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Jugendarmut: Klingeln statt Jammern

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Jugendarmut  

Klingeln statt Jammern: Methoden gegen Jugendarmut

21.06.2010, 15:11 Uhr | dpa

Jugendarmut: Klingeln statt Jammern. Schwester Margareta begrüßt Jugendlichen.

Schwester Margareta begrüßt in Berlin im Bosco Zentrum den Jugendlichen Steffen Pfeiffer. (Bild: dpa) (Quelle: dpa)

Im "gottlosen" Berliner Osten klingelt eine katholische Ordensschwester morgens Teenager heraus. Bei der Nationalen Armutskonferenz klagt sie nicht übers Sparprogramm. Ihr geht es darum, die nächste Generation Hartz IV zu verhindern.

Eine Nonne in Marzahn

Es ist ein seltsames Bild, wenn Margareta Kühn in ihrer langen, grau-schwarzen Tracht in Berlin-Marzahn zur Arbeit eilt. Die katholische Ordensschwester wirkt zwischen den zehnstöckigen Plattenbauten des Ostberliner Stadtviertels wie eine Außerirdische. Denn hier spielt Kirche keine Rolle, jeder zweite setzt bei Wahlen auf die "Linke". Margareta Kühn ist hier, um Teenagern ein Leben mit Hartz IV zu ersparen. Sie versucht auf ihre Art die fatale Abwärtsspirale zu stoppen, die am vergangenen Wochenende bei der Nationalen Armutskonferenz in Berlin Thema war. Jammern über die jüngste Sparrunde bei den Ärmsten? Das liegt ihr nicht.

14 Prozent der Bundesbürger sind von relativer Armut bedroht

Lobbyarbeit für die Verlierer der Gesellschaft ist nicht einfach in Deutschland. Die Wirtschaftskrise, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und die Ängste der Mittelschicht vor dem Abstieg machen die Lage komplizierter als früher. Dabei sind 14 Prozent der Bundesbürger - 11,5 von rund 80 Millionen Menschen - nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung inzwischen von relativer Armut bedroht. Das heißt, dass ihnen weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zum Leben bleibt.

Unterschiede in der Wahrnehmung

Wohlfahrtsverbände registrieren bei der Wahrnehmung von Armut Unterschiede. "In der Gesellschaft kommen die Themen Kinderarmut und Armut im Alter besser an", sagt Franz-Ulrich Otto, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit. Bei Jugendlichen, die herumgammelten und in merkwürdiger Kleidung herumliefen, greife dagegen oft ein Klischee: selber schuld. Ein Fehler, wie Otto kritisiert. Fast ein Fünftel der Jugendlichen in Deutschland lebe inzwischen in relativer Armut, in Ostdeutschland sei es sogar fast ein Drittel. Und viele seien daran nicht selbst schuld.

Die nächste Generation Hartz IV

Die Gründe für den Frust bei Jugendlichen in Marzahn sind verschieden. Es liegt nicht nur am Geld. Es gibt Probleme im Elternhaus, es mangelt an Zuwendung, an Perspektiven. Nur das Ergebnis bleibt immer gleich. Wer die Schule abbricht, ruiniert sich sein Leben. Ohne Abschluss gibt es keinen Ausbildungsplatz, ohne Lehre keinen Job. Bereits acht Prozent der Jungen und Mädchen in Deutschland verlassen die Schule nach Ottos Angaben ohne Abschlusszeugnis. Sie werden zur nächsten Generation Hartz IV.

Morgens klingelt die Nonne

Schwester Margareta hat ihre eigene Methode, das zu verhindern. Wenn Teenager morgens nicht zur überbetrieblichen Ausbildung im Marzahner Don-Bosco-Zentrum erscheinen, erscheint die Ordensfrau vor ihrer Haustür und klingelt Sturm. Zur Not klingeln sie und ihr Team wochenlang jeden Morgen. Zumindest so lange, bis die jungen Frauen und Männer begreifen, dass sie sich ihre letzte Chance auf einen Beruf nicht vermasseln dürfen. Maler, Tischler, Hauswirtschafter oder Hausmeister können sie im Zentrum werden. Manche lernen erst hier, was ein gemeinsames Frühstück ist. Einige Teenager schaffen in einer kleinen Schule des Ordens in Thüringen ihren Hauptschulabschluss.

Kontakt- und Bildungsarmut

"Das Sparpaket der Bundesregierung trifft ganz genau unsere Leute", sagt Schwester Margareta. Vielleicht treffe es irgendwann auch ihre Einrichtung, die noch Tag und Nacht öffnen kann. "Jammern bringt aber nichts", sagt sie. Sie lädt lieber nach Marzahn ein. "Wir müssen zeigen, warum es uns gibt." Im Caritas-Jugendzentrum "Magdalena" in Marzahn ist die Stimmung gedrückter, wenn es um das Sparen an Sozialleistungen geht. "Das hat unheimliche Auswirkungen auf die Familien", sagt Sozialpädagogin Annette Sailer. Sie sieht Zeiten kommen, in denen Eltern ihre Kinder von Schul-Mittagessen und Hort abmelden und auf Ausflüge verzichten. "Denn das alles kostet immer ein bisschen Geld." Ohne Elterngeld verlören auch junge Familien auf Hartz IV eine Atem- und Denkpause. "Das alles führt zu noch mehr Kontakt- und Bildungsarmut."

"Fitte junge Menschen sollten kein Geld bekommen, sondern einen Tritt in den Hintern"

Vor dem Jobcenter Marzahn-Hellersdorf sieht Vivian Tomalik die Lage anders. "Viele Menschen nutzen Hartz IV aus. Da müsste noch viel mehr gekürzt werden", urteilt die 25-Jährige aus dem Kiez. "Fitte junge Menschen sollten kein Geld bekommen, sondern einen Tritt in den Hintern." Vivian stand vor ein paar Monaten selbst fast vor dem Nichts. Als Kellnerin wurde sie wegen Sehnenscheidenentzündungen berufsunfähig. Das Jobcenter, so empfand sie es, ließ sie hängen. Denn ihren neuen Berufswunsch Erzieherin gab es nicht als Umschulung. Da hat sich Vivian an die Berater gewandt, die als Ansprechpartner für junge Leute in einem Bus vor dem Jobcenter sitzen. Die machten mehr möglich. Nächste Woche beginnt ihre dreijährige Erzieher-Ausbildung. Vivian ist stolz. Und das Sparpaket? "Das Soziale, das wir mal hatten, kommt sowieso nicht wieder", sagt sie.

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