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Vergiftungen bei Kindern: Diese Handy-App und der Giftnotruf helfen

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Vergiftungen bei Kindern  

Bei Vergiftung niemals Erbrechen auslösen! So hilft der Giftnotruf

30.08.2013, 12:11 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Vergiftungen bei Kindern: Diese Handy-App und der Giftnotruf helfen. Vor allem Eltern von Kleinkindern sollten die Nummer des Giftnotrufes immer parat haben. (Quelle: imago/Niehoff)

Vor allem Eltern von Kleinkindern sollten die Nummer des Giftnotrufes immer parat haben. (Quelle: Niehoff/imago)

Man kann noch so aufpassen und trotzdem finden vor allem Kleinkinder immer wieder einen Weg, Dinge in den Mund zu stecken, die für sie gefährlich werden können. Besteht auch nur der Verdacht, das Kind könne etwas zu sich genommen haben, das giftig oder ätzend ist, dann kann man sich rund um die Uhr telefonisch an den Giftnotruf wenden. Deutschlandweit gibt es neun Giftinformationen, die miteinander vernetzt sind. Hier finden Sie alle Giftnotruf-Nummern in der Übersicht.

Außerdem hat das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) die kostenlose Handy-App "Vergiftungsunfälle bei Kindern" entwickelt. Sie enthält Angaben zu Chemikalien, Medikamenten und Pflanzen, mit denen es zu Vergiftungen bei Kindern kommen kann sowie Hinweise zur Ersten Hilfe. Im Notfall kann man direkt aus der App das nächstgelegene Giftinformationszentrum anrufen.

"Kleine Kinder probieren alles, was so rumsteht"

Die Eltern-Redaktion von t-online.de hat sich mit dem Arzt Hans Jürgen Heppner über typische Vergiftungsfälle bei Kindern unterhalten. Er ist Leiter der Nürnberger Giftnotrufzentrale. Rund 3000 Anrufe gehen jährlich dort ein, fast die Hälfte davon von besorgten Eltern.

t-online.de: Herr Heppner, die meisten Eltern, die bei Ihnen in der Giftnotrufzentrale anrufen, dürften ziemlich aufgelöst sein. Wie viel psychologisches Geschick braucht man hier zusätzlich zum Fachwissen?

Heppner: Eine ganze Menge. In solchen Fällen ist die Schwierigkeit vor allem die, herauszufinden, was wirklich passiert ist beziehungsweise passiert sein könnte. Wir haben häufig die Situation, dass zum Beispiel die Mutter das schreiende Kind auf dem Arm hat, die Oma im Hintergrund aufgeregt versucht, die Situation zu beschreiben und wir rein akustisch schon gar nichts mehr verstehen. In diesen Fällen versuchen wir zunächst mal herauszufinden, ob die Situation lebensbedrohlich ist. Und wenn nicht, dann bitten wir, das Kind mal jemandem zu übergeben, um mit dem Anrufer das weitere Vorgehen zu besprechen.

t-online.de: Wie oft ist die Situation tatsächlich lebensbedrohlich?

Heppner: Erfreulicherweise in den seltensten Fällen. Meistens ist es vergleichsweise harmlos. Es gibt aber natürlich Situationen, die sehr bedenklich sind. Ich erinnere mich da an einen Fall, in dem eine Firma einen Werbe-Adventskalender in Form eines Tablettenblisters unter die Leute gebracht hat. Dieser Adventskalender sah genauso aus wie die Verpackung eines Mittels zur Blutdrucksenkung. Ein Kind hat beides verwechselt und einen halben Streifen der Tabletten gefuttert. Eine Dosis, die tödlich sein kann. Gott sei Dank haben die Eltern das sofort gemerkt und nicht erst, als der Blutdruck schon im Keller war. Ein bisschen später hätte es schon zu spät sein können. Aber so konnten wir schnell handeln und dem Kind innerhalb einer halben Stunde nach der Einnahme eine Magenspülung angedeihen lassen, bei der noch unverdaute Tablettenteile zum Vorschein kamen. Das Kind hat überlebt.

t-online.de: Welche Vergiftungen kommen denn besonders häufig bei Kindern vor?

Heppner: Gerade kleine Kinder probieren gern mal alles, was so herumsteht, und vor allem im Haushalt lauern hier überall Fallen. Manche Hersteller sind da auch wirklich verantwortungslos. Da wird eine appetitliche Zitrone auf die Flasche gemalt und das Ganze schön bunt gestaltet mit einem Geruch wie Limo. Da ist klar, dass dies das Interesse der Kinder weckt. Und gerade die Dinge, die man täglich benutzt wie Spülmittel oder Shampoos beziehungsweise Duschgels spielen besonders häufig eine Rolle. Der Klassiker ist da der Sonntagmorgen, an dem die Eltern noch eine Weile im Bett bleiben und die Kinder das Terrain erkunden. Irgendeiner futtert da immer das Frolic des Familienhundes oder Papas Duschgel. Das allerdings ist vergleichsweise harmlos. Gefährlicher wird es da schon bei scharfen Reinigungsmitteln oder Spülmaschinenkonzentrat, bei destilliertem Wasser, Entkalkern, Medikamenten und natürlich bei giftigen Pflanzen wie dem Gummibaum, der Engelstrompete oder auch dem Schöllkraut, das bei uns als Unkraut an jeder Ecke wächst.

t-online.de: In der Regel stehen die Eltern ja nicht nebendran, wenn ein Kind etwas Giftiges in die Hand bekommt. Was müssen Sie beim Giftnotruf trotzdem wissen?

Heppner: Wir gehen einfach immer erst einmal davon aus, dass etwas in den Körper gelangt ist. Für uns ist dann wichtig: Wer hat was beziehungsweise wie viel von welcher Substanz wann eingenommen? War das gestern, vor einer halben Stunde oder gerade eben erst? Und wie hat er das gemacht? Geschluckt, irgendwo drüber gekippt, ins Auge geträufelt oder inhaliert? Und natürlich müssen wir wissen, wie viel das Kind wiegt und in welchem Zustand es ist, ob es zum Beispiel Verätzungen an den Lippen oder der Zunge hat. Oft ist es aber auch so, dass wir die Eltern erst einmal beruhigen können und ihnen den Rat geben, das Ganze zu beobachten und sich bei einer Veränderung des Zustandes einfach noch einmal zu melden. Wir sind ja immer da!

t-online.de: Immer wieder hört man den Tipp, nach der Einnahme von etwas vermeintlich Giftigem Milch zu sich zu nehmen. Was halten Sie davon?

Heppner: Um Himmels willen, niemals Milch geben! Das hilft nur bei ganz wenigen Substanzen, in der Regel hat es den gegenteiligen Effekt: Die Aufnahme des giftigen Stoffes wird sogar noch beschleunigt und damit die Gefahr für das Kind erhöht. Auch Omas Hausmittel mit dem Salzwasser ist extrem gefährlich. Denn dadurch geraten die gesamten Körpersalze aus dem Gleichgewicht, was gerade bei Kindern sehr gefährlich werden kann. Außerdem ist es in den meisten Fällen gar nicht sinnvoll, bei einer Vergiftung ein Erbrechen herbeizuführen. Wir machen das selbst in der Klinik nur in ganz seltenen Fällen. Denn das könnte zum Beispiel zu weiteren Verätzungen führen oder dazu, dass die Substanz eingeatmet wird und dann wird es erst richtig gefährlich.

t-online.de: Gibt es denn aber Hausmittel, die man anwenden kann?

Heppner: Sinnvoll ist es, in einem Haushalt mit Kleinkindern für Vergiftungen mit Duschgel und Co. immer einen Entschäumer wie zum Beispiel SAB Simplex-Tropfen im Haus zu haben. Bis zum zwölften Lebensjahr genügt ein Teelöffel. Danach, nicht davor, das Kind viel trinken lassen, zum Beispiel Tee. Aber auch hier nicht zu viel, sonst wird das wieder problematisch. Bei Vergiftungen anderer Art hat sich auch Aktivkohle immer wieder bewährt.

t-online.de: Sie erleben in der Giftnotrufzentrale sicher auch skurrile Begebenheiten, oder?

Heppner: Ja, das stimmt. Einer der mir spontan einfällt, ist ein Anrufer, der uns verständigte, weil er eine schwarze Wolke, die durch den Keller des Nachbarn zu ihm durchgedrungen sei, eingeatmet habe und es jetzt im Hals brenne. Da haben wir zuerst einmal die Feuerwehr hingeschickt, aber da war nichts, was wir fast schon vermutet hatten. Auch erinnere ich mich immer wieder gerne an eine Mutter, die völlig aufgelöst bei uns anrief, weil die bereits schulpflichtige Tochter ihre Antibabypille getestet hat. Etwas, was toxikologisch völlig irrelevant ist. Ich sagte ihr, dass sie jetzt aufpassen müsse - und zwar auf sich und nicht auf das Kind. Sie hat in ihrer Aufregung einen Moment gebraucht, bis sie mich verstanden hat und dann konnten wir beide darüber lachen.

t-online.de: Hand aufs Herz - haben Sie selbst den Giftnotruf auch schon einmal in Anspruch genommen?

Heppner: Um ehrlich zu sein, ja! Das war vor vielen Jahren, als unsere Tochter noch sehr klein war. Sie kam uns mit einem leeren Kopfschmerztablettenblister entgegen und wir wussten nicht, wie viele Tabletten da überhaupt noch drin gewesen sind. Da habe ich dann bei den Kollegen angerufen, um herauszufinden, wo die Gefährdungsdosis liegt. Alles kann man nicht im Kopf haben und wir verlassen uns da auch auf unsere große, vernetzte Datenbank. Mit deren Hilfe wir in jedem Fall kompetent beraten können. Wir bekommen ja auch häufig Anfragen von Kollegen aus anderen Kliniken, denen wir dann sofort die entsprechenden Informationen abrufen und faxen können.

t-online.de: Wie finanziert sich denn der Giftnotruf eigentlich?

Heppner: Zum einen müssen wir jährlich neu einen Antrag auf Projektförderung bei der Regierung stellen. Eine solche Projektförderung reicht aber natürlich nicht zur Finanzierung. Ein Drittel bis fast die Hälfte finanziert das Klinikum selbst. Der Rest finanziert sich durch Forschungsprojekte zu Giftwirkungen, unter anderem gemeinsam mit der Universität Erlangen-Nürnberg oder auch der Industrie. Und gelegentlich auch durch Spenden, über die wir uns immer sehr freuen, da sie den Erhalt unserer Arbeit gewährleisten.

Sinnvoll wäre ja, wenn wir Geld von den Kassen dazubekämen. Denn schließlich sparen wir ihnen auch eine Menge ein. Man muss sich das mal so vorstellen: Ein Anruf in der Giftnotrufzentrale kostet, rechnen wir mal die Arbeitszeit und alles, was notwendig ist, um den Service zu liefern, vielleicht 15 Euro. In den meisten Fällen können wir helfen und das Kind muss nicht in die Notaufnahme. Rufen aufgeregte Eltern allerdings gleich den Rettungsdienst, dann kostet das die Kassen allein schon 1500 Euro. Die bezahlt werden.

t-online.de: Herr Dr. Heppner, wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch!

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