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Suizid  

Jugendliche töten sich selbst - "Versagen und Verlassensein"

13.07.2010, 08:18 Uhr | dpa

Suizid: Jugendliche töten sich selbst. Verzweifelter Teenager.

Suizid gehört bei Jugendlichen zu den häufigsten Todesursachen. (Bild: imago) (Quelle: imago)

Fast 10.000 Menschen töten sich in Deutschland im Jahr selbst - die Einwohnerzahl einer Kleinstadt. Doppelt erschreckend: Viele junge Leute begehen Selbstmord oder versuchen es. Suizid gehört bei Jugendlichen zu den häufigsten Todesursachen.

Jeden Tag töten sich zwei Jugendliche

Christian nahm sich an seinem 14. Geburtstag das Leben. Er erhängte sich mit einem Gürtel im Badezimmer. Anna wollte sich umbringen, konnte aber in letzter Minute in der Kölner Uniklinik gerettet werden. Die Schülerin (16) hatte sich mit Medikamenten vollgepumpt. Warum tun junge Menschen das Unfassbare - und warum sind es so viele? Täglich töten sich laut Statistik zwei Heranwachsende in Deutschland und geschätzte 20 versuchen es.

Suizide sind neben Verkehrsunfällen die häufigste Todesursache bei jungen Menschen, sagt Prof. Gerd Lehmkuhl, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Köln. Viele Verzweifelte landen bei ihm: "Jede Nacht kommen Kinder und Jugendliche zu uns in die Klinik in die Notaufnahme, die sich umbringen wollten. 50 bis 60 sind es im Monat - vor 20 Jahren hatten wir drei, vier Fälle im Monat." Auch die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) ist besorgt: Bei den Selbsttötungsversuchen sei der Anteil junger Menschen besonders hoch.

Jugendliche sind besonders gefährdet

Laut Statistischem Bundesamt nahmen sich nach den jüngsten Zahlen (2008) 9451 Menschen das Leben, 603 waren 10 bis 24 Jahre jung, mehr als drei Viertel von ihnen männlich. Bei den Suizidversuchen gibt es lediglich Schätzungen. Michael Witte von der DGS geht davon aus, dass es zehnmal so viele Versuche gibt wie vollendete Selbstmorde. Einig sind sich die Experten, dass Jugendliche besonders verletzlich und gefährdet sind - und dass dieses dramatische Problem viel ernster genommen werden müsste.

Warnzeichen ernst nehmen

"Das Jugendalter ist die Zeit der Krise", erklärt Witte. "Da ist die Ablösung von den Eltern, Schulstress, neue Beziehungen, neue Konflikte, es stehen schwierige Weichenstellungen an - und immer Zweifel." Viele rutschen in eine Sinnkrise. "Bei jungen Menschen ist es auch ein Gefühl von Versagen und Verlassensein: Ich bin anders, ich gehöre nicht dazu, ich bin nichts wert, ich kann nichts. Es ist eine innere Entwertung und zugleich ein nicht ausreichend ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Es fehlt noch die Fähigkeit, die eigenen Probleme in die Hand zu nehmen." Warnzeichen könnten extremer Rückzug sein, auffällig ängstliches, depressives Verhalten, starke Stimmungsschwankungen.

Unterschiede bei Mädchen und Jungen

Mädchen greifen zu Tabletten, Jungen wählen den Experten zufolge eine "härtere Methodik", die eine Rettung schwer macht. "Mädchen rufen still um Hilfe, sie machen einen letzten Kommunikationsversuch, nehmen Medikamente, die noch Zeit für Intervention geben", sagt Witte. "Bei den jungen Männern herrscht oft die Meinung vor: Reden ist für Weicheier - sie lassen niemanden an sich ran, und diese Einstellung kann tödlich sein", weiß Witte. Diese Gruppe zu erreichen, sei auch für Therapeuten und Berater besonders schwierig.

Druck ist größer geworden

Lehmkuhl sieht Jugendliche in der - immer früher einsetzenden - Pubertät in einer "vulnerablen" Phase, in der sie besonders anfällig sein können für Selbstmordgedanken. Zugleich beobachtet er ein gesellschaftliches Versagen: "Der Druck von außen ist größer geworden. Die Familien, die Eltern sind nicht mehr so gut im Auffangen ihrer Kinder. Die soziale Unterstützung ist geringer geworden, und die Anforderungen steigen, auch in der Schule."

Frühwarnsystem nötig

Die Zahl der Selbsttötungen und Suizidversuche ist alarmierend und zeigt Lehmkuhl zufolge: "Wir müssen ein Frühwarnsystem etablieren. Alle, die mit Jugendlichen umgehen, müssen hingucken, sensibilisiert werden für frühe Anzeichen. Die Kinder und Jugendlichen quälen sich. Man kann sie aus ihrer speziellen Bedrohung herausholen, ihnen helfen. Aber wenn das Problem nicht ernst genug genommen wird, kann das fatal sein - und tödlich."

Warnhinweise für Eltern


  • Verändertes Essverhalten mit Appetitlosigkeit, Essanfällen oder Unregelmäßigkeiten
  • Konsum von Alkohol oder anderen Drogen
  • Gewalttätigkeit, rebellisches Verhalten, Weglaufen, Herumstreunen
  • Unübliche Vernachlässigung der Kleidung
  • Andauernde Langeweile, Konzentrationsschwierigkeiten und/oder Nachlassen der schulischen Leistungen
  • Rückzug aus Familie, Freundeskreis, Sportverein, Jugendgruppe
  • Desinteresse an gemeinsamen Aktivitäten
  • Abwehr von Lob und Anerkennung
  • Ablehnung von Geschenken
  • Verschenken von geliebten Gegenständen oder Haustieren
  • Klagen über psychosomatischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Übelkeit, Müdigkeit
  • Plötzliche Fröhlichkeit nach einer depressiven Phase

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