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Ritzen  

Ritzen: selbstverletzendes Verhalten bei Teenagern

04.02.2013, 18:47 Uhr | Spiegel Online; Sylvie-Sophie Schindler , Spiegel Online

Ritzen: selbstverletzendes Verhalten bei Teenagern. Ritzen: Viele Eltern von Kindern, die sich selbst verletzen, sind ahnungslos. (Quelle: imago)

Viele Eltern von Kindern, die sich selbst verletzen, sind ahnungslos. (Quelle: imago)

Die Kinder ritzen sich mit Rasierklingen, die Eltern sind ahnungslos: Jeder vierte bis fünfte Jugendliche, der sich selbst verletzt, wird nicht als gefährdet erkannt. Um Eltern wachzurütteln, haben Experten nun einen Online-Test entwickelt.

Wie es mit dem Ritzen anfing

Und dann sprang die 15-jährige Hanna* auf und schrie: "Ihr seid doch alle bescheuert." Ihr Stuhl kippte, fiel nach hinten, und Oma, Mama, Tante und Onkel sahen sich schweigend an, während sie weiter an ihren Kuchenstücken kauten. So hat es angefangen, an einem Sonntagnachmittag im November 2007. Eine wütende Hanna, die nach der Scheidung ihrer Eltern nicht wusste, wohin mit ihren Ohnmachtsgefühlen, alleine in ihrem Zimmer, die Tür abgeschlossen. Eine wütende Hanna, die ihre spitzen Fingernägel in die Haut ihrer Unterarme bohrte und kratzte, bis Blut kam. Am nächsten Tag setzte sie mit einer Rasierklinge an. Eine wütende Hanna, die zehn Monate später die Ärmel ihres Pullovers hochkrempelte, und ihrer Mutter trotzig ihre Schnittwunden präsentierte. Eigentlich sollte es Hannas Geheimnis bleiben, doch Dorothea Lechner*, Hannas Mutter, hat immer wieder versucht ins Gespräch zu kommen, wurde aber immer wieder abgewimmelt, und irgendwann hat sie einfach gefragt: "Sag mal, Hanna, was ist denn das auf deinem Arm?"

Ritzen: Signale rechtzeitig erkennen und deuten

Hannas Mutter reagierte, als sie merkte, dass etwas, wie sie sagt, "seltsam war mit meiner Tochter". Einmal entdeckte Dorothea Lechner mehrere Blutflecken auf Hannas Sweatshirt, ein anderes Mal lag das Brotmesser auf dem Badewannenrand. Doch das sogenannte "Ritzen" kann auch unbemerkt bleiben: Nach Expertenschätzungen wird jeder vierte bis fünfte Jugendliche, der sich selbst Schnittwunden oder andere Verletzungen zufügt, nicht als Ritzer erkannt. Ein Online-Test soll das ändern. Er will Eltern und Angehörige dafür sensibilisieren, Signale rechtzeitig zu erkennen, die möglicherweise auf selbstverletzendes Verhalten (SVV) hindeuten.

Erhöhte Selbstmordgefahr

Der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland (BKJPP) hat diesen Test entwickelt. Einen "Wachmacher für alle Eltern" nennt ihn Maik Herberhold, BKJPP-Vorsitzender und Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Als Diagnosetest solle der Test allerdings nicht verstanden werden, man wolle ausschließlich ein Bewusstsein wecken. Eltern seien oft ahnungslos oder würden, abgelenkt durch Beruf und Alltag, gar nicht mehr richtig hingucken. "Sehr viele betroffene Jugendliche schaffen es, ihre Erkrankung über Jahre hinweg sehr effizient vor ihrer Umwelt zu verbergen", sagt Herberhold. "Das beständige Versteckspiel ist folgenreich, denn SVV besitzt Suchtcharakter und führt in einigen Fällen zu einem erhöhten Suizidrisiko." Werde es jedoch frühzeitig erkannt und behandelt, desto besser seien die Heilungsaussichten und desto eher könne ein chronisches Ritzen verhindert werden.

Ritzen ist ein Hilferuf

"Im Grunde geht es den meisten Betroffenen gar nicht darum, unerkannt zu bleiben", sagt Franz Joseph Freisleder, ärztlicher Direktor der Heckscher Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München. Ritzen ist ein Hilferuf. Die Botschaft an das Umfeld laute: "Eigentlich fühle ich mich hundeelend. Merkt das denn keiner?" Nicht selten würden Betroffene mit seltsamen Angewohnheiten auffallen. "Um ihre Wunden zu verdecken, tragen sie auch im Sommer lange Pullover und ziehen die Ärmel bis zum Daumen vor", sagt Freisleder. Aber auch scheinbar harmloses Verhalten kann ein Hinweis sein, etwa das wiederholte Aufreißen von verheilenden Wunden oder wenn Kinder sich ständig wegen angeblicher Mückenstiche kratzen.

Eltern sollten überlegt handeln

Doch wie sollen Eltern reagieren, wenn sie einen Verdacht haben? Freisleder rät zu bedachtem Handeln: "Nicht im Moment des Entdeckens loslegen, sondern erst mal durchatmen und später möglichst ruhig und gelassen auf das Kind zugehen." Wenn das Kind abblocke, sollten Eltern einen erneuten Anlauf machen oder den Weg über Lehrer und Freunde suchen. Der Gang zum Experten sollte nur in Absprache mit dem Kind geschehen.

ratgeber.t-online.de: Selbstverletzung: Wie Außenstehende reagieren sollten

Selbstverletzendes Verhalten nimmt zu

Kinder- und Jugendpsychiater beobachten in Deutschland eine Zunahme von selbstverletzendem Verhalten in den letzten 30 Jahren. Betroffene greifen dabei zu scharfen oder spitzen Gegenständen wie Rasierklingen, Glasscherben, Sicherheitsnadeln oder Scheren. Andere verletzen sich mit Zigaretten oder Bügeleisen oder schlagen mit dem Kopf gegen die Wand. In seltenen Extremfällen kommt es sogar zu Knochenbrüchen.

Mädchen sind häufiger vom Ritzen betroffen

Schätzungsweise 800.000 Menschen in Deutschland haben sich in ihrem Leben mehrmals selbst verletzt, darunter sind viele Jugendliche. Verlässliche statistische Angaben über die Häufigkeit von SVV in Deutschland liegen jedoch noch nicht vor. Die europäische Studie "Child and Adolescent Self Harm in Europe (CASE)" geht von etwa vier bis zehn Prozent der 15- bis 16-Jährigen aus. Befragt wurden über 30.000 Jugendliche in diesem Alter, unter anderem in England, Norwegen und den Niederlanden. Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen. Der Grund: Frauen richten, anders als Männer, Aggressionen eher gegen sich selbst. Zudem ist SVV oft Bestandteil von Borderline- oder Essstörungen, Erkrankungen, unter denen hauptsächlich Frauen leiden.

Glückshormone werden ausgeschüttet

"Auslöser der Ritzattacken sind meistens belastende Ereignisse, von denen sich die Jugendlichen überfordert fühlen", sagt Freisleder. Unfälle beispielsweise, Operationen, chronische Krankheiten, Missbrauch, Konflikte in der Familie. Oder die Trennung der Eltern, so wie es Hanna erlebt hat. "Als Papa weg war, dachte ich, das halt' ich nicht aus", erzählt sie. "Sobald ich geritzt habe und gesehen habe, wie das Blut fließt, ging es mir sofort besser." Weg mit der Anspannung, darum geht es den Betroffenen in erster Linie. "Während einer Verletzung schüttet der Körper Glückshormone aus, Endorphine, die zunächst zu einer Schmerzunterdrückung führen. Diese Endorphin-Ausschüttung kann das Bedürfnis nach Wiederholung auslösen, wenn insgesamt eine schlechte Grundstimmung vorherrscht", sagt Bernd Heßlinger, Oberarzt in der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Freiburg. Warum einige Jugendliche anfälliger sind als andere, ist noch nicht eindeutig geklärt. Heßlingers Kollege Christian Fleischhacker vermutet, dass SVV möglicherweise auf Störungen der Impulskontrolle und auf einem Mangel des Hirnbotenstoffs Serotonin beruhe, der auch bei Depressionen eine Rolle spiele. Ritzen könnte auch eine genetische Komponente haben.

Was leisten Therapien?

Betroffenen kann mit einer Therapie geholfen werden. "Wir bringen den Patienten bei, dass Spannung auch abgebaut werden kann, ohne dass man sich selbst verletzt", sagt Heßlinger. Er benennt 86 Methoden zum Spannungsabbau. Zunächst wird ausgewichen auf andere starke Reize, wie etwa Beißen in Chili, eiskaltes Duschen oder heftige Geruchsreize wie Ammoniak. "Im weiteren Verlauf suchen wir nach sozial sinnvollen Spannungslösern, etwa Sport statt Chili", sagt Heßlinger. Hanna, die inzwischen eine Therapie gemacht hat, ist neulich sogar fast rund um den Starnberger See gejoggt. "Ich fühlte mich so erschöpft wie noch nie, ich dachte, mein Herz springt raus", sagt sie. "Ein irres Gefühl."

ratgeber.t-online.de: Borderline-Skills: Umgang mit emotionalen Spannungszuständen

(* Namen von der Redaktion geändert)

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