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Allergieforscherin Erika von Mutius: Zunahme Allergien nicht durch Hygiene im Haushalt

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Allergieforscherin im Interview  

Die Zunahme von Asthma und Allergien hat nichts mit übertriebener Hygiene im Haushalt zu tun

05.05.2015, 14:30 Uhr | Tanja Zech, t-online.de

Allergieforscherin Erika von Mutius: Zunahme Allergien nicht durch Hygiene im Haushalt. Asthma: Inhalieren lindert die Beschwerden bei Asthma. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Jedes zehnte Kind in Deutschland hat Asthma. Inhalieren lindert die Beschwerden. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Am schlimmsten für die kleinen Patienten ist die Atemnot. Allergisches Asthma ist eine Überreaktion des Immunsystems, die die Schleimhaut der Bronchien anschwellen und die Atemmuskulatur verkrampfen lässt. Ist Hygienewahn daran schuld, dass wir normale Umweltreize wie Staub, Pollen und Tierhaare nicht mehr vertragen? Im Interview mit t-online.de klärt die Allergieforscherin Erika von Mutius aus München ein häufiges Missverständnis zum Zusammenhang zwischen Allergien und Sauberkeit auf.

Wie viele Kinder in Deutschland sind von Asthma betroffen?

Erika von Mutius: Insgesamt gut zehn Prozent. Seit der Jahrtausendwende sehen wir eine Stagnation auf hohem Niveau. Bis dahin gab es einen deutlichen Anstieg seit den 60er-Jahren.

Die Zunahme von Allergien und Asthma wird oft mit übertriebener Hygiene im Alltag begründet. Schaden Eltern, die ständig Feuchttücher parat halten und die Wohnung mit antibakteriellen Putzmitteln schrubben, ihren Kindern?

Die Hygienehypothese ist ein missverständlicher Begriff. Zugrunde liegt die Erkenntnis, dass unser Immunsystem ursprünglich mit einer viel größeren Bandbreite an Mikroben Kontakt hatte als heute. Mit der häuslichen Hygiene hat das nichts zu tun.

Dass die Zunahme von Allergien und Asthma an übertriebener Hygiene im Haushalt liegt, ist Interpretationssache und war nie mit harten Daten belegt. In einer Studie haben wir das häusliche und persönliche Hygieneverhalten von 400 Familien mit einem Fragebogen genau abgebildet, unter anderem gefragt, wie oft man die Hände wäscht, duscht, Fingernägel reinigt, Fußböden putzt, und so weiter. Da ließ sich kein Zusammenhang ableiten.

Welche belegten Ursachen gibt es für die Zunahme von Asthma?

Warum Asthma bei Kindern häufiger geworden ist, weiß man letztlich nicht genau. Es gibt nur zahlreiche Hypothesen. Eine davon ist der Verlust von Schutzfaktoren, zum Beispiel die abnehmende Familiengröße. Denn mit je mehr Geschwistern ein Kind aufwächst, desto kleiner ist das Allergie- und Heuschnupfenrisiko.

Sie haben den Bauernhof-Effekt erforscht. Woran liegt es, dass Kinder vom Land seltener Heuschnupfen und Asthma entwickeln, obwohl sie Heu- und Getreidestaub und Pollen einatmen? Schließlich kann Stallstaub auf Dauer auch zu Lungenschäden führen, zum Beispiel bei der so genannten Farmerlunge.

Es gibt erwiesenermaßen einen Schutz durch Kontakt zu Nutztieren und den Verzehr von Rohmilch. Bei Kindern, die auf einem Bauernhof aufwachsen, ist das Risiko für Asthma nur halb so hoch wie bei anderen Kindern. Das ist der Bauernhof-Effekt.

Wir reden hier nicht von Stalldreck, sondern von einem Cocktail von Mikroben, mit denen der Mensch durch die Nutztierhaltung schon jahrhundertelang in Verbindung war. Vermutlich hat eine Co-Evolution stattgefunden, bei der Mensch und Mikroben voneinander profitiert haben. Die Mikroorganismen scheinen für das angeborene Immunsystem wichtig zu sein.

Beim Krankheitsbild der Farmerlunge liegt ein anderer Mechanismus zugrunde, dabei spielen bestimmte Schimmelpilze eine Rolle.

Kann man daraus die düstere Prognose ableiten, dass künftige Generationen von Städtern immer anfälliger für Allergien werden, je weiter wir uns von einer landwirtschaftlich geprägten Lebensweise wegentwickeln?

Das würde ich nicht so sagen. Der Rückgang der Bauernhöfe hat nicht unmittelbar mit der Zunahme von Asthma zu tun.

In den letzten Jahren gab es keinen Anstieg dieser Entwicklung, sie stagniert - wenn auch auf einem hohen Niveau. Rund 40 Prozent der Kinder in Deutschland haben einen positiven Allergietest, was aber nicht heißt, dass sie auch krank werden müssen.

Können Eltern dem Immunsystem ihrer Kinder sozusagen Nachhilfe geben, indem sie kleinen Kindern den Kontakt zu Tieren ermöglichen oder oft Urlaub auf dem Bauernhof machen?

Das ist unklar. Das funktioniert allenfalls, wenn die Kinder noch sehr klein sind und sich noch keine Allergie entwickelt hat.

Die Schutzfaktoren kann man sich wie einen Deckel vorstellen. Wenn sie fehlen, können Negativfaktoren leichter ihre Wirkung entfalten. Zum Beispiel wenn Kinder Zigarettenrauch und Abgasen ausgesetzt sind, außerdem schaden Übergewicht, ungesunde Ernährung und Stress.

Was können Eltern tun, damit ihre Kinder möglichst keine Allergien und Asthma entwickeln?

1. Nicht rauchen! Es gibt leider immer noch viele junge Frauen, die sogar in der Schwangerschaft rauchen.

2. Übergewicht abbauen, auch schon bei kleinen Kindern.

3. Dafür sorgen, dass die Kinder oft draußen sind und sich viel bewegen.

4. Kontakt zu Tieren ermöglichen, insbesondere zu Hunden. In Familien mit Hunden entwickeln Kinder seltener Allergien.

5. Weg vom Vermeidungsprinzip, hin zu einer frühen Diversität an Nahrungsmitteln bei der Ernährung von Kindern. Ein Beispiel sind Erdnüsse: Ohne dass man daraus jetzt schon eine Empfehlung ableiten kann, hat eine Studie gezeigt, dass es gut sein kann, wenn Kinder, die an schwerer Neurodermitis leiden, schon früh mit Erdnüssen konfrontiert werden, statt sie zu vermeiden.

Heute wissen wir, dass jedes Kind anders ist und sich wenig allgemeingültige Schlüsse ziehen lassen. Bei der Entstehung von Allergien wirken viele Faktoren zusammen. Immer stärker rückt die Epigenetik ins Visier, das Feintuning. Welche Umwelteinflüsse beeinflussen die Aktivität von Genen, die wiederum bei der Entstehung von Krankheiten eine Rolle spielen?

Eltern sollten sich nicht die Schuld geben, wenn ihr Kind Allergien oder Asthma entwickelt. Es gibt einfach Dinge, die man nicht beeinflussen kann. Und für Kinder gilt: Einmal Heuschnupfen bedeutet nicht immer Heuschnupfen.

Wie stehen die Chancen, dass Asthma verschwindet, wenn Kinder älter werden?

Eine Faustregel besagt: Ein Drittel verliert es, bei einem Drittel wird es besser und ein Drittel behält es. Der Organismus von Kindern ist flexibler, weil sie noch im Wachstum sind und sich vieles verändert. Es gibt gute Chancen für Kinder, in der Pubertät ihr Asthma loszuwerden. Ein Ekzem verliert sich oft schon nach dem zweiten Lebensjahr.

Aber wenn Kinder Asthma haben, ist es ganz wichtig, die Beschwerden richtig zu behandeln. Die Folgen sind gravierender als bei Heuschnupfen, es drohen dauerhafte Schäden an den Atemwegen. Heilen kann man Asthma zwar nicht, aber es lässt sich heute gut behandeln. Und Eltern sollten immer im Blick behalten, dass es bei Kindern auch wieder verschwinden kann.

Zur Person

Professorin Erika von Mutius ist Oberärztin am Haunerschen Kinderspital der Uniklinik München und langjährige Leiterin der Asthma- und Allergieambulanz. Für ihre Forschung zu Lungenkrankheiten bei Kindern ist sie 2013 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit dem Leibnitz-Preis ausgezeichnet worden.

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