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Studie: Etwa 8,5 Prozent der jungen Erwachsenen als Kind missbraucht

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Fast jeder 20. Mann hat pädophile Fantasien  

8,5 Prozent der jungen Erwachsenen wurden als Kind missbraucht

18.09.2015, 15:38 Uhr | t-online.de, AFP

Studie: Etwa 8,5 Prozent der jungen Erwachsenen als Kind missbraucht. Die Dunkelziffer beim Missbrauch von Kindern ist hoch.  (Quelle: dpa)

Die Dunkelziffer beim Missbrauch von Kindern ist hoch. (Quelle: dpa)

Fast jeder 20. Mann hat pädophile Tendenzen. Das geht aus einer umfangreichen Studie zum Missbrauch von Kindern und Jugendlichen hervor, die jetzt in Regensburg veröffentlicht wurde.

Demnach berichteten 4,4 Prozent der mehr als 8700 befragten Männer über Fantasien zu sexuellen Handlungen mit Kindern im Alter von zwölf Jahren und jünger. "Weniger als ein Mann unter 1000 erfüllt jedoch die diagnostischen Kriterien der Pädophilie", betonte die Projektleiterin Janina Neutze in Regensburg.

Fast vier Jahre lang hatten Psychiater und Psychologen von Universitäten aus Regensburg, Hamburg, Bonn, Dresden, Ulm sowie aus dem finnischen Turku an dem Projekt gearbeitet. Für die vielen verschiedenen Studien hatten sie anonyme Internet-Interviews mit 28.000 Erwachsenen und mehr als 2000 Kindern und Jugendlichen geführt. Das Bundesfamilienministerium finanzierte die Untersuchung mit zweieinhalb Millionen Euro.

Risiko Chatraum und Kontaktbörse

Ein Schwerpunkt war die Bedeutung von Internet-Chaträumen als Kontaktbörse. Von mehr als 2200 befragten erwachsenen Internetnutzern hatten 5,3 Prozent im Internet Kontakt zu Minderjährigen mit sexuellem Inhalt. Dabei gaben viele Erwachsenen ein falsches Alter an; jünger als 18 Jahre machten sie sich aber nicht. "Oft gibt es einen längeren Internet-Kontakt ohne sexuellen Inhalt", erläuterte Neutze. Es werde zunächst Vertrauen aufgebaut.

Kommt es dann zu sexuellen Inhalten, haben die Opfer Schwierigkeiten, den Kontakt abzubrechen, wie die Expertin erklärte: "Die Kinder und Jugendlichen bleiben dabei, weil sie neugierig sind. Im Rahmen ihrer sexuellen Entwicklung nutzen sie das Internet, um erste Erfahrungen zu sammeln." Sie fühlten sich dort vermeintlich sicher und unterschätzten die Gefahren. Besonders gefährdet sind Kinder, denn: "Kam es zu einem Treffen nach dem Internet-Kontakt mit einem Kind, kam es auch immer zu einem Missbrauch."

Zur Prävention von sexuellem Missbrauch forderte die Leiterin der Studie eine bessere Aufklärung von Kindern über die Risiken des Internets sowie eine offene Debatte, in die Eltern und Lehrer stärker einbezogen werden sollten.

Wenig Bereitschaft mit Pädophilen zu arbeiten

Nur wenige Therapeuten seien bereit, mit Pädophilen zu arbeiten, sagte Neutze. Die Studie habe auch ergeben, dass es an qualifizierten Behandlungen für die Opfer fehle

Schweigen über das Tabu des Missbrauchs von Kindern. Die Studie will mehr Licht in das Dunkelfeld bringen. Die Zahlen sind erschreckend: Etwa 8,5 Prozent der jungen Erwachsenen wurden als Kind Opfer sexueller Gewalt. Die Behörden kennen jedoch nur Bruchteile der Geschichten.

Das sind dieErgebnisse des Forschungsprojekts "MiKADO" der Universität Regensburg. Die Betroffenen erlebten den ersten Missbrauch im Durchschnitt im Alter von 9,5 Jahren. Frauen berichteten mit 11,5 Prozent deutlich häufiger von sexuellen Übergriffen im Kindesalter als Männer (5,1 Prozent). Das Dunkelfeld sei aber "immens", berichten die Forscher.

Die Wissenschaftler hielten sich an die gesetzliche Definition des Begriffs "Kindesmissbrauch", die vor allem auf den Altersabstand abhebt. "Als sexueller Kindesmissbrauch wurde eine sexuelle Erfahrung unter 14 Jahren mit einer mindestens fünf Jahre älteren, mindestens 14-jährigen Person gewertet", erklärt Janina Neutze, die das Projekt an der Universität leitet. "Als sexuelle Grenzverletzung wurden sexuelle Erfahrungen vor dem 16. Geburtstag gewertet, die als unangenehm und belastend bewertet wurden."

Ausgeklammert wurde verbale Gewalt. Die Forscher unterscheiden zwischen Missbrauch mit Körperkontakt und ohne Körperkontakt, also Exhibitionismus und Selbstbefriedigung vor Kindern oder Aufforderung an Kinder, sich selbst an den Genitalien zu berühren.

Nur ein Prozent landet bei den zuständigen Behörden

In den meisten Fällen verschweigen die Kinder und Betroffenen den Missbrauch, meist aus Scham. Nur jeder dritte Fall wurde jemand anderem mitgeteilt. Gerade einmal ein Prozent der Fälle wird der Studie zufolge den Ermittlungsbehörden oder Jugendämtern bekannt.

Für die Studie berichteten zusätzlich sechs Prozent der befragten Mädchen und zwei Prozent der Jungen, im vergangenen Jahr mindestens eine belastende sexuelle Online-Erfahrung gemacht zu haben. Dazu gehören Gespräche über sexuelle Themen, Online-Sex vor der Kamera, der Erhalt pornografischer Abbildungen und das Verschicken eigener sexueller Fotos.

Nur wenige Jugendliche brachen den Onlinekontakt ab, als ein sexuelles Thema aufkam oder eine sexuelle Handlung gefordert wurde (14 Prozent). Knapp ein Viertel traf sich mit den Onlinebekanntschaften. Von diesen erlebten zwei Prozent das Treffen als belastend, 2,5 Prozent berichteten über sexuelle Handlungen bei den Treffen. Jüngere und weniger gebildete Mädchen hatten im Vergleich zu Jungen ein höheres Risiko für belastende sexuelle Onlineerfahrungen, vor allem mit älteren Männern.

Dramatische Störungen sind die Folge

Betroffene Kinder und Jugendliche, die vom Hilfesystem erfasst wurden, zeigten demnach deutliche Belastungssymptome. 60 Prozent erfüllten die Kriterien einer psychischen Störung, vor allem Störungen des Sozialverhaltens, ADHS, Posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen. Aus Scham offenbarten sich viele, wenn überhaupt, frühestens nach einem Jahr. Viele Betroffene nahmen aber keine therapeutische Hilfe in Anspruch.

Die Forscher haben auch untersucht, wie häufig sexuelles Interesse an Kindern in der Bevölkerung vorkommt. 4,4 Prozent der Männer berichteten demnach von sexuellen Fantasien mit Kindern. 1,4 Prozent gaben an, ein Kind unter zwölf Jahren missbraucht zu haben. Das Dunkelfeld der Kindesmissbraucher sei aber "groß", heißt es weiter. Die diagnostischen Kriterien der Pädophilie erfüllt der Studie zufolge wahrscheinlich weniger als einer unter 1000 Männern.

Das über dreieinhalb Jahre laufende Projekt wurde vom Bund mit rund 2,5 Millionen Euro finanziert. Die Ergebnisse könnten nach Angaben der Forscher auch Ansätze zur Entwicklung von konkreten Maßnahmen liefern, um Kinder und Jugendliche besser vor sexueller Gewalt zu schützen.

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