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Familientherapie: Die Familie auf der Couch

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Die Familie auf der Couch

18.11.2008, 10:25 Uhr | rev, dpa

Familien wachsen von Generation zu Generation. Und nehmen häufig so manches Problem mit. Die Essstörung der Großmutter ist auch noch beim Enkelkind erkennbar, Ängste oder Zwänge, Suchtneigungen oder der Hang zur Depression - oft genug sind oder werden Einzelprobleme auch Familienprobleme. Weitervererbt, mitgetragen oder passiv gefördert: Welche Mechanismen in Familien greifen, können Betroffene selbst kaum begreifen. Aufschluss über solche unbewussten Prozesse und Hilfe kann die Familientherapie geben.

Hemmschwelle überwinden

Ob Bulimie, Panikattacken, Alkoholsucht oder Gewalttätigkeit: "Eine Familientherapie ist anzuraten, wenn ein Familienmitglied über längere Zeit Auffälligkeiten zeigt, die die ganze Familie belasten", sagt Martin Merbach, Psychologe beim Evangelischen Zentralinstitut für Familienberatung in Berlin. Leider sei die Hemmschwelle zu diesem Schritt in vielen Familien mit psychischen Problemen und Belastungssituationen sehr hoch. Das gelte vor allem, wenn die Eltern erkrankt sind, sagt Merbach: "Sind die Kinder betroffen, zum Beispiel mit ADHS, gehen Familien viel schneller in eine Beratung."

"Beste Medizin für alle"

Grund für die Zurückhaltung sei häufig eine falsche Scham. "Dabei ist die Familientherapie in den meisten Fällen die beste Medizin für alle", sagt Professor Günther Reich, Psychotherapeut an der Universität Göttingen. "Die Heilung der Probleme findet in dem Beziehungsrahmen statt, der die betroffenen Menschen umgibt." Dabei gehe es nicht um die Frage, wer "schuld" an der psychischen Belastungssituation ist, sondern welche Verkettungen und Umstände überhaupt dorthin geführt haben.

Unterstützung durch Familienmitglieder

Vorteile für den "Patient Familie" gibt es viele: Der Betroffene erhält endlich Hilfe und die Angehörigen Unterstützung in den vielfältigen Fragen des angemessenen Verhaltens. "Der Therapeut kann die Rollen und Positionen innerhalb einer Familie viel schneller erfassen, wenn er mit allen arbeiten kann", sagt Merbach.

Nachhaltiger Erfolg

"Im Beziehungskontext lassen sich Knoten besser lösen, können starre Kommunikationsmuster und Tabus leichter aufgelockert werden", sagt Reich. Das legt auch eine Langzeitstudie der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie und der Systemischen Gesellschaft aus dem Jahr 2006 nahe: "Familientherapie ist wirksam, kostengünstig und besonders in der Nachhaltigkeit sehr erfolgreich", heißt es darin. Kontrolluntersuchungen vier Jahre nach Abschluss der Therapie belegten, dass die Behandlung für die ganze Familie erfolgreicher wirkt als andere Psychotherapie-Verfahren.

Besonders wirksam bei Kindern

Ganz deutlich ist das vor allem bei Kindern. Dies ergab eine Studie mit Zehn- bis 14-Jährigen, die unter Depressionen litten. Kindertherapeuten aus London, Helsinki und Athen verglichen die Wirkungsweise der klassischen Verhaltenstherapie mit denen der Familientherapie. David Campbell, Kindertherapeut an der Londoner Tavistock Klinik und Leiter der Untersuchung, resümiert: "Mit beiden Methoden kann man denselben Erfolg erzielen - mit der Familientherapie braucht man dazu allerdings weniger Zeit und weniger Sitzungen." Ein weiterer Vorteil: Der Einbezug aller Familienmitglieder mache diese Therapieform sehr lebensnah. "Alles, was gelernt und erfahren wird, kann im Alltag auch sofort umgesetzt werden", sagt Merbach.

Auch Einzelgespräche sinnvoll

Einer für alle, alle für einen - ob die ganze Familie wöchentlich beim Therapeuten sitzen muss, entscheidet jedoch immer der Einzelfall. "Manchmal ist es sinnvoller, erst auf den Einzelnen zu schauen, bevor man alle zusammensetzt", sagt Merbach. Statt Gruppentherapie können auch alle Familienmitglieder zunächst in Einzelgesprächen Kontakt zum Therapeuten aufbauen. "Das bietet sich vor allem an, wenn die Familienmitglieder nicht mehr offen miteinander reden können oder sich Schutzhaltungen aufgebaut haben."

Therapie mit unvollständiger Familie auch möglich

Will ein Familienmitglied nicht mit in die Therapie, sollten ihm die Angehörigen freundlich vermitteln, wie wichtig seine Unterstützung ist. "Zeigen Sie, wie sehr Sie sich die Hilfe und Unterstützung aller wünschen", rät Reich. Manchmal helfe dabei ein Einzelgespräch mit dem Therapeuten, um Vorbehalte abzubauen. Denn: "In eine Therapie einbezogen zu werden, ist natürlich für viele Menschen unangenehm." Weigert sich jemand aber partout, mitzumachen, sollte das akzeptiert werden. "Man kann auch eine erfolgreiche Therapie mit der unvollständigen Familie durchführen", sagt Merbach.

Nicht staatlich anerkannt

Ob eine Familientherapie möglich ist, entscheidet auch die Geldbörse. "Die systemische Familientherapie ist bisher nicht staatlich anerkannt und wird deshalb nicht von den Kassen bezahlt", sagt Reich. Wer auf die volle finanzielle Unterstützung der Krankenkasse angewiesen ist, muss immer noch den klassischen Weg über die Einzeltherapie wählen: "Der Therapeut hat aber auch hier die Möglichkeit, das System Familie und die Angehörigen für mehrere Gesprächssitzungen mit in die Therapie einzubeziehen." Dies allerdings nur bei anerkannten psychischen Problemen. "Bei Beziehungsproblemen innerhalb der Familie muss eine Familientherapie immer selbst bezahlt werden."

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