der Wirbelsäule

Die Autoren der Studie empfehlen deshalb, bei Verdacht auf Schütteltrauma neben dem Gehirn auch den Wirbelkanal mit Ultraschall zu untersuchen. Die Methode hat den Vorteil, dass die Säuglinge nicht mit Strahlen belastet und mit Medikamenten ruhiggestellt werden müssen wie bei Untersuchungen im Computer (CT)- oder Magnetresonanztomografen (MRT).

Doch reichen sechs Fälle aus, um daraus eine neue Diagnosemethode abzuleiten? "Dafür, dass man im Klinikalltag eher selten einen Verdacht auf Schütteltrauma hat, finde ich die Fallzahl recht hoch", sagt Deeg. "Und das Ergebnis war eindeutig: Bei allen untersuchten Säuglingen ließen sich neben Hämatomen im Bereich des Gehirns auch welche am Wirbelkanal nachweisen." Deeg will die Methode künftig selbst anwenden.

Andere Kinderärzte sind skeptischer: "Die Methode Ultraschall ist immer nur so gut wie derjenige, der sie anwendet", sagt Hans-Michael Straßburg, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin. Die Studie sollte seiner Ansicht nach keinesfalls dazu führen, dass niedergelassene Ärzte im Alleingang mit dem Ultraschallgerät nach Anzeichen einer Misshandlung suchen. "Säuglinge mit Verdacht auf Schütteltrauma sollte man unbedingt stationär aufnehmen und unter anderem zusätzlich im Kernspintomografen untersuchen."

Falsche Anschuldigungen können teuer werden

Kindesmisshandlung ist ein heikler Befund, bei dem Kinderärzte mit vielen Unsicherheiten zu kämpfen haben: Übersehen sie einen Missbrauch, lassen sie das Kind in einer unerträglichen Situation allein. Bezichtigen sie aber Eltern zu Unrecht der Kindesmisshandlung, können sie deren Ruf und die Familien zerstören.

Was die Ärzte mit einer Anschuldigung riskieren, zeigt das Beispiel der Haunerschen Kinderklinik in München. Diese belastete vor drei Jahren eine intakte Familie irrtümlicherweise schwer und wurde vor Gericht dazu verurteilt, ihr Schmerzensgeld und Schadensersatz zu zahlen.

Laut den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin zur Vernachlässigung und Misshandlung sollten Ärzte etwa misstrauisch werden, wenn Eltern ihr Kind erst spät zum Arzt bringen, obwohl es gravierende Verletzungen hat. Oder wenn Mutter und Vater häufig mit dem Kind zum Arzt gehen, aber immer zu einem anderen.

Zudem ist in den Leitlinien festgelegt, wann die Ärzte Anzeige erstatten sollten. Denn auch hier steht viel auf dem Spiel: "Wenn man bei Verdachtsfällen gleich die Polizei einschaltet, spricht sich das womöglich herum, und Eltern kommen mit misshandelten Kindern gar nicht mehr zu uns in die Klinik", sagt Deeg.

Hilfestellung für Ärzte im Netz

Mitunter schalten sich auch Rechtsmediziner ein: Bei der Kinderschutz-Ambulanz des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität München können sich Ärzte in einer geschützten Online-Plattform von den Rechtsmedizinern beraten lassen, besorgte Eltern und Mitarbeiter des Jugendamts bekommen Unterstützung.

"Zu uns kommen viele Eltern, die selbst ein Interesse daran haben zu klären, ob ihr Kind misshandelt wird", sagt die Rechtsmedizinerin Elisabeth Mützel, die sich bei der Kinderschutz-Ambulanz engagiert. "Sie verdächtigen Onkel, Nachbar, Trainer oder Erzieher. Oder eine Mutter hat den Eindruck, dass das Kind sich komisch verhält, nachdem es am Wochenende beim Vater war."

Wird Elisabeth Mützel eingeschaltet, lässt sie sich zunächst detailliert schildern, was passiert ist. Manche Eltern erklären schwere Verletzungen wie einen Schädelbruch damit, das Kind sei vom Sofa gefallen. "Wenn das aber nur 40 Zentimeter hoch ist und davor ein Teppich liegt, muss ich nach einer anderen Erklärung suchen", sagt Mützel. "Vielleicht hat der Vater den Sohn mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen."

Zusätzlich untersucht sie die Körper der Kinder nach Zeichen der Gewalt und gleicht ab, durch welche Tatwerkzeuge diese entstanden sein könnten. Bei Verdacht bittet sie Mitarbeiter des Jugendamts, ihr Fotos von Sofa oder Spielgeräten zu bringen, die für die Verletzungen verantwortlich sein sollen.

"Wir sind manchmal wie Kriminalinspektoren, die versuchen, die Ursache einer Verletzung aufzuklären", sagt auch Deeg. Mal findet er die Ursache, und die Kinder kommen in eine Pflegefamilie oder zu dem Elternteil, der sie gut behandelt.

Manchmal ist Deeg sicher, dass ein Kind misshandelt wird. Dennoch reichen die Befunde für eine Anzeige nicht aus. Oder findige Rechtsanwälte sorgen dafür, dass die Eltern vor Gericht freigesprochen werden. Dann kann Deeg das Kind doch nicht vor dessen eigenen Eltern schützen.

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