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Blinddarmentzündung: Kinderchirurgen raten von Antibiotika-Therapie ab

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Zu viele Unsicherheitsfaktoren  

Kinderchirurgen raten von Antibiotika-Therapie bei Blinddarmentzündung ab

07.05.2014, 14:37 Uhr | tze, t-online.de

Blinddarmentzündung: Kinderchirurgen raten von Antibiotika-Therapie ab. Blinddarmentzündung: Laut einer US-Studie ist eine Operation nicht immer nötig. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Tabletten statt Operation: Laut einer US-Studie reicht in manchen Fällen eine Behandlung mit Antibiotika. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Antibiotika statt Operation für Kinder mit Blinddarmentzündung - diese Behandlungsmöglichkeit haben Wissenschaftler in den USA kürzlich in einer Studie positiv bewertet. Aber die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) warnt in einer Stellungnahme vor den Unsicherheitsfaktoren und rät von dieser Therapie für Kinder ab.

Die aktuelle Studie des Forschungsinstituts am Nationwide Children's Hospital in Ohio basiert auf 77 Fällen bei Kindern zwischen sieben und 17 Jahren. Sie litten an akuter Blinddarmentzündung - in der Fachsprache als Appendizitis bezeichnet - mit unkompliziertem Verlauf. 47 Kinder wurden operiert, 30 wurden stattdessen mit Antibiotika behandelt. 27 der nicht operierten Kinder waren nach der Antiobiotika-Therapie schneller wieder fit als die operierten. Aufgrund dieser ersten Erkenntnisse empfehlen die amerikanischen Forscher, die Behandlung von Blinddarmentzündungen zu überdenken.

Die deutschen Kinderchirurgen halten dies jedoch nach dem momentanen Forschungsstand für zu riskant, wie aus der offiziellen Stellungnahme der DGKCH hervorgeht. Tobias Schuster, Chefarzt der Kinderchirurgischen Klinik am Klinikum Augsburg und Pressesprecher der DGKCH, hat die Studienergebnisse auf Anfrage der Elternredaktion von T-Online.de bewertet.

UMFRAGE
Wie würden Sie Ihr Kind bei einer Blinddarmentzündung lieber behandeln lassen?

Definition "unkomplizierter" Blinddarmentzündung problematisch

In der Studie aus den USA wird die medikamentöse Behandlung ausdrücklich für "unkomplizierte Fälle" empfohlen. Doch diese Definition ist aus Sicht der DGKCH höchst problematisch. Es gebe bis heute keine diagnostischen Kriterien für eine "unkomplizierte" Blinddarmentzündung. Aktuelle, abgesicherte Studien, die eine nichtoperative Therapie der Appendizitis als "effektive und sichere Behandlung" bewerteten, stammten aus der Erwachsenmedizin und bezögen sich fast ausnahmslos auf Befunde einer Computertomographie (CT), heißt es.

Computertomographie bei Kindern vermeiden

"Diese strahlenbelastende Diagnostik sollte im Kindesalter bei Verdacht auf unkomplizierte Blinddarmentzündung in jedem Fall vermieden werden", warnt die DGKCH in ihrer Stellungnahme. Die in Deutschland gängige Untersuchungsmethode ist Ultraschall, in der Fachsprache Sonografie.

Auch in der Studie aus Ohio seien die Befunde einer CT- oder Ultraschalluntersuchung herangezogen worden, zum Beispiel ein Durchmesser des Wurmfortsatzes (Appendix) von mehr als 1,1 Zentimetern. "Aus unserer Sicht bestätigt sonografisch festzustellender veränderter Wandaufbau der Appendix auch bei kleinerem Durchmesser den klinisch erhobenen Verdacht auf Appendizitis", teilt der Chirurgen-Verband mit.

Diagnose bei Kindern mit Übergewicht schwierig

Allerdings hat die Ultraschall-Diagnostik auch ihre Grenzen. Ihre Sensitivität als unabhängige diagnostische Untersuchung bei Verdacht auf Blinddarmentzündung betrage nur 38 bis 83 Prozent. Bei übergewichtigen Kindern sei es noch schwieriger, insbesondere eine unkomplizierte Blinddarmentzündung sonografisch festzustellen. "Selbst in Zentren mit ausgewiesener kinderradiologischer beziehungsweise sonografischer Expertise gelingt die Darstellung des Blinddarmes, gesund oder nicht, keinesfalls bei allen Kindern."

Das Kind hat Bauchschmerzen - ist es der Blinddarm?

Generell könne sich das Beschwerdebild der Blinddarmentzündung bei Kindern und Jugendlichen sehr variabel präsentieren. Das gelte entsprechend für die ärztliche Anamnese.

Die Experten der DGKCH äußern Zweifel an der Allgemeingültigkeit und Beweiskraft der Studie aus Ohio. Es sei "prinzipiell problematisch", isolierte Parameter, wie etwa "länger als 48 Stunden andauernde Bauchschmerzen", als Einschlusskriterium für derartige Studien zu werten.

Die Chirurgen geben zu bedenken, dass nach Angaben eines der Studienautoren nur 20 Prozent aller Kinder mit Blinddarmentzündung die Kriterien einer milden Blinddarmentzündung erfüllt hätten.

Erhalt des Wurmfortsatzes ist erstrebenswert

DGKCH-Pressesprecher Schuster weist darauf hin, dass bereits seit den fünfziger Jahren immer wieder Ergebnisse zur konservativen Behandlung von Blinddarmentzündungen ohne Operation veröffentlicht wurden.

"Die Studien über konservative Behandlungsoptionen bei Appendizitis verdienen höchste Anerkennung mit ihrem Bestreben, den Wurmfortsatz mit seiner Funktion, etwa für das Immunsystem, zu erhalten. Darüberhinaus tragen sie erfreulicherweise dazu bei, eine zu Beginn milde Blinddarmentzündung nicht ausnahmslos als eine Krankheit zu verstehen, die bei Nichtbehandlung immer zur 'Katastrophe' führt. Bei sorgfältiger und strenger, nicht übereilter Indikationsstellung zur Operation gelingt es sogar, dem Körper selbst das Heilen zu überlassen und so selbst eine antibiotische Therapie zu vermeiden", heißt es in der Stellungnahme.

Dazu müssten die Betroffenen allerdings auch bereit sein, betont Schuster. In der Studie aus Ohio hatten sich von 77 Kindern mit "unkomplizierter" Appendizitis nur 30 (39 Prozent) für die Alternative Zur Operation entschieden. Drei (zehn Prozent) von diesen mussten später doch noch operiert werden.

DGKCH rät von Antibiotika-Therapie bei Kindern ab

Das Fazit der deutschen Kinderchirurgen: "Gegenwärtig existiert keine medizinische Evidenz, eine nichtoperative, rein antibiotische Vorgehensweise zur Behandlung der 'unkomplizierten' Appendizitis zu empfehlen. Nach über 130 Jahren Erfahrung mit dem operativen Entfernen des Wurmfortsatzes und über 30 Jahren Erfahrung mit minimal-invasiven Operationstechniken ist dies unverändert die Therapie der Wahl bei Blinddarmentzündung im Kindes- und Jugendalter."

Der Nutzen einer Operationsvermeidung im Vergleich zu den möglichen Komplikationen einer konservativen Therapie und womöglich später doch noch nötigen Operation sei nicht hinreichend geklärt. Weitere überprüfende Studien bei Patienten im Kindesalter seien erforderlich, um ein Umdenken zu gestatten.

Verzicht auf OP ist auch bei Erwachsenen unsicher

Auch bei Erwachsenen mit Blinddarmentzündung müssen Ärzte abwägen, ob sie operieren oder nicht. Für erwachsene Patienten liegen schon mehr Forschungsdaten vor als zu Kindern. Die DGKCH verweist auf eine aktuelle Übersicht, die 2012 im "European Journal of Pediatric Surgery" erschien und die Ergebnisse von vier Studien an Erwachsenen mit akuter Blinddarmentzündung zusammenfasst.

Demnach konnte in 73 Prozent der Fälle auch im Verlauf der Blinddarmentzündung auf eine Operation verzichtet werden. Die meist kurze Nachbeobachtungszeit der Studien erschwere es, dem Patienten mit ausreichender Sicherheit sagen zu können, dass er von einer erneuten Blinddarmentzündung oder auch später noch nötigen Operation langfristig verschont bleibt.

In einer weiteren Studie, die 2011 im Fachjournal "Lancet" veröffentlicht wurde, hätten während einer stationären Therapie mit Antibiotika 12,5 Prozent der erwachsenen Patienten operiert werden müssen und weitere rund 30 Prozent benötigten innerhalb der darauffolgenden zwölf Monate eine Operation.

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