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Eltern-Kolumne: Das verlorene Kind … in mir

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Das verlorene Kind … in mir

09.07.2009, 15:54 Uhr | Robert Scholz

Eltern-Kolumne: Das verlorene Kind … in mir. Robert Scholz schaut seitlich in die Kamera.

Robert Scholz ist Journalist und schreibt für Eltern.t-online.de.

Männer sind ja dem Klischee nach große Kinder. Spielmatzen mit Hang zur einfachen Freude. Über sich drehende Räder, würziges Fleisch und rollende Bälle. Obwohl sich da ja ein Wandel vollzogen hat. Rollende Bälle finden Frauen jetzt auch toll. Der Gang zu Euro-Eddy liegt ihnen aber genauso schwer im Magen wie dem Manne.

Bereits die Anfahrt ein Vergnügen

Bereits die Anfahrt zum Indoor-Spielparadies gerät Tom und Paul zum Vergnügen. Tom und Paul? Sie erinnern sich? Die Opfer meiner spätväterlichen Erziehungsbemühungen. Sie raunen und juchzen und spaßen durcheinander, sie freuen sich mit Ekstase. Die Mutter will dies aus irgendeinem Grund aktiv unterstützen und heizt das Ganze mit einer mitgenommenen ATB-CD an. Ich hatte bisher keine Ahnung, was das für eine grauenvolle Mißtönerei ist - die letzten Reflexe der Technoära, nur weichgespült für achtjährige Kinderohren. Aber, ich habe recherchiert: ATB ist eine deutscher Music-Act, um in der Sprache der Zeit zu bleiben. Ein Ein-Mann Unternehmen, vermutlich erfolgreich, und im Standard dieses Genres: Eine Melodie (ohne großartige Arbeit mit Akkordwechseln) und ein gesungener Satz. Auf der Website von Herrn ATB zeigt er uns sein letztes I-Phone-Foto. Hmmm. Diesmal eine Häuserzeile, die nach Hongkong zu gehören scheint, sonst zeigt er uns sich.

Einstimmung auf einen lustigen Spielnachmittag

Soll er machen, der Paul, soll er hören. Wir waren auch mal jung und einige hörten Level 42 oder Phil Collins – Jugendsünden. Noch denkt die Erziehungsberechtigte das mit der Musik wäre eine gute Idee, wie auch gute Einstimmung, auf einen lustigen Spielnachmittag Indoor, bei Regenwetter und müden Elternaugen. Aber bald schon gerät das ganze etwas aus dem Gleis, das sich die lockere Urmutter selber gelegt hat. Die Musik wird lauter gestellt, Panik erfasst Bruder Tom (der sicher bereits andere musikalische Vorbilder sein eigen nennt), ich fahre aus Konzentrationsmangel und sicherlich überempfindlichen Ohrmuscheln einen kleinen Hund beinahe zum Schöpfer und der Erziehungsübermutter dämmert, das es jetzt nur schwer einen Weg zurück gibt - musikalisch gesehen. Es kostet uns den Rest der Fahrt, diesen zu finden und zu gehen. Wir beenden ihn vor einer Standardwerkhalle aus dem Katalog in einem Industriegebiet. Xavier Naidoo beginnt gerade seinen Weg zu besingen auf Radio XY und wir sind so richtig gut angeheizt für zwei Hände voll Spieloptionen und 100 schreiende Kindermünder.

Strafende Blicke anderer Väter

Ich weiß gar nicht mehr, ob man seine Schuhe abgeben musste, es wäre egal gewesen: nicht ein Kind benutzt Schuhe im Indoorspielwesen. Ich bin ja zum ersten Mal da und lasse selbstredend meine Schuhe an. Fußpilze kennen keine Hemmungen. Das provoziert strafende Blicke von Vätern, die hier öfter einkehren. Überraschend oft sind es Männer, die allein mit Kind da sind und offenbar ihren Wochenendumgang mit einem ganz individuellen Spielerlebnis krönen wollen. Sockenfabrikanten könnten hier also eine sinnvolle Qualitätsprüfung ihrer Produkte anstreben, ebenso Waschmittelproduzenten. Die Kindersocken nehmen sich die Wühlmäuse, spielerisch, auf allen möglichen Untergründen zur Kinderbrust. Weitreichend, sehr weitreichend, ist dies auslegbar, meine Damen und Herren. Ich darf Ihnen berichten, dass ich nach meiner ersten halben Stunde Airhockey mit Tom und dann Paul, auch mal die sanitären Einrichtungen besuchen musste, und da war es nicht nur einer der kleinen Ekstatischen, der mit Socken im Urin-Sud der Nebenschauplätze des Wandurinals stand und glücklich in mein Gesicht lachte.

Tropfende Sockenpaare

Männer treffen ja nicht immer zielgenau, sie haben ja Freiheitsgrade im kleinen Geschäft, weil sie ungern sitzen. Da geht schon mal das ein oder andere daneben. Naja, das muss man ja nicht ausführen. Jedenfalls stellte ich mir sofort vor, wie jetzt die kleinen Supermäuse, ohne Hände zu waschen natürlich, wieder auf die Matratze gehen und sich gegenseitig, beim Rutschen auf der Superrutsche, die Socken ins Gesicht halten. Dies war der Augenblick, wo ich in mir den vorausschauenden Ziehvater erkannte und mich sofort auf den Weg machte, um meine entsprechenden Söhne zu finden. Ich wollte sie schützen vor Streptozyten oder Kektokokken, und was es da alles gibt. Ich gebe zu, ich bin da etwas sensibler als andere Männer. Ich rannte durch die Halle, im Versuch kein Aufsehen zu erregen. Ich suchte und wühlte mich mit meinen Augen durch unzählige Kinderaugen und tropfende Sockenpaare. In einem Klettergerüst von nie gesehen Ausmaßen, ähnlich einem Filmset für Mysteriendramen, mit Matten und Verwinkelungen und Rutschen und Leitern, Hängebrücken, wankenden Übergängen, einer integrierten Elektro-Kartbahn, Seilen und kleinen, bunkerähnlichen Unterständen fand ich sie. Weit weg, musste ich zusehen, wie der kleine Fratz von eben lustvoll seine nassen Socken auszog und Paul ins Gesicht warf.

Uringetränkte Socken aushalten...

Sie kennen den Moment wo einem der Atem stockt, wie man so sagt, wo man sprachlos einer Szenerie zu schauen muss, helfen will, aber nicht kann. Ich war gelähmt, ein geplanter Schrei geriet mir zu einem heiseren Piepsen. Paul fand das jetzt nicht toll mit dem nassen Socken, aber von meiner Blutleere war er weit entfernt. Da erkannte ich zum ersten Mal, das man loslassen muss, wenn man am Kinde zu werkeln beginnt. Nicht alles ist in unserer Allmacht über das sich Entwickelnde. Wir müssen uringetränkte Sockenpaare auch mal aushalten können, ohne in Gedanken das Kind am Abend mit der Handbürste porentief reinigen zu wollen. Er muss auch mal befreit sein Ich finden, und herausbekommen und entdecken, ob Urinhauch auf den Lippen ein Modell für seine Zukunft ist. „Iiiiiiiiiihhh – Bah, Bah, Baahhh !“, durchdrang es dann den Höllenlärm im Spieltriebs-El-Dorado. Es war mir einfach so entglitten. Ich wollte es nicht. Meine Gesichtszüge verzogen sich zu sichtbarem Ekel. Die Mütter um mich herum hielten nun ebenfalls inne und blickten mich belustigt, wissend und fragend an. Ich schaute zurück und sagte dann den Satz den ich immer schon mal sagen wollte, weil er weltgewandte Beiläufigkeit verspricht und hochtolerante Gemächlichkeit: „Kinder!“. Ich vergaß das theatralische Prusten nicht und auch nicht die halb heruntergelassenen Lagerfeldaugen. Ja, ich habe sie schon mal gesehen. Ich machte mich auf zur Frau und zum Wunschbier.

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