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Seehaus Leonberg: Gefängnis ohne Mauern

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Gefängnis ohne Mauern

06.05.2011, 11:18 Uhr | Spiegel Online

Seehaus Leonberg: Gefängnis ohne Mauern. Gefängnis ohne Mauern - eine neue Form des Jugendstrafvollzugs. (Foto: imago)

Gefängnis ohne Mauern - eine neue Form des Jugendstrafvollzugs. (Foto: imago)

Das Seehaus Leonberg ist Teil des Jugendstrafvollzugs - doch die jungen Kriminellen leben in Freiheit, nicht hinter Gittern. Für die meisten ist es die letzte Möglichkeit, ihrem Leben eine positive Wende zu geben. Besuch in einem Knast ohne Mauern.

Jugendknast ohne Gitter

Seit neun Monaten wohnt Ivan im Seehaus. Das klingt nett, doch die Einrichtung in Leonberg ist alles andere als das Idyll, das der Name verspricht. Die Einrichtung ist ein sogenannter Jugendstrafvollzug in freien Formen. Man könnte auch sagen: Es ist ein Jugendknast ohne Gitter, ohne Mauern. Die 14- bis 23-Jährigen, die hier wohnen, haben sich aus einem gewöhnlichen Knast heraus für das Seehaus beworben. Sie verbringen dann ihre gesamte Haftzeit in der Einrichtung. Das Seehaus ist nicht lascher als das Leben hinter Gittern - aber es hat mehr mit dem wahren Leben in Freiheit zu tun.

Früh straffällig

Ivan ist 19, er stammt aus Kasachstan. Mit seiner Mutter und Schwester kommt er im Alter von sechs Jahren nach Deutschland, der Vater bleibt in der Heimat. Seine kriminelle Karriere beginnt früh. Ladendiebstähle, Fahrraddiebstähle, Schlägereien auf der Straße, in der Schule.

Viele "letzte Chancen"

"Alle hatten Angst und Respekt vor dir und man musste sich einfach beweisen in der Gruppe", sagt Ivan rückblickend. Er ist ein hagerer junger Mann, der jünger wirkt als er ist, sein Gesicht hat jungenhafte Züge. Lange meinen es die Richter gut mit ihm, vielleicht zu gut. Er wird immer wieder zu Bewährungsstrafen verurteilt, kommt mit einem blauen Auge davon. Die letzte Chance, immer wieder.

Strafe in Freiheit, Freiheit als Strafe

Wegen schwerer gemeinschaftlicher Körperverletzung und Hehlerei landet er schließlich im Jugendknast Adelsheim, bemüht sich um einen Platz im Projekt "Chance" des Seehauses. Die Einrichtung ist Mitglied der Diakonie und orientiert sich an christlichen Normen und Werten. Strafe in Freiheit, Freiheit als Strafe. Kann das funktionieren?

Straftäter bewerben sich

"Diese Form des Jugendstrafvollzugs braucht keine bauliche Sicherung, denn die Straftäter bewerben sich aus dem Gefängnis heraus mit der Motivation ihr Leben zu ändern", sagt Irmela Abrell, sozialpädagogische Leiterin. "Wir bauen eine Beziehung zu den Jugendlichen auf, die sie nicht zerstören wollen indem sie abhauen."

Hohe Abbruchrate

In sieben Jahren sind bislang nur sieben Jugendliche abgehauen. Doch etwa 40 Prozent der Jugendlichen brechen die Maßnahme ab - und gehen freiwillig zurück ins Gefängnis. Das Leben im Seehaus ist straff organisiert, durchstrukturiert und wohl härter als mancher Jugendknast.

Hartes Trainingsprogramm

Das Hauptziel des Projekts ist die Resozialisierung der Jugendlichen. Sie werden trainiert für ein späteres Leben in Freiheit - und ohne Kriminalität. Um das zu erreichen durchlaufen die Straftäter ein hartes, konsequentes erzieherisches Trainingsprogramm.

"Wir sind sehr streng"

Der Tag ist auf die Minute genau geplant. Er beginnt morgens um 5.45 Uhr und endet um 22 Uhr. "Wir sind sehr streng, aber wir haben die Jungs auch sehr gern", sagt Abrell. Die Jugendlichen leben in Wohngemeinschaften. Sie sind Teil der Mitarbeiterfamilien und deren Kindern.

Viele der Straftäter kommen aus zerrütteten Familien, haben im Heim gelebt und erleben zum ersten Mal ein normales Familienleben - mit gemeinsamen Mahlzeiten, Regeln, Absprachen, Zuwendung. Die Integration in die Familien ist Teil des Resozialisierungsprozesses des Seehauses.

Bildung vermitteln

Ein weiteres Ziel ist es, den Straftätern einen Schulabschluss zu ermöglichen. Außerdem können sie eine Ausbildung in der hauseigenen Schreinerei, Zimmerei oder Metallwerkstatt beginnen. Bislang haben alle Jugendlichen nach der Maßnahme einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz gefunden.

Schimpfwörter sind im Seehaus verboten. "Scheiße" ist auch beim Fußball verboten, sogar bei einem Fehlschuss. "Schade", sagen die Straftäter stattdessen. Das Verhalten der Jugendlichen wird bewertet, sie können herauf- aber auch abgestuft werden. Verstöße gegen die Grundregeln werden so geahndet, wer sich an die Regeln hält, bekommt Privilegien.

Belohnung: nach Hause fahren

Ivan ist bald "Löwenanwärter", er hat die zweithöchste Stufe im Seehaus Leonberg erreicht. Seine Noten im Bewertungssystem sind gut. Als Belohnung darf er dann endlich einmal nach Hause fahren zu seiner Mutter. "Im normalen Leben wird man ständig bewertet und wir bereiten die Jugendlichen darauf vor" begründet Sozialpädagogin Abrell das Vorgehen.

Kritikfähigkeit trainieren

Nach der Arbeit gibt es allabendlich sogenannte "Hilfreiche Hinweise" - von Straftäter zu Straftäter: Eine Runde, in der jeder einzeln vortritt und sich dem Lob und der Kritik der Gruppe stellen muss. Das Ziel: Kritik einstecken, ohne gleich zuzuschlagen. Die Jugendlichen haben aufeinander einen größeren Einfluss als die Mitarbeiter ihn haben. Die Jugendlichen erziehen sich quasi selbst.

"Für mich ist es wichtig, mich bei den Opfern zu entschuldigen, das werde ich tun", sagt Ivan. "Ich habe einen Traum, ich möchte Schreinermeister werden."

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