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HIV positiv  

Trotz HIV lebt Marlies (40) ihren Traum von der eigenen Familie

23.12.2014, 12:54 Uhr | Anja Speitel; Carola Engler, t-online.de

Trotz HIV lebt Marlies ihren Traum von der eigenen Familie . HIV-infizierte Menschen können heutzutage dank optimaler Therapien ein Leben fast ohne Einschränkungen führen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

HIV-infizierte Menschen können heutzutage dank optimaler Therapien ein Leben fast ohne Einschränkungen führen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Aids. Ein Schreckgespenst. Eine hochansteckende Seuche, an der weltweit Abermillionen leiden, grausam dahinsiechen und qualvoll sterben. So ist die Vorstellung der meisten Menschen von dieser Immunschwäche. Doch dieses Bild ist falsch. In Deutschland sind zwar schätzungsweise 100.000 Menschen infiziert. Die meisten HIV-Positiven leben jedoch dank bester Therapie hierzulande fast ohne jegliche Einschränkung und erreichen ein genau so hohes Alter bei guter Gesundheit wie Nichtinfizierte. Frauen mit HIV können sogar gesunde Kinder bekommen - wie Marlies*. Das ist ihre Geschichte.

Marlies ist heute 40 Jahre alt, lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Berlin und arbeitet als Hundetrainerin. Sie war 22, als sie überraschend erfuhr, dass sie HIV-positiv ist.

"Ich studierte damals in München Veterinärmedizin. Da traf ich Elmar*. Er studierte Jura. Wir verliebten uns so heftig ineinander, dass wir schon beim ersten Date beschlossen, zu heiraten." Marlies wollte vor der ersten Intimität aber auf Nummer sicher gehen und bat Elmar um einen Test auf sexuell übertragbare Krankheiten. Als Entgegenkommen ging sie ebenfalls zum Arzt.

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Durch die HIV-Diagnose brach die Welt zusammen

Marlies erinnert sich noch genau an den Schock, als sie die Diagnose bekam: "Für mich brach die ganze Welt zusammen." Panisch ging sie in die Apotheke, kaufte Unmengen an Desinfektionsmitteln und putzte ihre ganze Studentenbude, die sie sich mit ihrer Kommilitonin Karla* teilte. "Ich habe auch alles Geschirr und Besteck in eine hochprozentige Desinfektionslösung eingeweicht", erzählt Marlies. "Anschließend stellt ich mich unter die Dusche, bestimmt für eine Stunde, seifte mich immer wieder mit desinfizierendem Gel ein. Ich wollte dieses Virus einfach abwaschen, weg haben!"

Als Karla nach Hause kam und die ungewohnte Sauberkeit als auch den klinischen Geruch in der Wohnung bemerkte, erzählte Marlies ihr heulend das Ergebnis des Tests. "Karla reagierte erst mitfühlend, nahm mich in den Arm und wich dann urplötzlich erschrocken zurück. Sie sagte: Tut mir so leid für Dich. Aber ich hab Angst, dass ich mich infiziere. Tränen sind doch auch ansteckend, oder?" Karla zog noch am selben Tag zu Freunden.

Stigmatisierung als ansteckende Kranke

"Tränen sind genau so wenig ansteckend wie Umarmungen, Bussis, gemeinsam kochen, gleiches Geschirr benutzen oder im selben Bad duschen", erklärt der Leiter der Münchner Aidshilfe Michael Tappe, selbst HIV-positiv. "Doch eine panische Reaktion von Mitmenschen wie Karla ist leider bis heute normal - wenn auch überzogen und verletzend für den Infizierten. Das HI-Virus lässt sich nämlich nur relativ schwer auf andere übertragen. Vor allem, wenn eine adäquate antivirale Behandlung eingehalten wird, liegt das Infektionsrisiko für andere praktisch bei Null", weiß der Fachmann.

Selbst Menschen, die gar nicht wissen, dass sie HIV-positiv sind und deswegen auch keine entsprechende Therapie machen oder Vorsichtsmaßnahmen treffen, sind nur zu 0,2 Prozent infektiös für andere - selbst bei dem als hochriskant geltendem ungeschütztem Sex.

Im Fall von Marlies ist bis heute nicht erklärbar, wann und wie und sie sich angesteckt hat: "Ich hatte zwei, drei Mal Sex ohne Kondom als Teenie, ich nahm ja die Pille. Und nach einem Autounfallunfall mit zwei Jahren bekam ich Bluttransfusionen."

Elmar hielt trotz HIV zu Marlies

Am Tag nach der Diagnose war Marlies mit Elmar verabredet - er war kerngesund. Sie zeigte ihm stumm ihren Befund. Elmar war kurz fassungslos, Tränen stiegen in seine Augen. Marlies: "Dann sagte er: Wir schaffen das. Mein Onkel ist auch positiv. Das ist nicht so schlimm. Er zog mich an sich und küsste mich. Ich wollte abwehren, aber er meinte: 'Davon steckt sich niemand an.'" Elmar, der durch seinen Onkel bereits erlebt hatte, dass die Diagnose HIV nicht solch ein Drama ist, wie unwissende Menschen glauben, gab Marlies so viel Unterstützung, wie er nur konnte: "Ich hatte gar keine Angst, wollte ihr nur beistehen." Zwei Monate nach Marlies HIV-Diagnose heirateten die beiden.

Marlies hatte Glück, dass sich ihre große Liebe schon mit der Krankheit auskannte. Denn normalerweise fällt die Reaktion ganz anders aus, wie Michael Tappe weiß: "Für unwissende Familienangehörige, Freunde und Kollegen ist die Diagnose HIV-positiv meist ein Schock. Da kommt ganz massive Angst auf. Die wenigsten wissen, dass diese Infektion gut behandelbar und dann kaum ansteckend ist."

Ein gesundes Kind

Zur Krönung ihrer Liebe wünschten sich die Frischvermählten ein gemeinsames Kind. Aber die damals noch vorherrschende medizinische Meinung war, dass es ein Risiko und egoistisch sei. Also wollten beide lieber ein Kind adoptieren. Doch die Resonanz war ernüchternd: Sobald bekannt wurde, dass Marlies HIV-positiv ist, erhielten sie eine generelle Absage.

Dann geschah das Wunder: Marlies wurde schwanger. "Wir haben nur mit Kondom Sex gehabt, aber irgendwie ist es doch passiert", strahlt Marlies heute. Ihre damalige Frauenärztin war jedoch erschrocken und riet zur Abtreibung, was für das Ehepaar nicht in Frage kam. Also gingen Marlies und Elmar gemeinsam in Aufklärungs- und Selbsthilfegruppen und fanden darüber schließlich einen Gynäkologen, der die Ängste der werdenden Eltern zerstreute.

Wenn eine HIV-positive Schwangere mit entsprechenden Virostatika behandelt wird, besteht keine Gefahr, dass der Virus auf das Kind übertragen wird. So verliefen sowohl Marlies' Schwangerschaft als auch die Entbindung völlig problemlos. Als Sophie* auf die Welt kam, war sie gesund. Gestillt hat Marlies ihre Tochter jedoch nicht, weil das damals noch als risikoreich galt. "Das geht heute aber problemlos", sagt Michael Tappe. "Wenn die Mutter medikamentös behandelt wird, besteht auch hier keine Infektionsgefahr."

Arbeiten mit Aids - Vorbehalte überall

Als Sophie drei Jahre alt war, zog die junge Familie nach Berlin um: Elmar hatte dort eine tolle Stelle gefunden, Sophie fühlte sich im neuen Kindergarten wohl. Marlies bekam einen Halbtagsjob in einer Tierarztpraxis und schrieb an ihrer Doktorarbeit. Das Leben schien in ganz normalen Bahnen zu verlaufen. Bis Elmar eines Tages auf Dienstreise ging. Dort erzählte ihm ein Kollege abends an der Hotelbar verzweifelt, dass sein Bruder gerade die HIV-Diagnose bekommen habe. Elmar wollte helfen und offenbarte, dass seine Frau auch positiv ist und dass das heute kein großes Problem mehr sei.

Zwei Wochen später erhielt Elmar eine angeblich betriebsbedingte sofortige Kündigung. "Ich sprach meinen Chef an. Er sagte nur verlegen: Ihre Frau ist doch schwer krank, kümmern sie sich um sie." Als Marlies davon erfuhr, erzählte sie das empört einer gut befreundeten Kollegin in ihrer Praxis. "Sie wusste, dass ich eine Immunschwäche habe. Ich nannte es halt bisher nicht Aids, Immunschwäche klingt einfach besser."

Noch am gleichen Tag wurde Marlies fristlos gekündigt. Begründung: Sie habe ihre schwer ansteckende Krankheit Aids verheimlicht und damit das Praxisteam als auch die zu behandelnden Tiere sowie deren Besitzer in Gefahr gebracht. Marlies war sprachlos und erhob auch keinen Einspruch - obwohl Fakt ist, dass HIV-Infizierte als Human- wie Tiermediziner und sogar als Chirurgen arbeiten können. Denn die heutige medizinische Behandlung unterdrückt das Virus praktisch vollkommen.

Aids hält man besser geheim 

Ihrer Tochter erzählten die Eltern erst von Marlies' Krankheit, als sie in die Schule kam. Damals konnte die kleine Sophie mit dem Begriff Aids natürlich nichts anfangen - dafür jedoch Eltern ihrer Mitschüler, worauf diese ihren Kindern rieten, sich von Sophie fernzuhalten. Im Elternbeirat wurde sogar beschlossen, dass "dieses arme Kind" lieber in eine andere Schule geschickt werden sollte, wo sie entsprechend betreut werden könnte. Daraufhin meldeten die Eltern Sophie in eine Privatschule an und schärften ihr ein, dass sie niemandem über die Aids-Diagnose ihrer Mama erzählen solle.

"Wir sagen heute fast keinem mehr, dass meine Frau HIV-positiv ist", sagt Elmar. Michale Tappe versteht das als selbst Betroffener und Beratungsfachmann nur zu gut: "Man muss sich nicht überall in der Außenwelt offenbaren. Das schürt unnötige und unbegründete Ängste, denn leider ist unsere Gesellschaft beim Thema Aids noch viel zu unaufgeklärt. Aber natürlich sollte sich jeder HIV-Infizierte optimal medizinisch behandeln lassen. Dann ist diese Diagnose heute wirklich gar kein Problem mehr."

Die heute 16-jährige Tochter Sophie weiß durch ihre Eltern schon mehr über Aids als die meisten Menschen: "Ich kann immer mit meiner Mama kuscheln. Wir leben ja auch ganz normal: geben uns Bussis, essen gemeinsam, putzen und waschen nicht mehr als andere. Trotzdem erzähle ich den meisten meiner Freunde nicht mehr, dass Mama Aids hat. Das würde sie unnötig erschrecken. Die meisten denken dann, dass auch ich nun krank und ansteckend wäre."

Mit ihrem "kleinen Geheimnis" lebt die Familie heute gut: Marlies und Elmar haben sich beide selbstständig gemacht. Und Sophie hat viele Freunde auf dem Gymnasium. Sie möchte nach dem Abi Medizin und Psychologie studieren.

*Name von der Redaktion geändert

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