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"Tatort: Vergeltung": Die Familie wird zum wahren Tatort

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"Tatort: Vergeltung": Die Familie wird zum wahren Tatort

07.03.2011, 12:48 Uhr | rev, t-online.de, ddp

"Tatort: Vergeltung": Die Familie wird zum wahren Tatort. Brutale Jugendgewalt im "Tatort: Vergeltung": Liegt die Schuld bei den Eltern? (Foto: ARD)

Brutale Jugendgewalt im "Tatort: Vergeltung": Liegt die Schuld bei den Eltern? (Foto: ARD)

Kaum eine junge Mutter kann sich vorstellen, dass aus ihrem süßen Baby einmal ein brutaler Schläger werden könnte. Und doch wächst so manch "kleiner Sonnenschein" zu einem gewalttätigen Jugendlichen heran, der andere bedroht, mit Schlägen und Tritten traktiert oder sogar mit Waffen angreift. "Viele Eltern jugendlicher Gewalttäter sind entsetzt darüber, dass ihre Tochter oder ihr Sohn sich so verhält. Sie sind überzeugt davon, dass sie in der Erziehung alles richtig gemacht haben", sagt Dieter Krowatschek, Autor mehrerer Bücher zum Thema Wut und Aggression bei Kindern. Tatsächlich seien nicht immer die Eltern schuld, wenn ein Jugendlicher gewalttätig werde - doch genau das ist der Eindruck, den der "Tatort: Vergeltung" vom 6.3.2011 vermittelte.

"Da draußen herrscht Krieg", erklärt Bibi Zellner, die neue Assistentin von Wiener Mordkommissar Moritz Eisner, im "Tatort: Vergeltung". Was sie meint, ist die eskalierende Jugendgewalt im Wiener Untergrund. Die "Tatort"-Folge zeigt jugendliche Straftäter, die brutal andere Menschen zusammenschlagen, quälen und sogar ermorden. Sie alle sind wütend und und haben ihre Aggressionen nicht unter Kontrolle - und sie alle wachsen in mehr oder weniger kaputten Familien auf.

Zerstörte Familien als Ursache

Die Familie von Jan, der gleich zu Beginn des Films von einem anderen Teenager ermordet wird, lebt in einer gutbürgerlichen Wohnsiedlung. "Hier wohnen Heinz, Elke, Nina, Jan“ steht an der Klingel. Das wirkt einladend. Doch das Bild, das sich Eisner und Zellner von Jans Familie machen können, ist ein verstörendes. "Ehrlich gesagt wissen wir fast nichts über unseren Buben“, sagt der Vater über Jan, der früher selbst Täter war. Und als Eisner nach der Tochter Nina fragt, bekommt er nur Schweigen als Antwort. Die Mutter erzählt in der Zwischenzeit jedoch Zellner, dass Nina sich umgebracht hat, woraufhin Eisners Assistentin, die jahrelang bei der "Sitte" arbeitete, sich sicher ist, dass der Vater seine Tochter missbraucht hat.

Einen kaum besseren Eindruck vermitteln die Eltern von Celine und Kira, ebenfalls jugendliche Gewalttäter: Celine ist die Tochter einer bekannten Schlagersängerin, der der nächste Auftritt und ihr Ansehen in der Öffentlichkeit offensichtlich stets wichtiger sind als das Wohl ihrer Tochter. Kira wurde von ihrem Vater so lange verprügelt, bis sie mit 14 Jahren von zu Hause ausriss, sich prostituierte und einen Freier brutal ermordete. Nun hat ihr Vater im ganzen Haus Videokameras installiert, um seine Tochter überwachen zu können. Kiras Mutter hingegen verbringt offenbar den ganzen Tag vor dem Fernseher und hat in der Familie gar nichts zu melden.

Klischee oder Realität?

Der "Tatort Wien" wird zum "Tatort Familie". Kaputte Familien und schlechte Eltern werden für die Verrohung und Gewalttätigkeit der Teenager verantwortlich gemacht: mit Sicherheit kein Klischee, jedoch eine sehr enge Sichtweise, die von vornherein andere Faktoren auszuschließen scheint. Jörg Breitweg, Referent für Gewaltprävention bei der Aktion Jugendschutz in München, betont, dass die Entstehung von Gewalt durch verschiedenste Risikofaktoren begünstigt werde. "Gewalt in der Herkunftsfamilie ist zwar solch ein Faktor, genauso wie eine Familie, in der man nicht über Gefühle spricht und das Kind keine Freiräume hat", sagt der Sozialpädagoge. Aber auch der Freundeskreis eines Teenagers, sein Umfeld sowie die Medien, mit denen er sich beschäftigt, haben einen Einfluss darauf, ob er eines Tages zuschlägt. "Zudem spielt die individuelle Veranlagung des Jugendlichen eine Rolle", sagt der Sozialpädagoge und ehemalige Streetworker.

Gewalt als Mittel der Selbstbehauptung

Grundsätzlich werde Gewalt immer dann angewendet, wenn andere Handlungsstrategien fehlten, erklärt Breitweg: "Die Gewalt scheint aus Sicht des Schlägers also sinnvoll." Für Jugendliche sei Gewalt häufig ein attraktives Instrument, um ihren Selbstwert zu erhöhen. "Gerade in der Pubertät, in der die eigene Identität noch nicht richtig ausgebildet ist, nutzen Teenager Gewalt dazu, sich ihrer Position bewusst zu werden", sagt Breitweg. Die Aufmerksamkeit, die Gleichaltrige dem Schläger schenkten, tue ihr Übriges.

Das Verhalten des Jugendlichen muss Konsequenzen haben

Der erste Gewaltausbruch eines Jugendlichen müsse als Alarmzeichen wahrgenommen werden. "Wenn Eltern diese Tat herunterspielen oder gar leugnen, lernt ihr Kind, dass es damit durchkommt", warnt Breitweg. Die Familie müsse sich also ganz klar mit diesem Verhalten auseinandersetzen. "Der erste Schritt ist: den Nutzen verringern", sagt Breitweg. Dem Jugendlichen müsse von allen Seiten massiv deutlich gemacht werden, dass sein Handeln abgelehnt wird, dass es falsch war.

Auch Konsequenzen seien in dieser Situation unerlässlich. "Hier geht es darum, dass der Jugendliche Verantwortung für seine Tat übernimmt", betont Breitweg. Entstandene Schäden müsse er, so weit es geht, wiedergutmachen, beispielsweise im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs. Zudem müsse er auch schulische Disziplinarmaßnahmen und juristische Konsequenzen erleben. "So erkennt der Gewalttäter, dass das, was er tut, Folgen hat - und dass er durch Gewalt keinen Nutzen für sich erzielt", sagt Breitweg.

Die Tat nicht mit der Person verwechseln

Gleichzeitig sei es aber auch wichtig, dem Teenager zu zeigen, dass man seine Tat zwar verurteilt, ihn als Person aber weiterschätzt. Denn erfahre der junge Täter nun auch noch Ablehnung, fühle er sich womöglich als unverstandenes Opfer, bekomme weitere Selbstwertprobleme und gerate noch tiefer in die Gewaltspirale. Jörg Breitweg ermuntert Eltern, den Blick auf die Stärken ihres Kindes zulenken. "Wenn ein 16-Jähriger gewalttätig wird, hat er es doch immerhin 16 Jahre lang ohne Zuschlagen geschafft", gibt er zu bedenken. Darauf könne man aufbauen und schauen, was er brauche, um seine Stärken wieder zu aktivieren. "Man kann immer etwas tun", betont Breitweg.

Wer kann helfen?

Merke man, dass man innerhalb der Familie mit der Situation überfordert ist, sollte man sich professionelle Unterstützung holen. Eltern dürften auch das Gespräch mit der Polizei nicht scheuen. "Dort ist man in der Regel sehr daran interessiert, mit den Eltern jugendlicher Straftäter zusammenzuarbeiten", sagt Jörg Breitweg. Erzieherische Unterstützung bekomme man eher beim Jugendamt, in einer Erziehungsberatungsstelle oder beim Kinder- und Jugendpsychologen.

"Es ist normal, dass Jugendliche das Bedürfnis haben, sich auseinanderzusetzen - auch körperlich", sagt Dieter Krowatschek. Um diesen Drang in den Griff zu bekommen, sei es gut, wenn sich Teenager richtig auspowern könnten - beispielsweise beim Sport. "Hier kann sich der Jugendliche physisch abreagieren", erläutert der Schulpsychologe aus Marburg. Auch Vereinsarbeit sei für Jugendliche oft ein Weg, aus ihrer Aggression herauszufinden. "Ein Jugendverein, die freiwillige Feuerwehr oder die Pfadfinder sind beispielsweise Gruppen, die für Ablenkung sorgen und die Aktivität des Jugendlichen in andere Bahnen lenken." Zudem falle es Pubertierenden oft leichter, Regeln zu akzeptieren, die ihnen von fremden Erwachsenen vorgegeben würden.

Ein "Nein" müsse immer gelten

Wichtig sei allerdings auch, dass Eltern und Erzieher schon bei Grundschulkindern genau hinsehen und aggressives Verhalten erkennen. "Hier kann man noch viel mehr Einfluss nehmen", sagt Krowatschek. Schon im Kindergarten sollte man Kindern beibringen, wie man einen Streit schlichtet, fordert der Experte. Auch Regeln für gelegentliche Rangeleien seien wichtig: "Die Kinder sollten verinnerlichen, dass sie bei einer Prügelei nicht auf Gesicht oder Geschlechtsteile des Gegners gehen dürfen und dass man aufhört, wenn der andere aufgibt", sagt Krowatschek. Ein "Nein" müsse immer gelten.

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