Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Specials >

Kolumne: Der kinderlose Sohn um die 40

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Kolumne  

Der kinderlose Sohn um die 40

20.05.2009, 13:47 Uhr | Robert Scholz

Familientreffen mit ihren peinlichen Diskussionen und der starken Neigung zu großen Dramen sind ironisch weitgehend ausgeschlachtet. Wo keine kritischen Themen gefunden werden, werden sie meist im Laufe des kuschelig angelegten Abends herbeigesehnt und produziert. So ziemlich jedes Thema ist bei diesen Treffen schon zum Konflikt genutzt worden, der, nebenbei gesagt, es natürlich immer gut meint. Ich erinnere mich trotzdem an ein Osterfest, dass eine neue Themen-Variante der familiären Jahrestreffen zum Nachtisch reichte: Der kinderlose Sohn um die 40.  

Die Kinderfrage

„Sag mal, du kannst doch eigentlich gut mit Kindern….“: Das war der harmlose Einstieg in ein Drama, das sich vom Besonderen zum Eigentlichen durchhangelte; gerade in dem Moment, wo das kleine Patenkind von meinem Knie rutschte und vergnüglich zu quietschen bereit war. „Mmh…, ja,…., mmh, doch, doch.“, das war die Abwehrstrategie, die ich mir schnell zurecht legte. Nie viel sagen, wenn jedes Wort doch nur ins Falsche gewendet wird, weil die Gegenseite ein Ziel hat. Sie will ein bestimmtes Ergebnis erreichen. Sie will, noch vor dem Abendessen und dem lustigen Ausklang bei kurzen Schnäpsen und langen Nasen, ein Urteil sprechen. Ein Urteil, das dann fundamentiert ist für alle Zeit. Nachdem Homosexualität bereits Weihnachten vor fünf Jahren ausgeschlossen wurde (Naja, sagen wir besser als weiterhin fraglich offen gelassen wurde - zumindest aus Sicht der Familie.), will man jetzt die Kinderfrage ein für alle mal klären.

Es geht nicht um die Wahrheit

Es kommt nie auf die Sache oder ein Pro und Kontra an, es wird nicht nach Wahrheit gesucht. Es wird schlicht nach einem Ergebnis gefahndet, auf das sich alle einigen können und das dem Opfer dieser Familienanhörung nie gefallen darf. Es muss, genau betrachtet, exakt das Gegenteil von dem sein, was der Befragte in vielen Jahren als größtmögliche Ehrlichkeit gegenüber sich selbst herausgefunden hat. Denn, eines ist doch klar, die Fragen, die Familienfeste aufwerfen, hat sich jeder schon mal selber gestellt.

Warum?

„Warum hast du bloß keine Kinder? Du kannst es doch, oder?“ - Tanten kommen auf den Punkt, noch bevor man die Chance hat noch einmal Mmh zu floskeln und den Kasten mit dem Bier zu besuchen. Das Patenkind quietschte jetzt, half aber nicht bei meiner Flucht. „Ja, natürlich…also, soweit ich das weiß“, paarte ich Empörung mit einsetzender Unsicherheit. „Na, dann mach doch mal. Du kannst doch mit Kindern.“ Das Mm kam nicht mehr bis zum h. Die Restfamilie hatte das Schlüsselwort zwischen Diskussionen über Rentenerhöhung und Abwrackprämie hindurch hören können - Kinder. Das hatte einen magischen Klang für hoffende Großeltern Mitte 60. Jetzt also kam der Rat der Weisen in die Mitte des Raumes, das Tribunal hatte begonnen.

Die gängigen Begründungen

Es wurden die üblichen Deutungsparameter von später Vaterschaft und heutigen Lebensläufen und vieles mehr in die Raummitte getragen und dann mir, einem schweigenden Mann um die 40, aufgeladen. Die Last wurde sehr groß. Ich wagte ängstlich Blicke in mein Bierglas und beobachtete Luftblasen, die langsam in Richtung des zerfallenden Schaum taumelten. Der Beruf ist ja immer an erster Stelle, war das erste Deutungsmuster. Man war sich einig, dass muss heute auch so sein - die Wirtschaft, die Krise, alles. Dann folgte mein Einzelkindwesen, üblicherweise mit den Umschreibungen egoistisch, selbstbezogen und verantwortungsfrei belegt. Das war nicht neu, darauf konnte ich ein inneres Lächeln anschieben. Lotterleben, war eine dann folgende Variante dieses Musters. Man müsste mal Erwachsen werden eine weitere. „Vielleicht fehlte mir ja auch die richtige Frau…“, warf ich mit theatralischer Empörung ein, um wieder Luft zu bekommen und hätte es doch wissen müssen. „Du suchst ja gar nicht.“ - ja, das war voraussehbar.

Der familiäre Genpool

Schweigen. Alles schien gesagt. Jeder hatte jetzt mal dem quietschenden Patenkind den doofen Onkel vorgeführt. Gut. Man hätte jetzt die Wurstplatte ansteuern können, aber mein Vater, steuerte den Deutungskahn noch ein bisschen weiter. Mit einer geschickten, wie verblüffenden Wendung, riss er das Plattitüdenruder herum und segelte zu den klippenreichen Buchten einer Diskussion über den familiären Genpool.

Das Beste der Familie vergeudet

Ich schaute vermutlich überrascht: „Es ist Schade,..“, fuhr er fort, „…weil unsere Gene, dann ja für immer verloren sind. Du bist der letzte Mann in unserer Familie. Wenn du keine Kinder hast, dann stirbt diese Familie aus.“ Mir fiel das Wurstbrot aus dem Mund. Mein ganzes Leben schien in diesem einen Satz zu gerinnen: Ich bin der Sargnagel meiner Familie. Geschleppt hat sie sich in der großen Flucht, hinaus aus der „Heimat“ in ein neues Leben. Gekämpft hat sie, gelitten, sich zerteilt und gefunden. Zwei Diktaturen, Wirtschaftskrisen, Warteschlangen, Kinderkrankheiten  - alles überstanden. Und nun zermalme ich diese Familie durch meine Unlust zum Kinde. Was soll man da sagen. Ich fror, ein schaler Geschmack bildete sich auf meiner Mundschleimhaut, Blicke mit großer Intensität durchdrangen meine Scham. „Das beste der Familie vergeudet - alles umsonst.“, schob die nette Tante hinterher.

Ausblicke

Tja, Familie…man kann nicht ohne sie und... Ich habe dieses Osterfest überlebt und mich mit den üblichen Verdächtigen getröstet Picasso, Klaus-Jürgen Wussow, Horst Seehofer - späte Väter im Durchschnittsalter von geschätzten 70 Jahren. Da ist noch alles drin. Irgendwann wird es passieren. Es ist noch Zeit, 30 Jahre. Vielleicht sollte ich…?...Nein, das wird schon. Die Richtige wird kommen und dann kann man mal über temporäre Nichtverhütung nachdenken. Kinder sind so erfrischend, sie geben neuen Sinn. Sie beleben ja alles und jedes. Sie machen dich jung und lassen die Geburtstagstorte vergessen, die zunehmend eigentlich nur noch aus einer einzigen Flamme besteht, weil die Kerzen immer enger beisammen stehen müssen. Fakt ist: Der Genpool muss gerettet werden.

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.

Kommentare

(0)
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Video des Tages
Wahnsinn 
Cleverer Hund überwindet Gartenzaun mit Trick

Kaum zu glauben, wie der Hund es schafft zu seinen Freunden zu gelangen. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
Jetzt EntertainTV Plus bestellen und 1 Jahr sparen!

EntertainTV Plus 1 Jahr statt 14,95 € für 4,95 €* mtl. sichern. www.telekom.de Shopping

tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal