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Contergan-Hersteller Grünenthal entschuldigt sich erstmals

31.08.2012, 19:29 Uhr | dapd, dpa

Contergan-Hersteller Grünenthal entschuldigt sich erstmals. Contergan kam 1957 als Schlaf- und Beruhigungsmittel auf den Markt. Von  Schwangeren eingenommen, führte es zu schweren Missbildungen bei den Kindern. (Quelle: dpa)

Von Schwangeren eingenommen, führte das Schlafmittel Contergan zu schweren Missbildungen bei den Kindern. (Quelle: dpa)

Der frühere Contergan-Hersteller Grünenthal hat sich jetzt erstmals bei den Opfern des Arzneimittelskandals entschuldigt. Bei der Einweihung des wohl ersten Denkmals für die weltweit 10.000 Geschädigten sagte Grünenthal-Geschäftsführer Harald Stock in Stolberg bei Aachen, es sei bedauerlich, dass das Unternehmen nicht viel früher auf die Opfer zugegangen sei.

Grünenthal-Chef: "Nie den Weg von Mensch zu Mensch gefunden"

"Darüber hinaus bitten wir um Entschuldigung, dass wir 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen, von Mensch zu Mensch, gefunden haben. Stattdessen haben wir geschwiegen." Grünenthal hatte zwar schon mehrfach sein Bedauern über die "Tragödie" zum Ausdruck gebracht, sich aber noch nie explizit entschuldigt. Contergan steht für den größten Medikamenten-Skandal der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Vorwurf: Finanzielle Entschädigung kommt zu kurz

Nach Stocks Äußerungen brandete Applaus im Theatersaal des Kulturzentrums auf, in dem die Feierstunde zur Einweihung des Denkmals abgehalten wurde. Es meldeten sich aber auch sofort zwei Kritiker aus dem Publikum zu Wort. Sie warfen Grünenthal vor, finanziell viel zu wenig für die Opfer zu tun und noch immer verhüllende Begriffe wie "Tragödie" zu verwenden.

Der Bundesverband Contergangeschädigter wollte zunächst nicht reagieren. Der Stolberger Bürgermeister Ferdi Gatzweiler (SPD) sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Wenn es so ist, dass das wirklich das erste Mal gewesen ist und das auch von den Betroffenen so empfunden wird, dann ist das ein Erfolg für alle." Er sei in jedem Fall "sehr glücklich".

10.000 Kinder mit Missbildungen durch Contergan

Die rheinische Firma Grünenthal hatte das Schlafmittel 1957 auf den Markt gebracht. Viele werdende Mütter nahmen das als ungefährlich angepriesene Schlafmittel Contergan ein - vor allem auch weil es gegen Schwangerschaftsübelkeit half. Doch bald kamen weltweit etwa 10.000 Kinder mit schweren Missbildungen vor allem an Armen und Beinen zur Welt. In Deutschland allein waren es ungefähr 5000. Erst 1961 zog Grünenthal das Medikament zurück. Als Folge des Skandals hat die Bundesrepublik Deutschland heute eines der strengsten Arzneimittelgesetze der Welt.

Größter Medizinskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte

Nach langen Auseinandersetzungen wurde 1971 eine Stiftung eingerichtet und mit 200 Millionen Mark ausgestattet. Das Geld kam jeweils zur Hälfte von Grünenthal und vom Bund. Aus diesem Fonds erhalten die Geschädigten eine Rente. Die rund 2.400 noch in Deutschland lebenden Contergan-Opfer sind inzwischen 50 Jahre und älter.

Eine späte Entschuldigung

Bislang hatte das Unternehmen von Verantwortung gesprochen und sein Bedauern ausgedrückt. Das Wort "Entschuldigung" war aber bislang nicht gefallen, da nach früherer Argumentation des Unternehmens darin das Wort "Schuld" enthalten ist. Stock sagte bei der bewegenden Veranstaltung, dass Grünenthal bei der Entwicklung von Contergan nach dem damaligen Wissensstand und Kenntnisstand gehandelt habe. "Wir wünschten, es wäre nie geschehen." In den vergangenen Jahren habe man bemerkt, wie wichtig Gespräche mit den Betroffenen sein.

Proteste gegen Enthüllung des ersten Contergan-Denkmals

Anlass der überraschenden Worte war die Enthüllung des ersten Contergan-Denkmals, das an die Opfer des Medizinskandals erinnern soll. Mehrere Verbände waren dem Ereignis trotz Einladung demonstrativ ferngeblieben, da Grünenthal die Kosten für das bronzene Kunstwerk in Höhe von 5000 Euro finanziert hatte. "Wir sehen das als zynische PR-Maßnahme von Grünenthal", sagte die Sprecherin des Bundesverbandes Contergangeschädigter, Ilonka Stebritz, der dpa. Für Grünenthal gebe es wirklich Dringenderes zu tun, als ein Denkmal zu sponsern. Die Contergan-Opfer benötigten ganz konkrete Unterstützung, um ihren Alltag zu bewältigen, und diese Unterstützung werde von Grünenthal verweigert.

"Es war an der Zeit"

Contergan-Opfer fordern eine Entschädigung vom Hersteller des Medikaments. (Quelle: dapd)Contergan-Opfer fordern eine Entschädigung vom Hersteller des Medikaments. (Quelle: dapd) Die Initiative für das Denkmal kam von dem betroffenen Johannes Igel aus dem Hunsrück, der das Vorhaben per Bürgerantrag in den Stolberger Stadtrat eingebracht hatte. Igel nannte Contergan "die größte menschliche Katastrophe in der Nachkriegsgeschichte nach dem Holocaust". Die Entschuldigung sei an der Zeit gewesen. "Jetzt müssten auch Taten folgen", sagte Igel. Zahlreiche Geschädigte, die häufig verstümmelte Gliedmaßen haben, bräuchten dringend finanzielle Unterstützung.

Betroffene brauchen finanzielle Unterstützung

Das Denkmal, das ein Mädchen ohne Arme auf einem Stuhl sitzend neben einem leeren Stuhl zeigt, hat in einem städtischen Kulturzentrum seinen Platz gefunden. Auf einem Schild steht: "Zur Erinnerung an die Toten und Überlebenden der Contergankatastrophe." Zuvor war auch über den Standort des Denkmals und den Zeitpunkt der Einweihung - 50 Jahre nach dem Skandal - heftig diskutiert worden. Manche hatten sich einen prominenteren Ort gewünscht.

Grünenthals Rolle war bislang umstrittenen. Betroffene hatten neben einer Entschuldigung immer wieder mehr Hilfsleistungen von dem Millionenschweren Konzern gefordert. Gegen den kritischen ARD-Film "Eine einzige Tablette" vor fünf Jahren ging das Unternehmen gerichtlich vor und wollte die Ausstrahlung verhindern.

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