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Notaufnahme Salberghaus: Neue Sicherheit für kleine Kinder

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Drogenentzug mit acht Wochen  

Wie das Salberghaus traumatisierten Kindern hilft

27.08.2012, 16:49 Uhr | Anja Speitel, t-online.de

Notaufnahme Salberghaus: Neue Sicherheit für kleine Kinder. 80 Kinder werden momentan im Salberghaus in München betreut. (Quelle: Salberghaus)

80 Kinder werden momentan im Salberghaus in München betreut. (Quelle: Salberghaus)

Verwahrlosung, Misshandlung, sexuelle Übergriffe, psychische Erkrankung oder Drogensucht der Eltern: Kinder, die das erleben müssen, sind oft traumatisiert und entwicklungsverzögert. Um Halt im Leben zu finden, brauchen sie Fürsorge und häufig auch spezielle Therapien. Im Salberghaus, einem entwicklungstherapeutischen Zentrum für kleine Kinder bis zehn Jahre in Putzbrunn bei München, werden die Kleinen aufgefangen und Zukunftsperspektiven für sie entwickelt. 80 Kinder leben derzeit dort.

Die kleine Lina* ist erst acht Wochen alt und hat schon einen Drogenentzug hinter sich. Ihre Mutter ist heroinabhängig. Um den Heroinentzug mit seinen unmenschlichen Schmerzen durchzustehen, wurde Lina die ersten vier Wochen ihres Lebens im Krankenhaus betreut. Da die Mutter Lina dort nur sehr unregelmäßig besuchte und schnell klar war, dass sie sich durch die aufwendige Heroinbeschaffung nur unzureichend um ihr Kind werde kümmern können, verständigte die Klinik das Jugendamt. Dieses sah das Kindeswohl durch die Mutter nicht gesichert und brachte Lina im Salberghaus unter.

In der Not ins "Eulennest"

Lina lebt nun erstmal in der Notaufnahmegruppe "Eulennest". Hierhin kommen Kinder im Rahmen einer sogenannten Inobhutnahme durch das Jugendamt, bis geklärt ist, wie es für das Kind und seine Familie weitergehen kann. "80 Prozent der Kinder sind hier gegen den Willen ihrer Eltern - als Zwangsmaßnahme - untergebracht, weil das Jugendamt das Kindeswohl als gefährdet ansieht", berichtet Wolfgang Pretzer, Leiter des Salberghauses. Die Notaufnahme ist nur für den Übergang gedacht, also solange eine erste Klärung des Falls stattfindet (Stationäres Clearing). "Nach etwa drei Monaten sollte klar sein, wie es weitergehen kann. In Abstimmung mit Jugendamt und Eltern, kommen die Kinder dann innerhalb weiterer drei Monate in therapeutische Wohngruppen des Salberghauses, andere Kinderheime oder Pflegefamilien - und im Idealfall dann wieder zurück zu ihren Eltern."

Verwahrlosung an erster Stelle

Vornehmlich sind es verwahrloste Kinder, die hier aufgefangen werden. Sofie* war sechs Monate alt, auffallend unterversorgt und entwicklungsverzögert, als sie vom Jugendamt ins "Eulennest" gebracht wurde. Ihre erst 18 Jahre alte Mutter war mit ihrer Rolle als Alleinerziehende komplett überfordert und lebte von Hartz IV. Sie war weder in der Lage, ihr Baby regelmäßig zu füttern oder körperlich adäquat zu versorgen, noch beschäftigte sie sich überhaupt mit dem Kind. "Die Frau war psychisch krank und brach komplett zusammen, als man ihr das Baby wegnahm. Das ist immer schlimm für die Eltern. Doch sie können ihr Kind hier besuchen, so oft sie wollen. Denn dabei erfahren sie, was ein kleines Kind für seine gute Entwicklung braucht und wie der Alltag deshalb gestaltet werden sollte", sagt Pretzer.

Problembewusstsein entwickeln

Deshalb ist die Arbeit mit den Eltern auch das Herzstück im Konzept des Salberghauses. "Das Wohl des Kindes steht bei uns an erster Stelle. Wir wollen keine Heimlaufbahn begründen! 50 bis 60 Prozent 'unserer' Kinder gehen auch irgendwann wieder in ihre Ursprungsfamilie zurück. Das Jugendamt und wir erarbeiten mit den Eltern, was geschehen muss, damit sie ihr Kind zurückbekommen. Es geht immer um die gute Zukunftsperspektive für das Kind", betont Wolfgang Pretzer.

Sofies Mutter sperrte sich erst vehement gegen die Arbeit mit den Mitarbeitern des Salberghauses. "Erst mal ist im Kopf: Die haben mir mein Kind weggenommen! Doch wenn es gelingt, überhaupt ein Problembewusstsein der Eltern dafür zu entwickeln, dass dem Kind etwas fehlt, sind wir schon einen ganz gewaltigen Schritt weiter", so Pretzer.

Eltern komplett überfordert

Oft ist schon im Leben der Eltern so viel schief gelaufen, dass sie vor lauter eigenen Problemen gar nicht in der Lage sind, ein Kind gut zu betreuen: Psychische Krankheiten zum Beispiel durch eigenen Missbrauch, Drogensucht oder der Tod des Partners stürzen die Mütter oder Väter in die totale Überforderung. "Wir verteufeln die Eltern nicht, denn oft konnten sie gar nicht anders handeln. Wir versuchen ihnen Verständnis entgegenzubringen und suchen gemeinsam nach Möglichkeiten, wie die Lebenssituation verbessert werden kann. Dazu müssen die Eltern uns aber zeigen, dass sie etwas ändern wollen", so Wolfgang Pretzer.

Bei Sofies Mutter war es so: Schon nach kurzer Zeit erkannte sie, dass sie selbst Hilfe braucht, ließ sich behandeln, zog in eine Wohngruppe für psychisch Kranke und begann dann eine Ausbildung. Jetzt ist sie 22 Jahre alt und hat nächsten Sommer ihren Abschluss in der Tasche. Dann wird Sofie zu ihr zurückziehen, in eine schnuckelige 2-Zimmer-Wohnung, die ihre Mama vor kurzem über das Wohnungsamt bekommen hat. "Schon jetzt ist Sofie jedes Wochenende bei ihrer Mutter daheim. Die Kleine ist jetzt viereinhalb Jahre alt und hat dank Therapien nun einen normalen Entwicklungsstand erreicht. Die Mutter versorgt Sofie jetzt zuverlässig, kann sich altersgerecht mit ihr beschäftigen und ist selbst einen großen Schritt weitergekommen", freut sich Pretzer. Heute sieht auch die Mutter ein, dass Sofies Aufenthalt im Salberghaus für sie die einzige Chance war, ihr Leben doch noch in den Griff zu bekommen.

Die Kinder weinen nicht einmal mehr

Wenn Kinder in der Notaufnahme ankommen, weinen die meisten nicht. "Wir sind froh über jedes Kind, das weint. Denn das spricht dafür, dass das Kind eine Bindung zu seinen Eltern aufgebaut hat", gibt Wolfgang Pretzer zu bedenken. "Viele sind ganz still und zurückgezogen - traumatisierte Kinder. Andere sagen zur Polizistin oder Jugendamt-Mitarbeiterin einfach 'Tschüs' und setzen sich sofort auf den Schoß der Betreuerin. Die sind zwar pflegeleicht, machen uns aber Sorgen. Denn wenn ein Kleinkind ganz selbstverständlich in neue Situationen rein findet, heißt das, dies hat es schon ganz oft erlebt."

Bei Paul* war das so. Der eineinhalbjährige Knirps mit braunem Lockenkopf läuft mir strahlend entgegen und ergreift meine Hand, sobald Wolfgang Pretzer und ich das "Eulennest" betreten haben. "15 verschiedene Personen, bei denen die Mutter ihr Kind regelmäßig abgegeben hat, haben wir bislang ermittelt. Paul geht sofort mit jedem mit. Bislang konnte keine Beziehung zur Mutter entstehen", bedauert Pretzer. Fest steht auch schon: Die Mutter hat schon länger ein Alkoholproblem und eine diagnostizierte Persönlichkeitsstörung als "Borderliner". Sie selbst hat schon in Jugendhilfeeinrichtungen gewohnt, und Pauls älterer Bruder lebt bereits in einer Pflegefamilie. "Hier stellt sich die Frage: Wie schaffen wir es, dass Paul bindungssicher wird. Ein Kind sollte in einem bestimmten Alter fremdeln. Das zeigt, dass es weiß, wo es hingehört und dass es sich abgrenzen kann", betont der erfahrene Sozialpädagoge. Pauls Mutter hat jetzt regelmäßige Besuchsmöglichkeiten und es wird nach einer tragfähigen Perspektive für den Kleinen gesucht.

Neue Sicherheit im Salberghaus

Im "Eulennest" können bis zu sieben Kinder kurzfristig untergebracht werden. Sechs Mitarbeiter kümmern sich im Schicht-System rund um die Uhr um die Kleinen. "Wir machen erst mal nichts Besonderes mit den Kindern, sondern geben ihnen, was die meisten Eltern Gott sei Dank instinktiv richtig machen: Liebevolle Fürsorge, zuverlässige Betreuung, Aufmerksamkeit, altersgerechte Beschäftigung sowie Interesse an ihrer Persönlichkeit und ihrem Handeln. Das kennen die meisten Kinder, die wir hier aufnehmen, leider nicht", erzählt der Einrichtungsleiter. Traumatisierte Kinder können im "Eulennest" wieder Vertrauen aufbauen, vernachlässigte erstmals Sicherheit gewinnen.

Was braucht ein kleines Kind?

Zuverlässige Bezugspersonen, die auf Bedürfnisse eingehen, geben kleinen Kindern Sicherheit. Außerdem brauchen sie klare Abläufe, die den Tag strukturieren: regelmäßige Essens- und Schlafenszeiten, Rituale, klare Regeln. "Deshalb müssen sich auch die Eltern an unsere Regeln halten: Das Kind zu besuchen, geht zum Beispiel nur nach Anmeldung. Zum einen sehen wir dadurch, wie zuverlässig die Eltern sind. Zum anderen muss ein Kind aber auch wissen, wann es Besuch bekommt. Man muss sagen können: Noch zweimal schlafen, dann kommt die Mama wieder. Wenn sie das nicht tut, wartet das Kind die ganze Woche auf die Mama - es macht dann nichts anderes mehr", weiß Wolfgang Pretzer. "Das Schlimmste ist, wenn die Eltern dann doch nicht kommen. Das Kind sitzt dann den ganzen Tag irgendwo und wartet. Weil wir jeden Tag erleben, wie sehr die Kinder an ihren Eltern hängen - auch wenn es ihnen dort schlecht ging -, versuchen wir mit allen Mitteln, die Kinder zurück zu ihren Eltern zu bringen."

Durch Therapien aufholen

Ein Kind kommt aber erst dann zu seinen Eltern zurück, wenn diese gelernt haben, was es zur normalen Entwicklung braucht und wenn das Kind im Salberghaus aufgeholt hat, was ihm bisher fehlte. In der Regel haben Kinder, die hierher kommen, einen riesigen Förderbedarf. Nach einer umfassenden diagnostischen Abklärung wird für jedes Kind ein Erziehungs- und Therapieplan erstellt. Im Salberghaus selbst stehen ihnen neben den Erziehern und Sozialpädagogen in den Wohngruppen auch Krankengymnasten, Ergotherapeuten, Kinderpsychologen, Heilpädagogen und Logopäden zur Verfügung. Um Verzögerungen in der Entwicklung schnell aufholen zu können, wird aber auch auf externe Förderangebote, wie zum Beispiel Musik- oder Reittherapie, zurückgegriffen. "So was können wir aber nur über Spenden finanzieren", appelliert Wolfgang Pretzer.

"Mama-Sein" lernen

Wenn sie wollen, werden die Eltern in die Therapien ihrer Kinder eingebunden. Bei Besuchen wird regelrecht geübt, wie man mit einem Kind umgehen sollte. Die Betreuer beobachten dann den Eltern-Kind-Kontakt und geben Rückmeldungen und Anleitungen zum besseren Handeln. "Ganz wichtig ist aber auch, den Eltern zu sagen, was sie schon sehr gut machen", sagt Pretzer.

Perspektiven entwickeln

Auch für die kleine Lina hofft das Team vom Salberghaus darauf, dass ihre Mutter die Drogensucht überwindet und es ihr so möglich wird, ihrer Tochter eine Zukunftsperspektive zu schenken. "Die Frau möchte ihr Kind natürlich unbedingt wieder haben. Sie zeigt viel Interesse und geht sehr liebevoll mit Lina um - wenn sie denn kommt, denn das schafft sie noch nicht so regelmäßig. Es laufen Gespräche, sie ins Methadon-Programm aufzunehmen. Den Entzug schafft sie momentan wohl noch nicht", bedauert Pretzer. Ihre kleine Tochter hat das schon geschafft. Das Trauma durch die Entzugs-Schmerzen arbeiten Heilpädagogen jetzt mit Lina im Salberghaus auf. Wenn ihre Mutter das auch schafft, kann wieder zusammenkommen, was zusammen gehört.

Weitere Information und einen Spendenkontakt finden Sie auf www.salberghaus.de.

* alle Namen von der Redaktion geändert

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