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Interview: Medizinische Versorgung von Kindern bedroht

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Interview mit Kinderarzt  

Medizinische Versorgung von Kindern in Deutschland bedroht

21.09.2012, 13:15 Uhr | Berufsverband der Kinder und Jugendärzte e.V., t-online.de

Interview: Medizinische Versorgung von Kindern bedroht. In naher Zukunft könnte es in ländlichen Gegenden immer schwerer werden für eine ausreichende Medizinversorgung von Kindern zu sorgen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

In naher Zukunft könnte es in ländlichen Gegenden immer schwerer werden für eine ausreichende Medizinversorgung von Kindern zu sorgen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Unzureichende medizinische Versorgung für Kinder - was zunächst nicht nach Deutschland klingt, könnte hier trotzdem bald in ländlichen Gegenden zu einem ernsthaften Problem werden. Warum das so ist und was dagegen unternommen werden muss, erklärt Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), im Interview mit dem Medizinjournalist Jo Kanders.

Die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen auf dem Lande droht zusammenzubrechen, wenn Praxisinhaber in den nächsten zehn, 15 Jahren aus Altersgründen schließen müssen. Sie haben zahlreiche Vorschläge gemacht, junge Pädiater für die ambulante Versorgung zu gewinnen. Ist das, was da geschehen ist, ausreichend, oder gibt es immer noch politische Hemmschuhe, die eine flächendeckende, allgemeine, gute und hochqualifizierte medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in der Fläche verhindern können?

Hartmann: Es gibt erhebliche Hindernisse, die im Zulassungsrecht bestehen. Junge Kolleginnen und Kollegen sind durchaus bereit, in der ambulanten Versorgung tätig zu sein. Aber: Sie wollen sich nicht dauerhaft auf dem Land niederlassen. Sie möchten in Großstädten oder eben in Mittelstädten leben. Sie sind aber bereit, zur Aufnahme der Arbeit in periphere Regionen zu fahren - aber eben nur stundenweise, nicht 24 Stunden. Sie möchten eben ihren Lebensmittelpunkt in größeren Städten behalten. Und wenn die Strukturen verändert würden, wenn man also entsprechende Räume auf dem Lande zur Verfügung stellte für verschiedene Arztgruppen, nicht nur für Kinder- und Jugendärzte, wenn man garantieren würde, dass auch Familien ohne Auto zu diesen Standorten günstig transportiert werden könnten, dann wäre die Versorgung auf Dauer auch sicher zu stellen. Die althergebrachte Struktur von Einzelpraxen ist nicht mehr das, was unser Nachwuchs möchte, auch wenn ihm dafür mehr Geld angeboten wird. Von daher brauchen wir völlig neue Strukturen. Hier müssen die Politiker, aber auch selbstverständlich die Krankenkassen umdenken, um diesem Wunsch unseres Nachwuchses gerecht werden zu können.

Wie können denn solche Anreize konkret aussehen? Sprechen wir von der Teilzeitpraxis. Die wird natürlich nicht irgendwo auf einem Dorf mit 500 Einwohner eingerichtet werden können. Da wird man eine mittlere Kreisstadt nehmen müssen. Da gibt es Transportprobleme. Es gibt Schwierigkeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und viele Familien mit Kindern sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, weil oft nur ein Auto in der Familie ist. Wäre es denkbar, dass die Krankenkassen Kosten für den Transport, seien es Krankentaxis oder ähnliches, übernehmen?

Hartmann: Wir haben bereits mit einem hochrangigen Vertreter der Krankenkassen gesprochen, der dieses Problem auch sieht und der gesagt hat: Hier gibt es sehr wohl die Möglichkeit, in Zukunft entsprechende Kosten zu übernehmen. Aber: Die Verbesserung der Infrastruktur ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. So wie Kinder zum Kindergarten oder in die Schule transportiert werden, so muss es auch möglich sein, die Patienten und nicht nur die Kinder, sondern auch ältere Patienten, zum Arzt zu transportieren. Das muss gewährleistet sein. Denn wir haben ja auch Familien, die überhaupt kein Auto haben. Und der öffentliche Personennahverkehr ist teilweise so ausgedünnt, dass alle die Bedürfnisse der Bevölkerung, die eben in dünn besiedelten Gegenden wohnen, mit dem öffentlichen Personennahverkehr überhaupt nicht mehr gewährleistet werden. Also muss es andere Strukturen geben. Man kann eben Bestelltaxis nehmen oder irgendwelche anderen günstigen Mietwagen, die dann unter anderem auch von der Öffentlichkeit mitfinanziert werden, aber auch selbstverständlich beim Krankentransport von Krankenkassen. Es ist nicht sinnvoll, dass der Arzt in diese Gegenden fährt, wenn ein  Patient transportfähig ist. Fährt der Arzt dorthin, verbraucht er viel zu viel Zeit, die er der Versorgung von Patienten zur Verfügung stellen könnte. Deshalb ist es immer sinnvoller, wenn die Patienten transportfähig sind - das sind Kinder in den meisten Fällen, dass sie zum Arzt kommen, nicht umgekehrt.

Wie sieht das aus mit dem Nachwuchs in den Praxen? In Niedersachsen zum Beispiel gibt es derzeit rund 450 niedergelassene Kinder- und Jugendärzte. Von diesen 450 werden laut Statistik der Ärztekammer Hannover etwa 250 bis zum Jahre 2020 wegfallen. Wie wollen sie diese Lücke schließen? Wie wollen Sie Anreize schaffen, damit zumindest ein erheblicher Teil dieser Praxen wieder besetzt werden kann?
 
Hartmann: Mit den Vorstellungen zur Sicherstellung durch Einzelpraxen vor Ort, die viele Kollegen und die Politik bisher haben, ist dieses Problem überhaupt nicht zu lösen. Die Umfrage bei den jungen Kollegen, die sich noch in der Weiterbildung befinden, zeigt, dass sie sehr wohl bereit sind, im ambulanten Versorgungsbereich tätig zu sein. Aber sie wollen im Angestelltenverhältnis arbeiten und sie suchen vor allem Teizeitarbeit. Wir haben im Moment eine genügend große Anzahl von Ärzten, die die Weiterbildung zum Kinder- und Jugendarzt abschließen. Diesen müssen Strukturen geboten werden, die ihnen ermöglichen im Angestelltenverhältnis arbeiten zu können. Dann lassen sich auch Versorgungslücken schließen. Nicht mehr in der Dichte, wie wir das bisher hatten. Doch für die Gesundheitsversorgung von Kindern und Jugendlichen - und das zeigen zum Beispiel ja in unserer Nähe die skandinavischen Länder - ist es ja gar nicht erforderlich, dass alle zehn Kilometer ein Pädiater sitzt. Da kann man auch mal 40 bis 50 Kilometer weit fahren. Vorstellungsanlässe bei uns sind ja meist keine Akutfälle, sondern es sind planbare Untersuchungen. Für Akutfälle muss eine fachübergreifende Notfallversorgung sichergestellt werden. Und da müssen wir völlig umdenken, wenn wir eine hochqualifzierte pädiatrische Versorgung in Zukunft sichern wollen. Das gilt ja nicht nur für die Pädiatrie. Auch die Allgemeinmedizin wird nicht mehr in dieser Dichte vor Ort vorhanden sein, wie sie das derzeit noch teilweise ist. Die Bevölkerung muss hier umdenken. Es gibt Strukturen in hochentwickelten Ländern, die jetzt schon so sind, wie sie bei uns sein werden - und darauf muss man sich einstellen. Entscheidend für mich ist immer, dass der Transport zu diesen Versorgungszentren gewährleistet ist.

Welche Rolle kommt da dem Berufsverband zu? Zum Beispiel beim Abschluss von Verträgen mit den Krankenkassen, eventuell auch von Sonderverträgen?

Hartmann: Wir sondieren dies zur Zeit in Gesprächen sowohl mit privaten Krankenhausträgern als auch mit der Firma Patiodoc, die ja ein Zusammenschluss von Interessenten aus unterschiedlichen Bereichen der Medizin ist, die solche Versorgungszentren gründen und finanzieren möchten, um den Ärzten die Arbeitsumgebung zur Verfügung zu stellen, die sie möchten. Sie bauen medizinische Versorgungszentren, setzen dort Gesundheitsmanager ein, stellen das Personal ein und stellen quasi die gesamte Infrastruktur den Ärzten zur Verfügung, die dann nur noch ärztlich, und nicht mehr als Verwalter tätig sein müssen. Das ist etwas, was die Kollegen wünschen. Wenn diese Angebote mal wirklich vorhanden sind, bin ich sicher, dass sie auch genügend Zuspruch finden. Denn: Wir haben das erfragt. Und die Kollegen sind bereit. Wir sehen ja auch jetzt schon an der Bereitschaft vieler jungen Kollegen in medizinischen Versorgungszentren, die an Kinderkliniken angegliedert sind, tätig zu sein, dass das eine Tätigkeit ist, die die Zukunft der Kinder- und Jugendmedizin vielfach ausmachen wird. Natürlich wird es im Einzelfall auch immer noch Einzelpraxen geben. Da sind wir auch gar nicht dagegen. Aber wir sehen eben, dass die Mehrheit des Nachwuchses das nicht wünscht. Und dann müssen wir Strukturen zur Verfügung stellen, die dem Wunsch des Nachwuchses auch gerecht wird.

Welche flankierenden Maßnahmen muss die Politik für die Entwicklung und die Vorantreibung dieser Ideen schaffen?

Hartmann: Sie müssen Geld zur Verfügung stellen. Sie haben ja schon was getan, was gut ist. Die Residenzpflicht der Ärzte ist ja aufgehoben worden. Das heißt: Man muss nicht mehr an dem Ort wohnen, an dem man seine Praxis betreibt. Das ist ein ganz wesentlicher Schritt. Angesichts der Feminisierung der Medizin ist es ermöglicht worden, dass  Frauen nach einer Geburt auch länger als ein Vierteljahr aus der Berufstätigkeit ausscheiden können, ohne ihre Zulassung zu verlieren. Aber wir müssen von der Vorstellung wegkommnen, dass Gemeinden sagen, wir stellen ein Baugrundstück zur Verfügung und dann wird schon ein Arzt kommen. Es ist auch falsch zu glauben, dass mit finanziellen Anreizen allein, die ja diskutiert werden, und die zum Teil in einigen Krankenversicherungen eingeführt worden sind, die Kolleginnen und Kollegen motiviert werden, aufs Land zu gehen. Nein, die wollen nicht aufs Land gehen. Das Geld spielt bei ihnen zwar auch eine Rolle. Aber nicht die dominierende Rolle. Weil es meistens Akademiker sind, bei denen beide Partner verdienen. Da kommt es eben darauf an, dass sie genügend Zeit für private Interessen und die Familie haben.

Vielen Dank für das Interview!

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