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Eltern-Kolumne: Zieh!-Vater

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Kolumne  

Zieh!-Vater

21.04.2009, 17:10 Uhr | Robert Scholz

Vielleicht ist es unvermeidlich, vielleicht ein Wink des Schicksals, womöglich purer Zufall, sicherlich nicht leicht - ein geborgter, ausgeliehener Vater zu sein. Ein Ersatz, ein Ziehvater. Ach was, das kann schön werden. Für alle. Was soll passieren? Man wird recht bald den Satz hören den alle Zweitväter hören: "Du hast mir gar nichts zu sagen.“ Ja, das ist wohl war - wenn auch nur halb. Erstmal hat man dem zugefallenen Kinde nichts zu sagen und flüchtet sich in die alten Rituale der Vertrauensgewinnung. Dann hat man ihm was zu sagen und muss die Autoritätsmuskeln rausholen. Aber alles nur halbherzig, weil man sich nicht traut und in so einer Ungewissheit wohnt.

Klingelt da der Wecker?

Es können nicht die letzten Grippeviren gewesen sein, die mich haben so intensiv schwitzen lassen. Ich starre hoffnungslos und geschockt in den großflächigen Spiegel des Ikea-Schlafzimmers Hopen, suche Halt an der Kommode Malm und fühle mich diesem Namen so nah. Wie konnte ich nur so ein Zeug träumen? Gott sei Dank hat der Wecker diesen Alptraum aus Befürchtungen und Zögerlichkeiten beendet. Natürlich bin ich da selber Schuld. Zweifel muss man nicht haben, kann man aber. Eigentlich läuft ja alles prima. Frau gefunden, sie hat ihre Kinder erwähnt, ich habe die Flucht noch in Sichtweite beendet, sie hat mich eingelassen, ich mich auch. Läuft gut. Besser als gedacht.

Tom und Paul

Acht und zwölf - für mich zwei magische Zahlen. Acht und zwölf, war früher die Zwischenzeit in der ich mich vormittags am Wochenende mit den Frühschoppern diverser Fußballgemeinschaften traf, um den Freitagabend organisch zu verdauen. Noch früher traf ich mich mit meinen Musikern zum gemeinsamen Aufwachen. Dann kam die Phase, wo man einfach nur schlief, weil die Woche 60 Bürostunden hatte - dann erst wurde ab 14:00 Uhr der Frühschoppen gesucht. Heute sind dies die Lebensdaten meiner Ziehkinder. 

Zieh!-Vater

Ein Ziehvater zu sein, ist zu einem Großteil Herausforderung, zumal für ziehende Erstväter. Natürlich gibt es Rad fahrende Jutemänner, die diese Lebensform hervorragend meistern und zur eigenständigen (überhaupt erst richtigen) Lebensart stilisiert haben. Sie fühlen sich auch sonst, quasi übergeordnet, im Patchworkdasein zu Hause; sind multikulturell, vereinen Esoterik mit Emanzipation und arbeiten stetig an der Rettung des Ganzen. In diesen Zusammenhängen sind Ziehkinder Fingerübungen des Alltags vor der Erdheilung. Aber meist sind diese Ziehväter auch bereits eigenständige Urväter; oder wie soll man sie nennen: Eigenväter, Selbstväter? Die deutsche Sprache hält hier wenig bereit. Sie sind bereits Vater an sich - Sie wissen was ich meine? Sie haben bereits ein selbstgezeugtes Kind. Der ziehende Erstvater oder Ziehvater neigt dazu, jenen zu unterstellen, sie hätten es in dieser Urvaterschaft versaut, um nun im Patchwork die Ablenkung vom eigenen Versagen beim eigenen Kind zu suchen. Bösartige Unterstellung. Obwohl es, wenn man es genau durchdenkt, ganz OK zu sein scheint, wenn man im Patchwork so eine Art Erziehungshopping vollziehen kann. Für kein Kind ist man so richtig da. Die eigenen sieht man alle vierzehn Tage, die Ziehkinder lassen einen meist an der Oberfläche treiben. Sie haben andere Probleme als den Neuen von Mama: Gameboy, Siedler-, Anno-Dings-Bumms-Spiele und vieles mehr. Für kein Kind ist man so richtig verantwortlich; und wenn das Eis vom Sonntagsumgang geschmolzen und die Currywurstflecken auf dem Hemd getrocknet sind, dann kann man das Urkind wieder gedanklich ablegen und sich dem ziehen der Anderen widmen. Natürlich sind dies alles Verleumdungen von Männern, die sich bisher kein eigenes Kind zugetraut haben - selbstredend.

Tom und Paul - die Zweite

Zurück zu Tom und Paul. Ich frage mich oft, was sie wohl denken mögen. Ein paar Ziehkollegen haben sie ja schon erlebt. Jeder wollte natürlich seine ganz eigene Formung am Menschen hinterlassen. Die Jungs sind deswegen mittlerweile abgeklärte Erziehungsprofis. Mit einer Mischung aus Gleichmut und Versuchung nehmen sie meine Erziehungsbemühungen zur Kenntnis. Mit Gleichmut betrachten sie mein Ringen um elterliche Würde - der Versuchung mein Ringen in ihre Interessenslagen umzudeuten, können sie nur mit Mühe widerstehen. Manchmal packen sie das ganze Instrumentarium psychologischer Steuerungstechniken aus, das sie später zu Erfolg versprechenden Mitgliedern des mittleren Managements machen wird. Sie wissen genau, wie oft man eine Frage stellen muss, um den Zenit der nervlichen Belastbarkeit zu erreichen. Und wenn man dann den Fehler beginge zu sagen: "Frag` doch nicht so …“, dann kommt man gar nicht zum Ende, weil sie es genießen zu antworten: "Wieso, du hast gesagt, wenn man was nicht weiß, dann soll man fragen!“. Ja, ja - man kann sie nicht besiegen. Sie gewinnen immer. Sie wissen intuitiv, wie man die Worte für sich nutzt und wie man Sätze ins Gegenteil deutet. Sie sind politische Naturbegabungen. Morgen muss ich mit Ihnen zu Euro-Eddy, einer Spieltriebsfabrik mit TÜV-Zertifikaten und einer Menge Spaß für Mäuse zwischen drei und 45. Letztere können zwischen Airhockey und Megarutsche Currywurst essen und Bier trinken - wenn sie jemals dazu kommen. Dort wird jeder Vater gezogen - von den entsprechenden Kindern über den Tisch und von den Nerven hin zum Wunsch nach buddhistischem Gleichklang.

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