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Impfskeptiker in Berlin: "Die Haltung vieler Eltern ist ein großes Problem"

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Pflicht oder nicht  

Impfskeptiker in Berlin: "Die Haltung vieler Eltern ist ein großes Problem"

24.02.2015, 17:50 Uhr | Anna Reimann, Spiegel Online

Impfskeptiker in Berlin: "Die Haltung vieler Eltern ist ein großes Problem". Café am Helmholtzplatz in Berlin: "Was ist nun gefährlicher?" (Quelle: Spiegel Online)

Café am Helmholtzplatz in Berlin: "Was ist nun gefährlicher?" (Quelle: Spiegel Online)

In Berlin grassieren die Masern, ein Kleinkind ist gestorben. Im Bezirk Prenzlauer Berg leben besonders viele ungeimpfte Kinder. Ein Stimmungsbild aus dem Szene-Stadtteil.

Im Kindercafé Kiezkind, einem bunten Häuschen auf dem Helmholtzplatz mit Indoor-Sandkiste für die Kleinen und Kaffee und Kuchen für die Großen, sitzt Lea* mit einer Freundin. Die Kinder krabbeln und tollen herum, füllen Förmchen. Lea, eine Mittdreißigerin mit langen braunen Haaren, sagt: Sie wisse nicht, was sie nun tun solle, was gefährlicher sei - die Impfung oder die Masern? Ihre Kinderärztin habe gesagt, es sei nicht schlimm, wenn das Kind die Masern durchmache.

Aber jetzt sei sie durch den Ausbruch der Krankheit schon aufgeschreckt. Ihre Tochter, fast drei, geht nicht in die Kita, aber in eine antroposophische Spielgruppe. Lea vermutet, dass die meisten Kinder dort nicht geimpft sind.

Schlimmster Ausbruch seit Meldepflicht

In Berlin grassieren die Masern, es ist der schlimmste Ausbruch seit Beginn der Meldepflicht im Jahr 2001. Laut Behörden sind insgesamt 593 Menschen in der Hauptstadt an dem Virus erkrankt - mehr als ein Viertel von ihnen muss im Krankenhaus behandelt werden.

Ausbreiten konnte sich die Krankheit, weil viele Berliner nicht geimpft sind. Nun ist ein Kleinkind an Masern gestorben. Die Bestürzung ist groß. Die Nachricht sorgte auch im Ausland für Schlagzeilen.

Hochburg der Impfgegner

Im Stadtteil Prenzlauer Berg, wo Lea mit ihrer Tochter lebt, sind besonders viele Kinder nicht geimpft. 15 Prozent der Erstklässler rund um den Helmholtzplatz waren im Jahr 2011/2012 bei der Einschulungsuntersuchung nicht gegen Masern immunisiert. In anderen Teilen des Bezirks lag die Quote bei rund vier Prozent - das hatte die Lokalzeitung "Prenzlauer Berg Nachrichten" 2013 unter Berufung auf das Bezirksamt berichtet. Die Eltern jener Kinder, meist gut situierte Akademiker, halten die Gefahren einer Impfung offenbar für größer als die der Krankheit - obwohl Fakten das widerlegen.

Es ist eine brisante Mischung, hier im gentrifizierten Prenzlauer Berg: Denn gleichzeitig gehen 71 Prozent der Kinder im Alter von ein bis drei Jahren in die Kita. Kinder unter 18 Monaten haben - wenn überhaupt - häufig nur die erste der Masernimpfungen bekommen und sind so besonders darauf angewiesen, dass die älteren die Krankheit nicht weitertragen.

Empörung über Impfgegner wächst

Im Bezirk Pankow, zu dem auch der Prenzlauer Berg gehört, gab es seit Jahresbeginn 56 Maserninfizierte - alle sind Kinder im Alter von 8 bis 15 Jahren. Jetzt wächst in der Gegend auch die Empörung über die Impfgegner. "Diese Haltung vieler Eltern ist seit Jahren ein großes Problem", sagt eine Mitarbeiterin einer Kita. Eine Kita-Leiterin sagt, die Impfmoral lasse merklich nach. "Wir brauchen eine Impfpflicht", etwas anderes helfe nicht, meint sie. "Ich finde es absolut unverantwortlich, wenn Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen. Das ist nur rücksichtslos", sagt Jule, Mutter zweier Kinder, die mit dem Kinderwagen in dem Kiez unterwegs ist.

"Natürlich ist eine Impfung nicht besonders angenehm"

In einer Kinderarztpraxis mit anthroposophischem Schwerpunkt an der Grenze zu Berlin-Mitte steht an diesem Montag das Telefon nicht still. Besorgte Eltern rufen an und wollen Beratung. Wie groß sei der Schutz nach der ersten Impfung? Nütze es, jetzt noch schnell zu impfen? Nein, unter zwölf Monaten impfe man nicht, sagt die Arzthelferin am Telefon. Ob man während des akuten Ausbruchs andere Empfehlungen an die Eltern gebe? Nein, die Eltern sollten selbst entscheiden, man wolle da nichts raten, so die Arzthelferin.

Aber viele Eltern sind verunsichert: Eine Frau, die ihr Baby im Kinderwagen über den Helmholtzplatz schiebt, sagt, sie wisse noch nicht, ob sie ihr Kind impfen lasse. Sie selbst habe früher Masern gehabt, das sei harmlos gewesen. Eine andere Mutter erzählt, sie müsse sich jetzt erstmal selbst immunisieren lassen. Ihre Kinder seien geimpft, aber die vielen Mehrfachimpfungen, die ein Baby im ersten Jahr bekomme, habe sie schon als belastend empfunden. Sie findet, es sei die persönliche Entscheidung der Eltern.

Alternative ist schlimmer

Das sieht Katharina P. vom Prenzlauer Berg ganz anders. Sie ist mit ihrem neun Monate alten Sohn unterwegs. Zum Impfen hat sie eine klare Haltung: "Natürlich ist es nicht besonders angenehm nach der Impfung ein schreiendes Kind zu haben, das dann irgendwann noch fiebert. Aber die Alternative ist viel schlimmer", sagt sie. "Ich könnte es nie mit mir vereinbaren, mein Kind nicht gegen Masern zu impfen. Dadurch gefährde ich ja nicht nur mein eigenes Kind, sondern auch andere, schwächere." Kinder, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft würden. "Und auch all die, die in die Kita kommen, bevor sie ein Jahr alt sind und damit noch zu jung für Impfungen."

Es fehle an Aufklärung, sagt Katharina P. Bei den Ärzten bekämen Eltern viel über Nebenwirkungen und Risiken der Impfungen zum Lesen vorgelegt - aber wenig darüber, was die Masern eigentlich für eine Gefahr sein können.

Lesen Sie in Kürze wichtige Fragen und Antworten zum Thema Masern aus dem Gesundheitsressort von SPIEGEL ONLINE.

*Name geändert

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