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Wie Neonazis Jugendliche im Netz ködern

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Wie Neonazis Jugendliche im Netz ködern

13.09.2010, 13:19 Uhr | Hendrik Ternieden, Spiegel Online

. Versammlung von Neonazis: Immer mehr verbreiten ihre rechtsextremen Inhalte über Facebook. Youtube & Co. (Quelle: dpa)

Razzia gegen eine Neonazi-Band (Quelle: dpa)

Nie zuvor waren so viele Neonazis im Internet aktiv. Die braune Propaganda in Netzwerken, Blogs und Videoplattformen stellt Jugend- und Verfassungsschützer vor schwere Aufgaben. Zwar können viele Inhalte gelöscht werden - doch oftmals tauchen sie ebenso schnell wieder auf.

Nazi-Profile bei Facebook

Er nennt sich StolzerSoldat88 und macht aus seiner Gesinnung kein Geheimnis. Seine liebste Musik? Landser - eine rechtsextreme Band, deren Sänger 2005 wegen Volksverhetzung verurteilt wurde. Seine Bücher? "Mein Kampf". Seine Freunde? Nutzer, die "Heil" schreiben und "Gruß" mit Doppel-s, eine unter Neonazis beliebte Anspielung auf Hitlers mörderische Schutzstaffel, die SS.

All das ist im Videoportal YouTube zu sehen - und keine Ausnahme im Netz. Bei Facebook kann man sich mit "Heinrich Himmler" anfreunden oder mit "Joseph Goebbels". Wer will, darf auch der "SS" beitreten. All diese Profile existieren mindestens seit mehreren Monaten und wurden bis heute nicht gelöscht.

Wie gefährlich sind die Braunen im Netz?

Nie zuvor gab es so viele rechtsextreme Websites, warnte unlängst Jugendschutz.net, die Zentralstelle der Länder für Jugendschutz. Vor allem deute sich an, dass Neonazis ihre Online-Aktivitäten zunehmend ins Web 2.0 verlagern, auf Seiten wie Facebook und YouTube, die riesige Reichweiten versprechen. "Neonazis missbrauchen die großen Plattformen, um Hassinhalte zu verbreiten, sich zu vernetzen und Jugendliche zu ködern", sagt Stefan Glaser von Jugendschutz.net zu Spiegel Online.

Doch wie gefährlich sind die Braunen im Netz wirklich? Nur schwer lässt sich abschätzen, wie groß ihre Wirkung ist. Von einer Unterwanderung könne jedenfalls keine Rede sein, heißt es beim Verfassungsschutz. Das scheint allein durch die Größe der Netzwerke ausgeschlossen. Der Facebook-Goebbels hat 133 Freunde - bei über neun Millionen deutschen Nutzern nicht gerade eine Massenbewegung.

"Die bloße Zahl sagt wenig über die Bedrohung aus", so Buchautor Toralf Staud ("Moderne Nazis"). Entscheidend sei die Professionalität der Propaganda. Und dort haben die Rechtsextremen stark aufgeholt. "Das sind nicht mehr nur die Kinderzimmer-Frickler der vergangenen Jahre", warnt Staud.

Die Rechtsextremen geben sich im Netz oft harmlos

Schnelle Videos, bunte Grafiken, aktuelle Blogs, all das gehört längst zum Standardprogramm von Neonazis im Internet. Auf den ersten Blick geben sie sich oft harmlos - und zwar ganz bewusst. "Neonazis laufen häufig ins Leere, wenn sie offen radikal auftreten", sagt Staud. "Sie versuchen stattdessen, mit nur scheinbar harmlosen Fragen gezielt das Interesse von Jugendlichen zu wecken und hoffen auf eine Art Türöffner-Effekt." Eine gute Aufklärung sei daher besonders wichtig. Jugendschützer Glaser kennt das Phänomen: "In vielen Fällen ist der Kontext nicht sofort erkennbar und die Gefahr groß, rechtsextremen Rattenfängern auf den Leim zu gehen."

An diesem Punkt muss man unterscheiden: Zwischen den dumpfen Parolen einzelner User wie StolzerSoldat88 und den unterschwelligen Rekrutierungsversuchen rechtsextremer Menschenfänger. Letztere nutzen das Internet immer besser, eine Strategie ist durchaus zu erkennen: Die NPD gab in der März-Ausgabe ihrer Parteizeitung "Deutsche Stimme" Anweisungen für das erfolgreiche Nutzen von Kontaktportalen, der Landesverband Sachsen sprach erst kürzlich von einer "Netz-Offensive". Ihre neue "Schulhof-CD" stellte die NPD zuerst im Internet zum Download bereit. Auch eine Facebook-Seite hat die Partei - obwohl Hunderttausende dagegen protestierten. "Rechtsextreme waren immer vorne mit dabei, wenn es um neue Medien ging", sagt Staud.

Schmähgesänge statt Schnulzen

Fest steht: Auf den großen Online-Plattformen lassen sich die rechtsextremen Beiträge kaum kontrollieren. Hetze tarnen die Neonazis oft mit Tricksereien. So wird auch ein Video von Juliane Werding missbraucht: Während die deutsche Sängerin am Klavier zu sehen ist, sind Schmähgesänge statt Schnulzen zu hören. Und es werden immer mehr: 2007 erfassten die Jugendschützer nur 750 Beiträge, zwei Jahre später waren es bereits über 6000. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher. "Wenn wir weiter recherchieren würden, da bin ich mir sicher, läge die Zahl im zweistelligen Tausenderbereich", sagt Glaser.

Die staatlichen Kontrolleure sind machtlos. Solange keine strafbaren Inhalte veröffentlicht werden, haben sie keine Handhabe. Dann kann auch der Verfassungsschutz nur eines tun: beobachten. Und das ist in den Tiefen des Internets eine gewaltige Aufgabe.

Gelöscht werden müssen die rechtsextremistischen Beiträge von den Betreibern der Online-Plattformen. Um so viele Nazi-Inhalte wie möglich zu entfernen, spricht Jugendschutz.net die Betreiber direkt an. Obwohl die Jugendschützer nach eigener Auskunft mit rund 80 Prozent ihrer Hinweise Erfolg haben, steigt die Menge der braunen Beiträge weiter. Dass gelöschte Videos oder Profile unter einem neuen Namen leicht wieder hochgeladen werden können, macht die Arbeit nicht einfacher.

Kampf gegen rechtsextremistische Inhalte - es geht nur zäh voran

"Facebook, YouTube und Co. müssen mehr personelle und technische Ressourcen einsetzen, um Hassinhalte nachhaltig und länderübergreifend von ihren Plattformen zu verbannen", sagt Glaser. Diese Forderung ist nicht neu. Dennoch geht es nur zäh voran. Vor allem auf ausländischen Servern, über die ein Großteil der strafbaren Inhalte geliefert wird, bleiben noch zu viele rechtsextremistische Beiträge online - trotz Hinweisen an die Betreiber.

Auf nationaler Ebene kann die zentrale Jugendschutzstelle deutlich mehr Erfolge verbuchen. Erst vor kurzem, so Glaser, habe die Plattform MyVideo mehr als hundert Videos rechtsextremer Bands entfernt. Die schlechte Nachricht: Auch dort finden sich immer noch mehr als genug.

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