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Depression bei Kindern und Jugendlichen: Was Eltern tun können

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Life-Studie  

Schon Schulkinder leiden an Depressionen

26.09.2013, 11:01 Uhr | Anja Reumschüssel, t-online.de, dpa

Depression bei Kindern und Jugendlichen: Was Eltern tun können. Depressionen: auch Kinder und Jugendliche können daran erkranken. (Quelle: dpa/tmn)

Depressionen: auch Kinder und Jugendliche können daran erkranken. (Quelle: dpa/tmn)

Depression ist nicht nur eine Krankheit von Erwachsenen. Schon Schulkinder leiden an depressiven Störungen. "Bei Kindern und Jugendlichen sind Depressionen ein unterschätztes Problem", warnen Wissenschaftler. Eltern sollten anhaltende Traurigkeit bei ihrem Kind ernst nehmen und professionelle Hilfe suchen.

Im Rahmen einer groß angelegten Studie mit Daten zu Gesundheit und Lebensumständen von rund 26.500 Kindern und Erwachsenen aus Leipzig sammeln Experten am Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen (Life) neue Erkenntnisse zu Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Depression. Eine erste Erkenntnis: Knapp zehn Prozent der bisher rund 500 untersuchten acht- bis 14-Jährigen wiesen alle Kriterien einer aktuellen depressiven Störung auf. Die meisten haben ein sozial schwieriges und belastendes Umfeld, bei einem Drittel sind die Eltern depressiv.

Dunkelheit im Herzen - wenn Kinder depressiv werden

Wie gravierend sich eine Depression auf das Leben von Kindern und Jugendlichen auswirken kann, zeigt das Beispiel von Elisa*: Vor dem Fenster mit den geschlossenen Jalousien scheint die Sonne. Drinnen, hinter den Jalousien, ist es dunkel. Genauso wie in Elisas Gedanken und Gefühlen. Das Mädchen kommt tagelang nicht aus ihrem Zimmer, hat sich aus Decken eine Höhle gebaut, verschwindet dort. Als die Depression Elisa fest umklammert hielt, war sie 15 Jahre alt. Doch die Krankheit kam viel früher. Wann genau, weiß Jörg Lohgard nicht. Er kennt Elisa erst, seit sie mit 15 in die betreute Wohngruppe in Hamburg kam, in der er als Sozialpädagoge arbeitet. Kinder und Jugendliche mit einer besonders schweren Lebensgeschichte oder besonders gravierenden Probleme finden dort Hilfe. Elisa ist eine von ihnen.

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Ein bis zwei Kinder pro Schulklasse erkranken an Depression

Wie Elisa leiden rund zwölf Prozent aller Jungen und 20 Prozent aller Mädchen bis zu ihrem 18. Geburtstag mindestens einmal unter Depressionen. Das sind vier bis acht Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland - mindestens ein Kind in jeder Schulklasse. Damit gehören Depressionen zu den häufigsten psychischen Störungen. Die World Federation for Mental Health sieht in der Erkrankung gar eine globale Krise.

Eltern sollten einen Psychologen mit einbeziehen

Doch die Hälfte der Fälle werde gar nicht erkannt, sagt der Kinder- und Jugendtherapeut und Fachbuchautor Martin Baierl aus Heuchlingen (Baden-Württemberg). Grund dafür sei oft, dass Eltern mit auffälligen Kindern nur zum Kinder- oder Hausarzt gehen. Wenn der nicht helfen kann, bleiben die Eltern oft allein. Wenn Kinder nicht mehr lachen können, keine Freude mehr an ihren Hobbys haben, sollten Eltern nicht nur zum Kinderarzt gehen, sondern unbedingt einen Psychologen oder Therapeuten aufsuchen, der sich auf Kinder und Jugendliche spezialisiert hat, betont Baierl.

Stille Alarmsignale: diese Symptome weisen auf Depressionen hin

Die Anzeichen für eine Depression sind bei Kindern ähnlich wie bei Erwachsenen. Michael Schulte-Markwort, Direktor der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, zählt verschiedene Symptome auf: Ständige Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Schlaf- und Essstörungen gehören dazu. Auch Konzentrationsstörungen, Aggressivität, Schuldgefühle und ein geringes Selbstwertgefühl können auf eine Depression hinweisen. "Depression hat viele unspezifische Symptome", sagt Baierl. "Die endgültige Diagnose kann nur ein Facharzt stellen."

Belastungen oder Probleme können der Auslöser sein

Ob ein Mensch zu Depressionen neigt, entscheiden die Gene. Ist ein Elternteil depressiv, sind auch die Kinder anfälliger. Ausgelöst wird die Krankheit aber häufig durch äußere, oft sehr einschneidende Faktoren. "Die häufigste Ursache ist die Trennung der Eltern", sagt Schulte-Markwort. Aber grundsätzlich könne jede langanhaltende Belastung oder ein kurzfristiges, schweres Problem der Auslöser sein, erklärt Baierl.

Dazu gehören Überforderung in der Schule, Mobbing, Streit mit den Eltern, aber auch ein Migrationshintergrund und Probleme mit der fremden Kultur. Elisas Vater war Alkoholiker, die Eltern trennten sich, die alleinerziehende Mutter konnte sich nicht ausreichend um die drei Kinder kümmern. Elisa plagten Verlustängste und Selbstzweifel - typische Probleme, die mit einer Depression einhergehen.

Ängste und Traurigkeit unbedingt ernst nehmen

Die Ängste sind für Außenstehende nicht immer real. Für das Kind schon. Deswegen sei es wichtig, die Traurigkeit und Ängste der Kinder ernst zu nehmen und zu würdigen, sagt Lohgard. Erst wenn das Kind sich mit seinen Problemen angenommen fühlt, kann es anfangen, diese Probleme zu lösen. Genauso wie Erwachsene brauchen Kinder Hilfe, um Depressionen zu überwinden. Nach der Diagnose folgt wie bei jeder Krankheit die Behandlung. Im Falle einer Depression ist das meist eine Gesprächs- oder Verhaltenstherapie. Bei einer mittleren bis schweren Depression wird die Behandlung in der Regel durch Antidepressiva unterstützt.

Das Kind ist nicht faul, sondern krank

Doch die wichtigste Medizin gerade in dieser Zeit ist eine gute Beziehung zu den Eltern. Sie sollten Ansprechpartner sein, Fortschritte anerkennen und vor allem Geduld haben, empfiehlt Baierl. Denn wenn ein Kind wegen Depressionen nicht aus dem Bett kommt oder schlechte Noten nach Hause bringt, dann ist es nicht faul, sondern krank.

Ein positives Lebensgefühl unterstützen

Genauso wie bestimmte Lebensumstände Depressionen fördern, können andere Umstände vorbeugend wirken. Eine gute Atmosphäre zuhause, klare Grenzen, ein strukturierter Tagesablauf, ermutigende Worte der Eltern, Erfolgserlebnisse und Anerkennung stärken Kinder und machen sie immuner gegen die Folgen von Schicksalsschlägen und Belastungen. "Loben Sie ihr Kind", rät Baierl. "Und lösen Sie Probleme gemeinsam." Bewegung, viel Licht, helle Räume sorgen außerdem für ein positives Lebensgefühl, fügt er hinzu. Und: "Eltern müssen auch dafür sorgen, dass es ihnen gut geht, sonst können sie ihren Kindern nicht zur Seite stehen."

Kein Hollywood-Happy-End erwarten

Elisa ist heute 20 Jahre alt. Die Gesprächstherapie hat sie nach fünf Jahren abgeschlossen. Die Angstattacken sind vergangen. Doch die Traurigkeit bleibt. Drei Viertel aller Betroffenen erkranken im Laufe ihres Lebens erneut an Depression, sagt Baierl. Wichtig ist deswegen, in der Therapie den Umgang mit der Krankheit zu lernen. Elisas Geschichte habe kein Happy End wie in Hollywood, sagt Lohgard. "Aber Elisa ist stabil." Doch ohne die Behandlung hätte sie gar keine Chance gehabt, ist der Pädagoge überzeugt. Nun kann sie ihren Alltag strukturieren und mit der Traurigkeit leben. Und vielleicht scheint irgendwann auch für sie wieder die Sonne.

*Der Name wurde auf Wunsch der Betroffenen geändert.

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