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Magen-OP: Einzige Chance bei fettsüchtigen Kindern

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Fettsüchtige Kinder  

Fettsüchtige Kinder: Magenoperation als einzige Chance

15.10.2013, 10:27 Uhr | Ulrike von Leszczynski, t-online.de, dpa

Magen-OP: Einzige Chance bei fettsüchtigen Kindern. Die Zahl der stark übergewichtigen Kinder nimmt zu. Mediziner sehen nur noch den Ausweg Magen-OP. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die Zahl der stark übergewichtigen Kinder nimmt zu. Mediziner sehen nur noch den Ausweg Magen-OP. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Wenn Teenager 150 Kilo auf die Waage bringen, werden sie nicht nur gehänselt. Folgeerkrankungen machen ihnen das Leben schwer. Kinderchirurgen sehen bei Adipositas inzwischen in einer Magenoperation den einzigen Ausweg - trotz des gravierenden Eingriffs. Dennoch ist eine solche Operation mit Skepsis zu betrachten, da sie nicht für alle für alle fettleibigen Jugendlichen in Frage kommt und die Grundprobleme nicht löst.

15-Jährige, die über 100 Kilo wiegen

Hunderte Kinder und Jugendliche in Deutschland sind so dick geworden, dass Chirurgen in einer Magenverkleinerung die einzige Chance für mehr Lebensqualität sehen. "Wir reden hier von 15-Jährigen, die deutlich über 100 Kilogramm wiegen", sagte Philipp Szavay, Chefarzt am Luzerner Kantonsspital (Schweiz) und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie auf dem Weltkongress der Kinderchirurgen in Berlin. "Wenn Ernährungsumstellung und Sport keinen Erfolg zeigen, wiegen sie mit 20 Jahren 200 Kilo", ergänzte er. Durch das Gewicht und die Folgeerkrankungen sinke ihre Lebenserwartung erheblich.

Tausende kommen für OP in Frage

In Deutschland gelten heute rund 800.000 Kinder und Jugendliche als stark übergewichtig. Selbst bei strengsten Kriterien für eine Operation würden immer noch Hunderte oder gar Tausende von ihnen für eine Magenverkleinerung oder einen Magenbypass infrage kommen, sagte Szavay. "Das sind erschreckende Zahlen. Aber in diesem jungen Alter können wir die Weichen noch umstellen." Fettsüchtige Kinder und Jugendliche litten nicht nur körperlich unter ihrem Gewicht, sondern müssten auch viele Hänseleien ertragen. Oft fehlten auch ein Freundeskreis und später ein Partner und ein Ausbildungs- und Arbeitsplatz. In Deutschland wurde bei bisher schätzungsweise 1000 fettsüchtigen Jugendlichen Magen-Darm-Trakt operativ verkleinert worden.

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Nur Operieren allein reicht nicht aus

Für die Zukunft sieht Szavay eine deutlich größere Zahl von Adipositaszentren für Heranwachsende als notwendig an - und auch eine Änderung bei der Haltung vieler Krankenkassen. Die Finanzierung sei oftmals noch nicht selbstverständlich, sagte der Arzt. Die Operation solle dabei aber immer in ein Programm aus Vor- und Nachsorge eingebettet sein - mit Hilfe von Kinder- und Narkoseärzten, Kinderchirurgen, Psychologen, Ernährungsberatern, Physiotherapeuten und Psychiatern. Solche Zentren für Heranwachsende gebe es zum Beispiel bereits in Leipzig, Berlin, Essen und Ulm.

Dicke sind ein Kostenfaktor

Bisher werden Adipositasoperationen vorwiegend bei fettsüchtigen Erwachsenen vorgenommen. Zwischen 2005 und 2012 waren das in Deutschland rund 22.000 Menschen - Tendenz steigend. Die Krankenkasse DAK sieht bei ihren Versicherten seit 2008 einen Anstieg der Eingriffe um 60 Prozent. Die Gesamtkosten für Adipositasoperationen beliefen sich bei "XXL"-Patienten der AOK 2012 auf 30 Millionen Euro.

Erfolge zeigen sich meist schnell

Auch wenn die Therapie durch eine Magenoperation nicht unumstritten ist, kann die stark gebremste Nahrungsaufnahme bei Erwachsenen bereits nach einem Jahr Erfolge zeigen. Nach einer norwegischen Studie verschwinden viele Fettsuchtsymptome wie Rücken- und Gelenkschmerzen oder starkes Schwitzen. Viele Patienten fühlten sich nicht nur körperlich, sondern auch mental und emotional besser. Wegzaubern kann die OP bereits erworbene Folgeerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Störungen und Diabetes aber nicht. Und manchmal ist die Gewichtsreduktion so stark, dass Haut und Bindegewebe in Lappen herabhängen.

Daten aus den USA

Valide Daten zu Adipositas-Chirurgie bei Heranwachsenden gibt es in Europa noch kaum. Untersuchungen aus den USA haben aber gezeigt, dass ab einem Body Mass Index von 35 oder 40 keine andere Therapie mehr erfolgversprechend ist. Forscher Thomas Inge vom Kinderkrankenhaus in Cincinnati (US-Bundesstaat Ohio) berichtete auf dem Kongress, dass bereits vier bis sechs Prozent aller Heranwachsenden in den USA von Fettsucht betroffen seien - mit steigender Tendenz. Bei einer Meta-Studie mit 637 jungen Patienten habe sich nach einer Magenoperation aber bereits nach einem Jahr eine signifikante Gewichtsabnahme gezeigt.

Langzeitergebnisse fehlen noch

Doch das Abspecken per Operation sei bei Heranwachsenden nach wie vor umstritten schränkt Szavay ein. Ohne Ernährungsumstellung könne der Magen bei Jugendlichen auch wieder wachsen. Eine Magenverkleinerung sei ein gravierender Eingriff und könne nicht mehr rückgängig gemacht werden. Neben ethischen und juristischen seien auch einige medizinische Fragen noch unbeantwortet. "Uns fehlen Informationen über Langzeitergebnisse", berichtet der Kinderchirurg. Denn Adipositas-Chirurgie bei Jugendlichen gibt es erst seit rund zehn Jahren.

Kritische Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Adipositas

Die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA), in der sich Experten verschiedener Fachrichtungen zusammengeschlossen haben, hat eine kritische Stellungnahme zur Adipositas-Chirurgie veröffentlicht. Die Eingriffe hätte ein hohes Risikopotenzial und könnten zu schweren Nebenwirkungen mit unklaren Langzeitfolgen führen. Eine solche Operation dürfe nur das letzte Mittel sein, wenn alle anderen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft seien und der Patient schwer krank sei, betont die Expertengruppe. Auch dann könne die Magenverkleinerung nur eine ergänzende Maßnahme sein, denn langfristig müssten die Betroffenen lernen, ihre Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten zu ändern. Ungeeignet sei diese Art der Therapie für Patienten mit Ess- oder Persönlichkeitsstörungen.

"Operation löst weder gesundheitliche, noch psychische Probleme"

Professor Martin Wabitsch, Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft, gibt zu bedenken: "Die Operation löst weder die gesundheitlichen noch die psychischen Probleme. Beide bestehen weiterhin. Die Operation führt lediglich zu einem deutlichen Gewichtsverlust. Suchtähnliches Verhalten wird nach wie vor vorhanden sein. Gesundheitliche Folgen werden zwar vermindert, jedoch bestehen die Anlagen weiterhin. Wir wissen bei Erwachsenen zum Beispiel, dass ein Altersdiabetes durch eine solche Operation zunächst verschwindet, aber im Verlauf dann wieder auftreten kann."

Wichtig für den Erfolg sei außerdem, dass der Jugendliche aus stabilen Familienverhältnissen komme, die Entscheidung zu dem Eingriff und seinen Folgen mittrage und bereit sei, an einer Therapie mitzuwirken.

Warum der Körper nach Magen-OP an Gewicht verliert

Dass Patienten nach der magenverkleinernden Operation abnehmen, basiert im wesentlichen auf zwei Faktoren: Nahrungsmittel werden schlechter verdaut und verarbeitet. Zudem ändert sich die Ausschüttung von Hormonen im Magen- und Darmtrakt, die das Hunger- und Sättigungsgefühl regulieren. "Auf Grund der veränderten Physiologie muss davon ausgegangen werden, dass durch eine solche Operation dem Körper langfristig ein erheblicher Schaden zugefügt werden kann, da es zu Mangelerscheinungen bei der Nährstoffversorgung kommt. Unklar ist auch die Wirkung auf das zentrale Nervensystem und die psychische Gesundheit", sagt Wabitsch.

Üblicherweise muss der Patient nach der OP dauerhaft Nahrungsergänzungsmittel einnehmen. Doch Studien belegen, dass weniger als 20 Prozent der Jugendlichen nach der OP die nötigen Protein- und Vitaminzusätze einnehmen.

"Das sind keine Einzelfälle mehr"

Vor 20 Jahren war das Wegoperieren von Übergewicht bei Kindern in Deutschland noch kein Thema, denn Fettsucht in Massen gab es nicht. Doch mit einem geänderten Lifestyle wie übergroßen Getränkebechern, zucker- und fettreichem Fast Food und ausgeprägtem Bewegungsmangel hat sich das Bild stark gewandelt. "Das sind keine Einzelfälle mehr, sie fallen in jeder Sprechstunde auf", berichtet Szavay. "Zu mir kommen 16-Jährige und sagen, dass sie es allein nicht mehr schaffen." Darauf müssten sich Kinderchirurgen einstellen.

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