Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Gesundheit >

Schlaganfall: So kämpft sich Kathi zurück ins Leben

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Schlaganfall bei Kindern  

Kathi (7): "Ich baue mir eine Zeitmaschine - und dann passiert der doofe Schlaganfall nicht"

30.06.2014, 16:27 Uhr | Anja Speitel, t-online.de

Schlaganfall: So kämpft sich Kathi zurück ins Leben. Nach dem Schlaganfall - Kathi will gewinnen. (Quelle: privat)

Nach dem Schlaganfall - Kathi will gewinnen. (Quelle: privat)

Ein Schlaganfall trifft nur alte Menschen - so denken die meisten. Dabei sind in Deutschland rund 300 Kinder pro Jahr von diesem Schicksal betroffen. Wie Kathi: Sie war erst fünf Jahre alt, als der Hirninfarkt ihr Leben und das ihrer Familie schlagartig veränderte. 

Kathi ist ein kleiner Wirbelwind. Ihr blonder Pferdeschwanz hüpft kräftig auf und ab, wenn sie auf dem Fußballplatz versucht, hinter dem Ball her zu rennen: Die Siebenjährige aus Braunschweig zieht ihr rechtes Bein stark nach. Ihr rechter Arm hängt schlapp herab. Denn Kathi ist seit dem 9. Dezember 2011 halbseitig gelähmt. An diesem Tag erlitt sie einen Schlaganfall. 

Beim Kinderturnen änderte sich plötzlich das Leben 

"Ich werde Kathis Schrei niemals vergessen", sagt ihre Mutter Yvonne. Sie war mit Katharina beim Kinderturnen, die ausgelassen auf dem Trampolin hüpfte - doch plötzlich schrie Kathi auf und sackte zusammen. "Wir haben Kathi auf den Boden gesetzt, ihr etwas zu trinken gegeben. Aber sie konnte die Flasche gar nicht halten. Ihr rechter Arm schien wie aus Gummi. Auch das rechte Bein hing wie fremd an ihrem Körper. Kathis ganze rechte Seite war irgendwie verdreht, sie konnte gar nicht mehr sitzen", erinnert sich Yvonne. "Dann wurde ihre Stimme immer leiser. Ich rief sofort den Notarzt." 

Bei Verdacht auf Schlaganfall sofort die 112 wählen!

Yvonne hatte genau richtig gehandelt. Denn bei einem Schlaganfall zählt jede Minute: Etwa zwei Millionen Nervenzellen sterben bei einem Schlaganfall pro Minute ab - und Nervenzellen, die einmal abgestorben sind, kann man nicht wiederbeleben. Es dauerte noch nicht einmal zehn Minuten, bis der Notarzt in der Sporthalle eintraf und Kathi ins nächste Krankenhaus mit Kinderintensivstation brachte.

Kathis Ausfälle wie die plötzliche einseitige Lähmung und Sprachstörungen waren typische Schlaganfall-Symptome

Je kleiner die Kinder, desto schwieriger die Diagnose 

"Doch je kleiner ein Kind ist, desto schwieriger ist es, Schlaganfall-Symptome als solche zu erkennen", erklärt Ronald Sträter, Oberarzt an der Universitäts-Kinderklinik Münster. "Sprachstörungen oder Lähmungserscheinungen fallen nicht so eindeutig auf. Bis zum Grundschulalter kann ein Kind oft nicht erklären, was genau mit ihm nicht stimmt, wenn es zum Beispiel seinen Arm plötzlich nicht mehr richtig bewegen kann. Bei einem Kind nimmt man eher an, dass es sich gestoßen hat oder hingefallen ist, statt einen Schlaganfall als Ursache zu vermuten", gibt der Experte zu bedenken. "Nicht selten forscht man dann wochenlang etwa nach einer orthopädischen Ursache, bevor die Diagnose Schlaganfall gestellt wird."

Gründe für einen Schlaganfall bei Kindern

Ein Schlaganfall wird von einer Durchblutungsstörung im Gehirn hervorgerufen: Ein hirnversorgendes Gefäß (Arterie) verstopft, reißt oder platzt. Gehirnzellen in diesem Bereich werden nicht mehr mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Sie beginnen abzusterben, wichtige Funktionen des Gehirns fallen aus. Das sind bei Kindern und Erwachsenen dieselben Vorgänge. Dennoch ist mittlerweile klar, dass ein Schlaganfall bei Kindern nicht mit dem eines Erwachsenen zu vergleichen ist.

"Die Ursachen des kindlichen Schlaganfalls sind andere als bei Erwachsenen und sehr vielfältig", so Sträter. Er gilt als Fachmann in Sachen "Kinder und Schlaganfall". In einer Langzeitstudie werden seit 1996 Daten von Schlaganfall-betroffenen Kindern erfasst; mittlerweile sind es um die 1000 kleine Patienten. "Dank ihnen kennen wir heute die Auslöser für einen kindlichen Schlaganfall: Blutgerinnungsstörungen, wie eine angeborene Neigung zur Gerinnselbildung, Gefäßverengungen und/oder Herzfehler. Aber auch Gefäßentzündungen durch Infektionen wie Windpocken. Bilden sich an den Gefäßwänden Gerinnsel, können diese mit dem Blutstrom ins Gehirn gelangen und dort einen Schlaganfall auslösen", sagt Sträter.

Schon im Mutterleib kann es zum Schlaganfall kommen

Rund ein Drittel aller kindlichen Schlaganfälle ereignet sich vor der Geburt oder um sie herum: "Jedes Ungeborene hat noch ein kleines Loch im Herzen (Foramen ovale). Das Blut wird dadurch im Mutterleib an der Lunge vorbeigeschleust; dort findet ja noch kein Gasaustausch statt", erläutert Sträter. "Entsteht ein Blutgerinnsel in der Plazenta oder im Körper des Kindes, kann es durch das kleine Loch auf die linke Seite des Herzens gelangen, die das Blut ins Hirn pumpt. Deshalb ist die Zeit im Mutterleib und um die Geburt herum eine besonders kritische Phase für Schlaganfälle."

Kathi kämpfte 48 Stunden um ihr Leben

Dass Kathi tatsächlich ein Schlaganfall getroffen hatte, zeigt einen Tag nach ihrem Schicksalsschlag die Untersuchung mit dem Magnetresonanztomographen (MRT). "Kathi musste dafür in eine andere Klinik gefahren werden, hat davon aber nichts mitbekommen, da sie überhaupt nicht ansprechbar war", erinnern sich ihre Eltern Yvonne und Dennis. "Unsere Maus so zu sehen, war ein Schock. Alles war wie vernebelt, da uns der Oberarzt mitteilte, dass es für Kathi nun erst mal um Leben und Tod ging." Denn auf einen Schlaganfall reagiert das Gehirn mit starker Gewebeschwellung, die in lebensgefährlichen Hirndruck münden kann.

Der Grund für Kathis Schlaganfall war eine Gefäßentzündung (Vaskulitis) einer Hirnarterie, die sich dadurch stark verengt hatte. Durch die zügige Gabe blutverdünnender und entzündungshemmender Medikamente konnte verhindert werden, dass sich an der Gefäßenge erneut ein Blutgerinnsel bildete. "Noch vor einigen Jahren wäre Kathi nicht so behandelt worden, weil die Medizin einfach zu wenig über kindliche Schlaganfälle wusste", gibt Sträter zu bedenken. "Sie hätte weitere Schlaganfälle erlitten, was hätte tödlich ausgehen können."

Die bei Erwachsenen mit durchblutungsbedingtem Schlaganfall so geläufige Lyse-Therapie wird bei Kindern nicht routinemäßig eingesetzt. "Es ist nicht bewiesen, dass sich die Lyse bei Kindern positiv auswirkt", so Sträter. "Bei Kindern stecken andere Ursachen hinter dem Schlaganfall als bei Erwachsenen. Zudem muss die Lyse innerhalb von drei bis sechs Stunden nach dem Gefäßverschluss durchgeführt werden. Dieses Zeitfenster erfüllt man bei Kindern in der Regel nicht, da man meist erst mal nicht an einen Schlaganfall denkt."

Junges Gehirn erholt sich schneller

Drei Tage nach dem Schlaganfall hatte sich Kathis Gehirn schon so weit erholt, dass es aus seinem Dämmerzustand erwachte: "Am Montag schlug unsere Maus die Augen auf. Sie konnte nicht sprechen, ihre rechte Seite war komplett gelähmt. Aber sie verstand einfache Fragen und reagierte richtig darauf, indem sie nickte oder den Kopf schüttelte. Bei allem Unglück fiel uns ein Stein vom Herzen", erinnern sich die Eltern, "konnten wir schwere geistige Behinderungen doch jetzt ausschließen."

Bereits sechs Tage nach dem Schlaganfall wurde Kathi in die Früh-Reha verlegt. Täglich bekam sie Logopädie, Physio- und Ergotherapie. "Wir haben Kathi ständig motiviert, alles mitzumachen, um sich selbst ihren größten Wunsch zu erfüllen: Sie spielt so gerne Fußball", schmunzeln Yvonne und Dennis. "Als erstes fing Kathi wieder an zu sprechen. Dann hat sie unablässig daran gearbeitet, im Sitzen nicht mehr umzufallen. Nach zwei Wochen stand sie dann das erste Mal wieder und im Januar hat sie ihre ersten Schritte nach dem Schlaganfall gemacht. Wir haben sie täglich bestärkt, dass sie es wieder auf den Fußballplatz schafft, sie angefeuert, noch ein paar Schritte zu gehen. Zur Belohnung gab’s dann meist ein Eis."

Flexibles Kinder-Hirn als größte Chance

Dass sich Kathi so schnell von ihrem Schlaganfall erholte, liegt an der höheren Plastizität des kindlichen Gehirns. "Es ist noch viel flexibler als das Gehirn Erwachsener. Damit sind die Chancen größer, dass andere Hirnbereiche die Aufgaben übernehmen, für die normalerweise jene Regionen zuständig sind, die durch den Schlaganfall beschädigt wurden", weiß Sträter. Deshalb können Kinder nach einem leichten Schlaganfall wieder komplett fit werden. Allerdings nimmt die Fähigkeit des Hirns zur Kompensation mit zunehmendem Alter ab. "Schon das Gehirn eines 14-Jährigen kann eine Schädigung etwa des Sprachzentrums viel schlechter kompensieren als das eines Neugeborenen. Wurde dessen Sprachzentrum geschädigt, kann das Kind weitgehend normal sprechen lernen."

Üben, Üben, Üben

Man darf jedoch nicht vergessen, dass das ein langer, harter Weg ist: "Die Kinder müssen ständig üben. Fördermaßnahmen wie Krankengymnastik, Sprach- und Ergotherapie helfen dabei, dass Umgehungsbahnen im Gehirn aktiviert werden, die ausgefallene Areale ersetzen können", so Sträter. Vier stationäre Rehabilitations-Maßnahmen hat Kathi bereits hinter sich. "In der zweiten Reha hat sie sich durch Laufbandtraining von 200 Meter auf zwei Kilometer hochgekämpft. Auch die Forced-Use-Therapie hat ihr viel gebracht", erzählt die Mutter. Dabei wurde Kathis gesunde, linke Hand fixiert, sodass sie gezwungen war, alles mit ihrer gelähmten, rechten zu versuchen. "Auch im Alltag motivieren wir Kathi immer, den rechten Arm einzusetzen."

Therapien rauben Teil der Kindheit

Doch solche Fortschritte haben auch ihren Preis: "Kathi hat noch heute fast jeden Tag Therapien. Die sind Zeitfresser und rauben ihr natürlich einen Teil ihrer Kindheit. Sie hat viele Freunde verloren - genauso wie wir", sagt Yvonne traurig.

"Dass ein Kind einen Schlaganfall erleiden kann, wissen die meisten Menschen nicht, also verunsichert das stark - nicht nur die Eltern, sondern auch Angehörige und Freunde", weiß Sabine Dawabi, Projektleiterin der Aktion Kinder Schlaganfall-Hilfe. Sie unterstützt mit ihrem Team betroffene Familien bei der Verarbeitung dieses besonderen Schicksals, vernetzt sie mit Experten wie Ronald Sträter, spezialisierten Reha-Einrichtungen und auch untereinander. "Die Familien können sich so gegenseitig helfen, etwa Therapie-Erfahrungen und Tipps für den Alltag teilen. Wir kämpfen um eine adäquate Versorgung dieser kleinen Patienten", so Dawabi.

Die Folgen des Schlaganfalls sind langwierig

"Der Schlaganfall hat Kathi und auch uns als Familie stark verändert", reflektiert Yvonne. "Kathi steht immer im Mittelpunkt. Sie ist zu 70 Prozent behindert, braucht eine Orthese am rechten Unterschenkel, eine Schiene an der Hand und immer noch starke Medikamente. Manchmal weint sie und sagt: "Ich baue mir eine Zeitmaschine und dann passiert dieser doofe Schlaganfall nicht." Dann sagen wir ihr, dass wir sie so lieben, wie sie jetzt ist und erinnern sie daran, wie viel sie schon geschafft hat."

Eine armbetonte Halbseitenlähmung (Hemiparese), wie Kathi sie hat, ist die häufigste körperliche Folge des kindlichen Schlaganfalls. Auch auf seelisch-geistiger Ebene zeigen sich oft Einschränkungen, etwa Depressionen, Angstzustände, Gedächtnis- sowie Aufmerksamkeitsstörungen. "Die Kinder machen durch den Schlaganfall psychosoziale Rückschritte. Sie müssen ja oft alles neu lernen, weil komplexe neurokognitive Funktionen gestört sind", gibt Sträter zu bedenken. "Gehirntests können solche Defizite aufdecken, die dann bei der Schulwahl  berücksichtigt werden müssen."

Kathi gibt nicht auf

Kathi geht mittlerweile auf eine Förderschule für Körperbehinderte. "Sie ist dort Klassenbeste", strahlt Yvonne. "Kognitive Einschränkungen hat sie bislang nicht." Die körperlichen Folgen des Schlaganfalls sind zwar noch stark ausgeprägt, aber den Mut verliert die Familie deshalb nicht: "Seit kurzem fangen Kathis rechte Finger an, sich ganz langsam wieder zu bewegen", freut sich Yvonne. "Auch wenn es nur noch minimale Verbesserungen sind, sie motivieren Kathi unheimlich, immer weiter zu machen." Und das, obwohl sie ihr erstes großes Ziel nach dem Schlaganfall ja schon erreicht hat: Jeden Freitag spielt sie jetzt wieder Fußball. Ihre gelähmte Seite schein Kathi fast zu vergessen, wenn sie in einer Behinderten-Sportgruppe dem runden Leder hinterher rennt. Und neue Freunde, die sie so nehmen, wie sie ist, hat sie dadurch auch gefunden.

Weitere Infos

Viele Informationen rund um das Thema "Schlaganfall bei Kindern" bietet die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe: http://www.schlaganfall-hilfe.de/kindlicher-schlaganfall

Um Kinder wie Kathi und ihre Familie zu unterstützen und die kleinen Patienten besser versorgen zu können, sind Spenden für die Aktion Kinder Schlaganfall-Hilfe notwendig. Dadurch wird zum Beispiel auch eine halbe Arztstelle im Team von Dr. Sträter in der Universitäts-Kinderklinik Münster finanziert. Hier können Sie spenden: https://www.schlaganfall-hilfe.de/spenden (beim Feld Spendenzweck "Aktion Kinder Schlaganfall-Hilfe" auswählen!).

Über die Fortschritte von Kathi kann man sich auch bei Facebook informieren: https://www.facebook.com/pages/Kathis-World-vom-091211-bis-Dato/208201106046762?sk=info

Sie finden uns auch auf Facebook - jetzt Fan unserer "Eltern-Welt" werden und mitdiskutieren!

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Die besten Videos des Jahres 2016 
Historischer Panzer fährt nach 70 Jahren wieder

Mit großer Not startet der 520-PS-starke Motor zu neuem Leben. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
Nur heute und nur für die 1.000 schnellsten Besteller

tolino page eBook-Reader zum Schnäppchenpreis von nur 49.- € statt 69.- € bei Weltbild.de. Shopping

Shopping
iPhone 7 32 GB im Tarif MagentaMobil L mit Handy

Nur 99,95 €¹. Nur online: 24 Monate 10 % sparen! bei der Telekom Shopping

Vernetzung
Christmas Shopping: Jetzt 15,- € Gutschein sichern!

Nur bis zum 14.12.16. Erfahren Sie mehr zur Aktion auf MADELEINE.de.

tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal