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Mädchen  

Wenn große Freundinnen helfen

08.09.2010, 10:46 Uhr | ud, t-online.de

Mädchen: Wenn große Freundinnen helfen. Zwei Personen halten sich die Hände.

Große Freundinnen begleiten und unterstützen Mädchen und junge Frauen. (Bild: imago) (Quelle: imago)

Wenn die Eltern schwierig werden oder das Leben kompliziert wird, kann für junge Frauen eine Freundschaft hilfreich und schön sein. Das Projekt „anna & marie“ stellt Mädchen, die Zuhause, in der Schule, mit Freunden oder einfach beim Erwachsenwerden Probleme haben, große Freundinnen an die Seite. Zunächst war "anna & marie" von der Projektleiterin Martina Grön in Heilbronn umgesetzt worden. Das im Jahr 2004 mit dem Deutschen Präventionspreis ausgezeichnete Projekt gehört mittlerweile zum Deutschen Kinderschutzbund, Landesverband Baden-Württemberg, und wird dort in mehreren Städten und Landkreisen angeboten. Mehr als 250 Mädchen fanden über „anna & marie“ bereits eine große Freundin.

Eine Freundin für Sophie

Vor acht Jahren lebte die 17-jährige Sophie in fürchterlichen Wohnverhältnissen in einer Kellerwohnung und war sehr allein, bis sie Eva kennen lernte, eine erwachsene Frau. Zwischen den beiden entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Sophie hatte damals keinen Kontakt zu ihrer Familie; sie war mehrfach von zuhause ausgerissen, weil der Vater ihr massiv gedroht hatte, sie in ihr Heimatland zu bringen. Sie versteckte sich, hatte dabei aber große Probleme, sich in der neuen Stadt zurechtzufinden.

Mittlerweile ist Sophie erwachsen und hat auch wieder Kontakt zu ihrer Mutter und zu ihren Geschwistern. Sophie ist sehr selbstständig und jetzt sogar Polizeimeisterin auf Probe. „Sie hat ihren Traum verwirklicht“, erzählt Eva. Die Freundschaft zwischen den beiden besteht immer noch. „Sophie ist nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken“, sagt sie. Eva hatte sich über das Projekt „anna & marie“ als „große Freundin“ angeboten und wurde so an Sophie vermittelt. Die Idee hinter „anna & marie“ ist geglückt: Frauen wie Eva begleiten Mädchen wie Sophie.

Komm, wir gehen ein Stück gemeinsam

„Ich wollte hier vor Ort einem Mädchen auf seinem Weg ins Leben helfen. Zeit kostet kein Geld, aber man kann viel damit erreichen“, erzählt Eva. Deshalb sei sie vor acht Jahren große Freundin geworden. Ihre Hilfe hat sich bewährt: Sophie steht heute auf eigenen Beinen, hat alle Prüfungen der Ausbildung bei der Polizei super bestanden und hat mittlerweile sogar ein eigenes Auto.

„anna & marie“ will nicht erziehen, nicht bevormunden und auch keinen Elternersatz schaffen, sondern junge Frauen stärken; sie in schwierigen Lebenssituationen unterstützen. Der Weg zum Erwachsenwerden ist nicht immer leicht. Viele Jugendliche stehen vor Hürden oder Problemen: größeren und kleineren. Erwachsene, lebenserfahrene Frauen wollen große Freundinnen für solche Mädchen sein. Sie fühlen sich ein, suchen bei Bedarf gemeinsam mit ihnen nach Lösungen und helfen wenn nötig auch bei lebenspraktischen alltäglichen Tätigkeiten wie etwa einem Vertragsabschluss. Das Besondere an „anna & marie“: Diese Frauen haben Zeit, können zuhören und nehmen die Mädchen ohne Vorurteile an - so beschreibt Eva, selbst zweifache Mutter und Großmutter, was große Freundinnen leisten. Es sei ganz einfach: „Ich bin da, wenn sie mich braucht, gebe Hilfestellung, wenn sie es möchte.“

Durch dick und dünn

Oft ist die Suche nach Konfliktlösungen schwierig. „Es gab immer wieder auch schwierige Situationen, in denen ich Kraft gebraucht habe, um Sophie wieder aufzurichten. Zum Beispiel als Freunde sie im Stich gelassen haben oder als sie Probleme in der Schule hatte“, berichtet Eva. Die großen Freundinnen halten die Mädchen mit ihren Problemen aus. „Andere anzunehmen wie sie sind - ohne Wertung - ist nicht immer leicht, aber das zu lernen, ist toll. Zuhören können sollte jeder, denn hören und zuhören ist nicht dasselbe“, beschreibt Eva ihre Erfahrungen als große Freundin.

Genauso wichtig wie die schwierigen sind die schönen gemeinsamen Momente der Freundinnen. Eva erinnert sich, wie Sophie nach langem Hartz IV-Bezug und vielen Ein-Euro-Jobs endlich ihren Traumausbildungsplatz bei der Polizei bekommen hat, noch dazu ein Stipendium. Und wie sie beide gemeinsam durch Spenden von ein paar Firmen ein gemütliches Zimmer in Sophies eigentlich eher bescheidener Wohnung eingerichtet haben.

Für alle Mädchen zwischen zwölf und 24

Für die Mädchen gibt es keine Aufnahmevoraussetzungen. „anna & marie“ ist keine amtliche Jugendhilfemaßnahme. Das Angebot richtet sich an alle jungen Frauen zwischen zwölf und 24 Jahren, die sich eine große Freundin wünschen, zum Beispiel weil sie sich alleine gelassen fühlen, einen Ansprechpartner brauchen, Angst haben, ihr Leben nicht zu bewältigen oder einfach nicht weiter wissen. Manche Heranwachsenden haben zusätzlich Beziehungs- oder Suchtprobleme, Schwierigkeiten in der Schule oder der Ausbildung oder sind mit Traumata belastet.

Die großen Freundinnen sind einzig für die Mädchen da. Sie sind weder Erziehungshilfen für die Eltern noch Babysitter für kleine Geschwister. „Sophies Eltern und Familie habe ich nicht kennengelernt. Das ist auch nicht meine Aufgabe. Es geht allein um die Mädchen“, fasst Eva zusammen.

Die Vermittlung: Ein Anruf genügt

Was muss ein Mädchen nun aber tun, um eine große Freundin zu bekommen? Hier genügt ein einfacher Anruf. Die jungen Frauen erzählen, wie sie sich eine große Freundin vorstellen und ob sie sich persönlichen, telefonischen oder schriftlichen Kontakt wünschen. „Ich kenne die Frauen ja“, sagt Ursula Danner, Koordinatorin des Projekts im Landkreis Heilbronn, „ich überlege mir dann, wer passen könnte, frage an, ob sie Kapazitäten hat und gebe die Kontaktdaten nach Absprache weiter.“ Normalerweise gebe es einen Pool an großen Freundinnen, so dass die Vermittlungen immer ziemlich schnell zustande kommen. Und das soll auch so sein: „Wenn ein Mädchen hier anruft, soll sie nicht erst Wochen warten müssen.“

„Ausbildung“ zur großen Freundin

Die großen Freundinnen bei „anna & marie“ sind meist keine „Profis“. Sie melden sich ehrenamtlich für das Projekt. Eva zum Beispiel hatte in der Zeitung über das Projekt gelesen und sich daraufhin einfach gemeldet. Eigentlich arbeitet sie als Teamleiterin für Empfang und Poststelle in einer großen Firma. Umso wichtiger ist es, dass die Frauen vor und während ihrer Zeit als große Freundin unterstützt werden. „Diese ganze Arbeit hätte ich ohne meinen Mann und die Unterstützung meiner Koordinatorin nie geschafft, denn auch große Freundinnen brauchen ab und zu Hilfe und jemand, der zuhört“, sagt Eva.

20 bis 25 Stunden müssen alle Frauen, die große Freundinnen werden wollen, deshalb vorab an einer Schulung teilnehmen. Regelmäßig werden die großen Freundinnen dann zur professionellen Supervision, zur Beratung in Kleingruppen, eingeladen. Für akut anfallende Probleme steht ihnen außerdem immer ihre Koordinatorin zur Verfügung.

Die Grenzen des Projekts

Große Freundinnen sind keine Therapeuten. Sie können keine Probleme beseitigen. Aber alleine, dass sie für die Mädchen da sind und ihnen zuhören - das hilft, stärkt das Selbstvertrauen und unterstützt bei der eigenen Identitätsfindung. Die jungen Frauen können sich auf ihre großen Freundinnen verlassen. Bei schwerwiegenden Problemen - zum Beispiel bei Drogenabhängigkeit oder sexuellem Missbrauch - können große Freundinnen eine professionelle Betreuung aber nicht ersetzen. Sie können an Fachleute verweisen oder gemeinsam mit den Mädchen Kontakt zu diesen aufnehmen. Und wenn eine Therapie etwa nicht klappt, gilt es für die große Freundin, trotzdem durchzuhalten und zu der kleinen zu stehen, auch wenn nicht alles so läuft wie man sich das wünschen würde. Große Freundinnen haben auch keinen Erziehungsauftrag und arbeiten daher auch nicht auf ein bestimmtes Ziel, zum Beispiel einen erfolgreichen Schulabschluss des Mädchens, hin. Große Freundinnen sind einfach Freundinnen.

„anna & marie“ aus Elternsicht

„Einmal hat sich eine Oma gemeldet und gesagt, wie gut es ihrer Enkelin tut, dass sie eine große Freundin hat“, sagt Danner. Von Eltern gebe es aber wenig direkte Rückmeldungen. „Manchmal fragen zwar Eltern an, die es gut fänden, wenn ihre Tochter eine große Freundin hätte. Diese könnten sich informieren und ihrer Tochter das Projekt empfehlen - die Entscheidung, mit einer großen Freundin in Verbindung zu treten, kann jedoch nur von dem Mädchen selbst ausgehen, nicht von den Eltern.“ Mit den Eltern selbst arbeiteten die großen Freundinnen nicht. Denn die Mädchen sollten sich sicher sein, dass hinter ihrem Rücken nicht über sie gesprochen wird und dass sich ihre große Freundin nicht gar mit den Eltern verbündet.

Ist eine junge Frau jedoch noch nicht volljährig, werden die Eltern spätestens nach dem dritten Treffen der Freundinnen informiert. Für eventuelle Fragen oder bei Schwierigkeiten steht die Koordinatorin den Eltern zur Verfügung. Lehnen die Eltern den Kontakt allerdings partout ab, kann er natürlich nicht gegen ihren Willen weitergeführt werden, so Danner. Wenn Eltern aber verstünden, dass eine große Freundin ihre Tochter unterstützt, ihr beisteht und ihr hilft, den eigenen Weg zu finden, werde ihnen klar, dass „anna und marie“ ihnen nichts wegnehmen, sondern dazu beitragen will, dass es ihrer Tochter wieder besser geht.

Mehr Informationen: http://www.kinderschutzbund-bw.de/projekte/anna-und-marie.html

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