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Jugendsprache Kiezdeutsch: "Gib mal Handy"

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Jugend-Slang "Kiezdeutsch": "Gib mal Handy!"

15.02.2011, 11:03 Uhr | dapd

Jugend-Slang "Kiezdeutsch": "Gib mal Handy!" . Der Slang von Jugendlichen in Großstädten ist jetzt Forschungsthema geworden. (Foto: imago)

Der Slang von Jugendlichen in Großstädten ist jetzt Forschungsthema geworden. (Foto: imago)

Heike Wiese muss zunächst mit einem Missverständnis aufräumen: Nein, das sogenannte "Kiezdeutsch" ist kein falsches Deutsch. "Wenn Jugendliche systematisch neue Ausdrücke und Satzstellungen benutzen, dann ist das nicht falsch, sondern eine neue Sprechweise", sagt die Sprachwissenschaftlerin von der Universität Potsdam. Die Professorin beschäftigt sich mit neuer deutscher Sprache. Ihr Forschungsthema ist der Slang der Jugendlichen in den sozialen Brennpunkten von Großstädten.

"Kiezdeutsch" ein Dialekt?

Berlin-Kreuzberg ist für ihre Untersuchungen das Labor, hier wohnt die 44-Jährige und hier besuchen ihre Kinder Kita und Schule. "Kiezdeutsch" nennt sie den Slang und bezeichnet ihn als eigenen Dialekt, wie das Berlinische oder das Bayerische.

"Ich geh' Görlitzer Park"

Aber wie klingt eigentlich Kiezdeutsch? Wiese nennt Beispiele: "Ich geh' Görlitzer Park" sei so ein interessanter Fall oder "Gib mal Handy". Oft werden Artikel oder andere Wörter im Kiezdeutschen einfach ausgespart. Neu sei das nicht, sagt Wiese. Auch im Hochdeutschen sagen etwa die meisten Bahnfahrer: "Ich steige Alexanderplatz aus". Auch die Stellung von Verben in manchen Sätzen sei bemerkenswert, meint die Sprachforscherin. "Komme ich nachher", sagt ein Kiezdeutsch-Sprecher zu seinen Freunden und stellt das Verb an den Anfang statt zu sagen: "Ich komme nachher".

Häufig komme das Wörtchen "so" in den Sätzen Jugendlicher aus Kreuzberg oder Neukölln vor. Mit diesem Hinweis unterstrichen die Sprecher die Wichtigkeit, etwa: "...sind wir so ins Kino gegangen". Diese Form der Betonung finde sich schon bei bedeutenden Dichtern des 18. Jahrhunderts wie Lessing, fand Wiese heraus.

Auch ganz neue Worte aus Fremdsprachen finden immer wieder ihren Weg ins Kiezdeutsche. "Abu" ist so ein Fall. Wieses Kinder schnappten es von ihren Freunden in der Kita auf und wollten zu Hause testen, wie ihre Mama darauf reagiert. "Abu" bedeute im Arabischen "Vater" und werde häufig als Schimpfwort benutzt, zum Beispiel für Beleidigungen wie "Dein Vater ist ein Esel" oder weitaus Deftigeres. In Kiezdeutsch sei "Abu" ein Ausdruck des Erstaunens, erläutert Wiese, etwa so wie "Boah, ey".

"Multiethnolekt"

Kiezdeutsch sei entgegen vieler Vorurteile sehr komplex und schwer zu erlernen. Viele Sprecher seien aber gut in der Übung - sie stammen oft aus türkischen oder arabischen Familien und wüchsen deshalb zweisprachig auf. Wegen seiner internationalen Sprecher bezeichnet Wiese das Kiezdeutsche auch als "Multiethnolekt", also einem Dialekt von Menschen vielfältiger ethnischer Herkunft.

Systematische Erforschung

Wiese stieß schon in den 90-er Jahren im Bus auf die Sprechweise der Jugendlichen. Damals war sie neu in Kreuzberg und als Sprachwissenschaftlerin fiel ihr der besondere Slang gleich auf. Doch ganz systematisch Erkenntnisse über "Kiezdeutsch" zu gewinnen, ist mit ein paar Busfahrten nicht möglich. Deshalb begann sie zusammen mit ihren wissenschaftlichen Mitarbeitern, Jugendlichen Aufnahmegeräte mitzugeben. "Denn wenn ich dabei bin, sprechen sie gleich wieder Standarddeutsch."

Mit ihren Nachforschungen in den Kiez-Cliquen habe sie sich auch zahlreiche Feinde gemacht, sagt Wiese. E-Mails mit schlimmen Drohungen, auch Morddrohungen von selbst ernannten "Schützern der deutschen Sprache" habe es gegeben. Zu viele Menschen würden denken, die Sprache der Jugendlichen sei eine Bedrohung für das Hochdeutsche. In den Medien und auf ihrer Internetseite kiezdeutsch.de will sie diesem Vorwurf entgegentreten - denn er sei doch nur ein Missverständnis.

 
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