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Jugendkriminalität: Wie Trainingscamps helfen können

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Jugendkriminalität  

Wenn Jugendamt und Justiz nicht weiter wissen

21.09.2009, 12:17 Uhr | dapd

Für den 15-jährigen Justin ist klar, warum zwei Jugendliche auf einem Münchner S-Bahnhof einen 50-Jährigen zu Tode geprügelt haben. "Die haben keinen Respekt vor sich selbst und vor anderen", ist Justin überzeugt. Mit Straftaten kennt er sich aus: Seit seinem zwölften Lebensjahr ist er polizeibekannt. "Angefangen hat das bei mir mit Diebstahl, dann kamen Brandstiftung, Raubüberfall und Erpressung dazu", berichtet der Jugendliche. Dem Richter habe er dann selbst vorgeschlagen, als Bewährungsauflage in das "Trainingscamp Lothar Kannenberg" im nordhessischen Diemelstadt zu gehen. Er wolle endlich sein Leben ändern. Die Jugendhilfeeinrichtung kümmert sich um straffällig gewordene Jugendliche, bei denen Jugendamt, Pädagogen, Eltern und Justiz nicht mehr weiter wissen.

Frust, Drogen, Gewalt

"Die Jugendlichen sind nirgendwo gewollt und wünschen sich eigentlich nur eine Heimat", sagt Lothar Kannenberg, 52 Jahre alt, Boxer, ehemaliger Streetworker und Leiter des Trainingscamps. Sowohl er als auch Pädagogen und so genannte Respekttrainer versuchen, die ausschließlich männlichen Jugendlichen - die meisten von ihnen zwischen 14 bis 17 - an ihre Grenzen zu führen und ihnen wieder soziale Verhaltensformen beizubringen. Meist bleiben die jungen Straftäter sechs Monate im Trainingscamp. Erste Ergebnisse einer Studie der Universität Kassel belegen den Erfolg der Einrichtung: 70 Prozent der bislang rund 300 Campteilnehmer besuchen wieder eine Schule, gehen einer Arbeit oder zumindest einer Eingliederungsmaßnahme nach. Doch was führte die jungen Männer in das Camp? Eigene erlebte Gewalterfahrungen, Drogen, Trennung der Eltern und fehlende Werte führten zu Frust, mangelndem Selbstwertgefühl und aufgestauten Emotionen, berichtet Kannenberg. Im ungünstigsten Fall würden dann Straftaten begangen - auch, um falsche Freunde zu beeindrucken.

Striktes Trainings- und Tagesprogramm

"Das war bei mir auch so", berichtet der 16-jährige Mirko aus Südtirol. Er habe nie "Nein" sagen können und immer wieder Autos und Motorräder geklaut. Keine italienische Schule will den 16-Jährigen wegen seiner Straftaten mehr aufnehmen. Jetzt hofft er, nach dem Camp wieder mit seinem Leben zurechtkommen und eine deutsche Schule besuchen zu können. "Die Jugendlichen lernen hier, dass sie ihre aufgestauten Emotionen mit viel Sport in den Griff bekommen können", sagt Kannenberg. Gerade Kontaktsport wie Boxen biete sich an. Denn dabei müssten Regeln eingehalten und Fair Play praktiziert werden. Nebenbei sollen die Problem-Jugendlichen auch die eigenen Grenzen kennenlernen. Ziel sei es, die Jugendlichen aufzubauen und ihr positives Potenzial offenzulegen. Kannenberg und sein Team haben dazu ein striktes Trainings- und Tagesprogramm entwickelt: Dabei müssen die Jugendlichen um 05:55 Uhr aufstehen. Um 6:00 Uhr ist Frühsport angesagt. Und so geht es bis 22:30 Uhr weiter: Unter Anleitung Kochen, Mannschaftssport, Respekttraining, Boxen, aber auch Gespräche und Rollentraining über soziales Verhalten stehen auf dem Programm. "Wir gehen mit den Jugendlichen auch mal ins Altersheim", sagt Kannenberg. Dort spielen und unterhalten sie sich dann mit den Bewohnern. Ein Jugendlicher, der das getan habe, "schmeißt später auch keine Oma mehr um".

"Kuschelpädagogik klappt nicht bei allen"

Der Alltag muss gefüllt sein. "Das Wort 'Freizeit' gibt es bei uns nicht. Es gibt nur schleichende Pausen", sagt Kannenberg. "Denn sobald die Jugendlichen sich selbst überlassen werden, machen die schnell Mist. Die Kuschelpädagogik aus den 60er und 70er Jahren funktioniert nicht mehr bei allen Jugendlichen", ist Kannenberg überzeugt. Jugendliche Straftäter nur wegzusperren sei aber auch falsch. Man müsse sich stattdessen um die Jugendlichen kümmern und dürfe nicht viel durchgehen lassen. Das gelte auch für die Münchener S-Bahn-Schläger: "Die hätte man nicht einfach so rumlaufen lassen dürfen", meint der 52-Jährige. Letztlich fehle es an Vorbildern. Diese Rolle haben im Trainingscamp auch die Respekttrainer. "Das sind Leute, die selbst ähnliche Erfahrungen wie die Jugendlichen gemacht, es aber jetzt geschafft haben", berichtet der Camp-Chef. Mirko und Justin sind froh, das Camp fast beendet zu haben. Man habe jetzt mehr Achtung vor sich und anderen. "Wir glauben, dass das mit der Schule und so wieder klappt", sind die beiden überzeugt.



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