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Jugendkriminalität: Alltag einer Jugendrichterin im Problembezirk Berlin-Neukölln

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Jugendkriminalität  

Meine Schäfchen spucken, klauen und prügeln

06.04.2010, 11:44 Uhr | dpa

Jugendkriminalität: Alltag einer Jugendrichterin im Problembezirk Berlin-Neukölln. Jugendrichterin Kirsten Heisig im Gespräch mit Bewohnern des Problembezirks Neukölln. (Quelle: dpa)

Jugendrichterin Kirsten Heisig engagiert sich für jugendliche Intensivtäter. (Bild: dpa) (Quelle: dpa)

Das Neuköllner Modell der Jugendjustiz will die Spirale von Gewalt, Respektlosigkeit und Verwahrlosung in dem Berliner Problembezirk stoppen. Richter wollen bei den jungen Intensivtätern konsequent durchgreifen, aber trotzdem den Jugendlichen die Zukunft nicht verbauen. Diese Art der Jugendjustiz hat sich mittlerweile in ganz Berlin durchgesetzt. Wie sieht der Alltag einer Jugendrichterin dort aus?

Alltag der Jugendrichterin

"Wenn Sie hier noch mal aufschlagen, ist Schluss mit lustig", sagt Jugendrichterin Kirsten Heisig ganz freundlich zu dem schmächtigen Mann mit dem Lockenkopf. Der junge Berliner mit dunkler Hautfarbe hat sich zu seinem Prozess im Amtsgericht Tiergarten in einen Anzug geworfen und versucht Eindruck zu schinden. Der 19-Jährige gibt sich lässig: "Das höre ich ja zum ersten Mal, dass ich den Busfahrer verletzt habe." Aber so wirklich erinnern könne er sich nicht. "Aber dass von der Polizei gleich alles so dramatisiert wird", wirft der Angeklagte großspurig ein.

Letzte Chance vor dem Knast

"So, jetzt reden wir mal über Ihre Probleme und nicht darüber, was die anderen falsch gemacht haben", sagt Heisig in dem schmucklosen Raum fast mütterlich. "Alkohol, Cannabis, Valium - Sie waren richtig voll und sind ausgetickt. Das ist ja nicht das erste Mal - und Sie geben immer anderen die Schuld. Besonders reif ist das nicht." Die selbstsichere Fassade bröckelt. "Ja, ich versuche mich zu bessern", sagt der junge Mann zum Schluss leise und blickt nur noch angestrengt nach unten. Er bekommt seine allerletzte Chance und für ein Jahr einen Betreuer. Beim nächsten Delikt droht Knast.

"Es wird viel gelogen vor Gericht"

An diesem Montag stehen ab 9:00 Uhr zwölf Prozess-Termine auf der Liste der 48-jährigen Richterin in Jeans und schwarzer Robe. In neun Fällen haben die Angeklagten ausländische Namen. Der Tag ist keine Ausnahme an diesem Berliner Amtsgericht. "Es wird viel gelogen vor Gericht - Deutsche ebenso wie Migranten", sagt die sportliche und superschlanke Richterin. Auf Amtsdeutsch heißt das: "Die Geständnisbereitschaft hat abgenommen." Doch Kirsten Heisig ist nicht verzweifelt oder deprimiert. Sie ist eine Kämpferin. Sie hat etwas in Bewegung gesetzt, das die schreckliche Spirale von Gewalt, Respektlosigkeit und Verwahrlosung stoppen soll und woran sie glaubt.

Zauberwort Neuköllner Modell

Das Zauberwort heißt Neuköllner Modell und ist längst über Berlin hinaus bekannt. In dem sozialen Brennpunkt Neukölln ist nicht nur die Arbeitslosigkeit hoch, der Problemkiez wird auch mit Jugendgewalt in Verbindung gebracht. Rund 50.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren leben hier. Mit einem Anteil von 23 Prozent Zuwanderern gilt der Bezirk als schwierig. Knapp 60.000 der rund 300.000 Einwohner können ihren Lebensunterhalt nur mit Hilfe staatlicher Sozialleistungen bestreiten. Die für den Bezirk zuständige Richterin hatte es satt, dass vor allem junge Männer, die in Supermärkten klauen oder Lehrer angreifen und bespucken, Jüngere "abziehen" und Telefonzellen demolieren, erst Monate später vor ihr auf der Anklagebank saßen und sich dann gar nicht mehr erinnern konnten.

Zeitnahe Strafen gefordert

"Wenn meine Töchter ihre Zimmer nicht aufräumen, kann ich nicht drei Wochen später Fernsehverbot erteilen - das bringt gar nichts." Schnell nach der Tat müsse die Strafe folgen, um wenigstens noch die Chance zu haben, den Delinquenten innerlich zu erreichen, fand Heisig und rannte bei der Polizei offene Türen ein. Mit einem vereinfachten und beschleunigten Verfahren soll die Gesellschaft den Jugendlichen auch bei Alltagskriminalität unmissverständlich zeigen: "So geht es nicht, das nehmen wir nicht hin."

Vereinfachte Verfahren

Wer auffällig wird, muss inzwischen davon ausgehen, dass Polizei, Jugendhilfe, Staatsanwaltschaft und Jugendrichter nicht nur seine jüngste Verfehlung kennen, sondern auch die davor. Denn es sind dieselben Leute, die die Akte des jugendlichen Kriminellen jedes Mal wieder in die Hand bekommen und den Fall samt Vorgeschichte kennen. So bleibe nichts verborgen und es müsse nicht immer wieder alles von vorne ermittelt werden. Die vereinfachten Verfahren könnten dann idealerweise innerhalb von drei bis vier Wochen vor Gericht kommen. "Das hat dann erzieherische Wirkung", glaubt Heisig. Ihre Urteile: Gemeinnützige Arbeit, ein Gespräch mit dem Opfer, täglicher Schulbesuch, ein Anti-Gewalt-Kurs oder auch Jugendarrest. "Die Jungs sollen merken, sie kommen nicht durch mit der Tour."

Erste Generation der Intensivtäter sitzt im Knast

Was vor zwei Jahren startete und vielleicht noch wie eine einsame Mission aussah, hat Schule gemacht. Jetzt haben Polizei und Justiz angekündigt, das Neuköllner Modell ab Juni überall in Berlin anzuwenden. Stufenweise wurde die schnellere Ahndung kleinerer Delikte erweitert. Denn die Probleme betreffen nicht nur Neukölln. Heisig schränkt ein: "Das ist ein Baustein bei der Bekämpfung der Jugendkriminalität." Aber sie ist stolz, dass ihre Ideen angenommen wurden. "Die Behörden klettern aus ihren Elfenbeintürmen und kooperieren. Das ist gut." Wie viele ihrer Kollegen will sie es nicht akzeptieren, dass Jugendliche den "Staat nicht mehr ernst nehmen, seine Autorität nicht anerkennen." Es seien aber auch diese jungen Menschen, die Halt und Orientierung suchten.

Zusammenarbeit zwischen Polizei und Justiz motiviert

Dort, wo alles begann, im Polizeiabschnitt 55 in Neukölln, sagt der Polizist Steffen Dopichay: "Frau Heisig schickt uns auch Faxe mit dem Urteil. Das motiviert, wenn wir wissen, was aus den Jugendlichen geworden ist, die wir festgenommen haben." Im Kiez habe sich herumgesprochen, dass der Staat nicht bloß zuschaut. So sieht das auch Oberstaatsanwalt Rudolf Hausmann: "Straftaten dürfen sich nicht verfestigen und zur Lebensgewohnheit werden."

Intensivstraftäter ab zehn Taten pro Jahr

Bei der Staatsanwaltschaft sind derzeit rund 400 Intensivtäter registriert, viele mit ausländischen Wurzeln. In diese Kategorie kommt, wer zehn Straftaten in einem Jahr begangen hat. Als Schwellentäter gelten solche, die bis zu neun Taten pro Jahr auf dem Kerbholz haben. Bei ihnen hat man noch Hoffnung, das gänzliche Abgleiten in eine kriminelle Karriere zu verhindern. Die erste Generation der jugendlichen Intensivtäter sitze im Knast, "aber jetzt wächst die zweite Generation heran", sagt Staatsanwalt Hausmann.

Justiz als Reparaturkolonne?

Es klingt etwas hilflos: "Wir können uns nicht einen verlorenen Jugendlichen leisten, auch wenn wir nicht immer im ersten Anlauf erfolgreich sind." Hausmann sieht die Justiz schon als "letzte Reparaturkolonne der Gesellschaft." Die Gewalt- und Rohheitsdelikte von Jugendlichen sind zwar im letzten Jahr in Berlin zurückgegangen. Doch die Welle könne wieder ansteigen, schätzen Ermittler.

Eltern mehr zur Verantwortung ziehen

"Meine Schäfchen", nennt Kirsten Heisig ironisch straffällige Jugendliche bei einem Treffen im deutsch-arabischen Zentrum in Neukölln. Als ihr ein älterer Besucher entgegenhält, dass junge Ausländer es schwer hätten und man ihnen mehr Ausbildungs- und Arbeitsplätze bieten müsse, argumentiert sie mit Fakten: "Neukölln macht jedem unter 25 Jahren ein Ausbildungsangebot. Doch bei etlichen Jugendlichen reiht sich eine abgebrochene Bildungsmaßnahme an die andere." Die Eltern sollten mehr zur Verantwortung gezogen werden. Auf jeder Baustelle stehe, Eltern haften für ihre Kinder. Müsse das nicht überall so sein?

Abrutschen beginnt mit Schulproblemen

Das ist auch Thema im interkulturellen Elternzentrum der Grundschule in der Köllnischen Heide. Rund 30 Frauen sind zu dem Informationsabend mit Heisig gekommen - einige von ihnen tragen Kopftücher. Nur wenige Väter sind da, sie sitzen unauffällig auf Plätzen weit hinten im Saal. Die Richterin mit weißer Bluse und Brille im Haar berichtet aus 20-jähriger Richter-Erfahrung: "Das Abrutschen fängt meist schon mit Problemen in der Grundschule an. Intensivtäter hatten meist Schulprobleme oder gingen gar nicht erst hin." Immer wieder unterbricht sie für die Übersetzung ins Türkische und Arabische. Und Heisig fragt in die Runde: Wie können Schule und Eltern zum Wohl ihrer Kinder zusammenkommen? Es gehe dabei nicht um Überwachung: "Wir brauchen Ihre Kinder ganz dringend in guten Berufen - als Polizisten, Erzieher und Ärzte", appelliert Heisig, die als selbstbewusst und ehrgeizig charakterisiert wird. Sie sieht sich dagegen "mit gewissem Mut ausgestattet, mit Tatendrang und Humor."

Auch Reiche haben Probleme

Damit sie hier keinen der Besucher verschreckt, verteilt die Richterin auch Trostpflaster. Kriminelle Jugendliche gebe es auch in Marzahn im Ostteil Berlins. Und: "Auch Kinder aus besseren Bezirken haben Probleme - weil sie zu viel materielle Zuwendung bekommen." Geschenke ersetzten aber kein gemeinsames Abendessen oder den Abend im Kino. Sie habe mal ein Arztsohn vor Gericht gehabt wegen Kokain - der habe seinen Gästen zur Abwechslung was anderes bieten wollen als Champagner, erzählt sie. Müsse es aber nicht um emotionale Zuwendung gehen? Und sollten Eltern nicht Vorbild sein und respektvoll miteinander umgehen?

Die Gene sind nicht schuld

Einer der Väter meldet sich empört zu Wort: Er kenne Familien, die das Fehlverhalten ihrer Kinder unterstützten. Eine arabische Mutter fragt: Was soll man denn machen, wenn bei mehreren Geschwistern alles normal laufe und nur einer gewalttätig sei? Ihre Schlussfolgerung: Es müssen die Gene sein. Frau Heisig widerspricht. "Ich glaub nicht, dass die Gene schuld sind. Es ist doch oft so: Wer in der Schule erfolglos ist, holt sich den Erfolg auf der Straße." Notfalls sollte das Sorgerecht für Eltern eingeschränkt werden.

Autorität ist gefragt

Einsperren aber nütze nicht viel. "Hinterher sind sie nicht besser - ganz im Gegenteil." Wenn Vater oder Mutter gar nicht mehr weiter wüssten, sollten Großeltern um Rat gefragt werden. "Die haben oft mehr Autorität», sagt die Richterin. Auch das Jugendamt könnte eingeschaltet werden. "Nur nichts einfach so laufen lassen", warnt sie. Ein Türke mischt sich ein: Er habe im Knast viel Zeit zum Nachdenken gehabt - seine Erkenntnis: "Die meisten meiner Landsleute haben kein Hobby, viele können zu schlecht Deutsch, um ihren Kindern zu helfen." Also Sprache lernen und sich nicht isolieren. Beifall - das kommt an.

Integration statt Isolation

Für Richterin Heisig ist es aufwendige Puzzlearbeit, neben den Prozessen im Gericht immer wieder in Schulen, Vereine oder Nachbarschaftstreffs zu gehen. "Aber auf dieser praktischen Ebene kann man am ehesten etwas erreichen", glaubt sie. Viel Lob hat sie für ihr Engagement eingeheimst. Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) sagt, sie wünsche sich, dass noch mehr ihren Beruf so ernst nähmen wie Frau Heisig. "Sie hat eine ganze Menge bewegt. Und wir haben gelernt: Es nützt nichts, nur zu meckern und mit dem Finger auf andere zu zeigen."

Erfolg macht Richterin zu schaffen

Doch der Erfolg und ihre Popularität haben Kirsten Heisig in gewisser Weise eingeholt. "Ich hab keine Freunde hinzugewonnen. Ich fühle mich oft als Exot wahrgenommen. Das sagt mir zwar keiner ins Gesicht, das läuft so verdeckt. Der Vorwurf, ich sei ganz wild auf Öffentlichkeit, trifft mich und macht mir schon zu schaffen." Sie habe nicht erwartet, dass ihre Vorstellungen solche Kreise ziehen. Die Frau, die schon als Kind Richterin werden wollte, gesteht aber ein, dass sie oft mit der Tür ins Haus falle, rumpoltere, alles sofort wolle und andere verschrecke. "Ich bin nicht diplomatisch. Aber das bräuchte ich." So rechnet sie auch mit kontroversen Reaktionen, wenn im Sommer ihr erstes Buch über ihre Erfahrungen erscheint. Ihre Erfahrung als Richterin mit jährlich knapp 400 Verfahren: Manche Fälle sind hoffnungslos. "Das gab es vor zehn Jahren noch nicht", sagt Heisig. Niederlagen könne sie aber wegstecken.

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