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Alarmierende Studie  

Zwei Drittel der Jugendlichen erleben Gewalt in der Liebe

19.11.2013, 10:57 Uhr | dpa

Partnerschaft: Zwei Drittel der Jugendlichen erleben Gewalt in der Liebe . Gedemütigt, bedrängt, gewaltsam angefasst - so ergeht es vielen Jugendlichen in ihren ersten Beziehungen. (Quelle: dpa)

Gedemütigt, bedrängt, gewaltsam angefasst - so ergeht es vielen Jugendlichen in ihren ersten Beziehungen. (Quelle: dpa)

Die erste Liebe sollte sich unbeschwert anfühlen, mit Schmetterlingen im Bauch und Glücksgefühlen. Stattdessen erleiden sehr viele Jugendliche in ihren Liebesbeziehungen Gewalt und Demütigung in unterschiedlicher Form. Mädchen und Jungen sind gleichermaßen betroffen. Wer als Teenager schlechte Erfahrungen in einer Beziehung sammelt, kann auch als Erwachsener damit Probleme haben.

Laut einer Studie der Hochschule Fulda haben fast zwei Drittel (65,7 Prozent) der 14- bis 18-jährigen Mädchen mindestens einmal eine Form von grenzüberschreitendem Verhalten, verbaler oder körperlicher Gewalt erlebt. Bei den Jungen dieser Altersklasse waren es 60 Prozent. Die Zahlen beziehen sich auf Jugendliche, die schon eine Beziehung hatten.

Körperliche Gewalt in jeder zehnten Beziehung

10,5 Prozent der Mädchen und 10,4 Prozent der Jungen sind in ihrer Beziehung mindestens einmal Opfer körperlicher Gewalt geworden. 22,4 Prozent der Mädchen und 7,5 Prozent sind mit Druck zu ungewollten sexuellen Handlungen genötigt worden.

Als weitere Formen von grenzüberschreitendem Verhalten definierten die Forscher Situationen, in denen die Jugendlichen von ihrem Partner kontrolliert, verbal angegriffen, bedroht oder zu etwas gezwungen worden waren. Kontrollierendes Verhalten trat besonders häufig auf und gehört für 47,3 Prozent der Mädchen und 42,2 Prozent der Jungen zu den Beziehungserfahrungen.

Phänomen wird als "Teen Dating Violence" bezeichnet

Beratungsstellen beobachten das Problem, das im englischsprachigen Raum als "Teen Dating Violence" bezeichnet wird, schon seit einiger Zeit. Die Fachstelle mädchenstärkende Gewaltprävention in Tübingen beispielsweise sprach vor rund fünf Jahren im Rahmen eines EU-Projekts mit Jugendlichen über häusliche Gewalt. "Es ging eigentlich um Gewalt zwischen den Erwachsenen", sagt Diplom-Pädagogin Petra Sartingen. Doch dann erzählten mehrere Jugendliche unerwartet, dass sie in ihren eigenen Liebesbeziehungen mit Gleichaltrigen Gewalt erlebt hätten.

Das stellte auch die Wissenschaftlerin Barbara Krahé von der Universität Potsdam fest. Einer ihrer Studien zufolge erleben zahlreiche Mädchen und Jungen sexuelle Gewalt durch ihren Partner. Dazu zählen nicht nur erzwungener Geschlechtsverkehr, sondern auch unerwünschtes Küssen oder Anfassen. Ihre Zahlen decken sich mit der aktuellen Studie aus Fulda: "Mehr als jede zehnte Jugendliche berichtete, von einem Partner durch verbalen Druck zu unfreiwilligen sexuellen Handlungen gebracht worden zu sein", erklärt die Professorin für Psychologie. Mehr als 20 Prozent der männlichen Befragten gaben an, ihrer Partnerin gegenüber schon einmal sexuelle Gewalt angewendet zu haben. Doch auch Jungen können Opfer von Gewalt sein. 14 Prozent der Mädchen erklärten, in einer Beziehung selbst schon einmal sexuelle Gewalt ausgeübt zu haben.

Die verschiedenen Formen von Gewalt in Beziehungen

Was Gewalt in Beziehungen ist, lässt sich nicht immer einfach definieren. "Es gibt Verhalten, das eindeutig rechtswidrig ist", so Sartingen, die sich bei dem Projekt Herzklopfen der beiden Tübinger Fachstellen "Tima" und "Pfunzkerle" seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. Dazu gehöre zum Beispiel, jemanden brutal zu schlagen oder schwer zu beleidigen. Nicht alles ist jedoch so eindeutig, es gibt Grauzonen. Bedenklich wird es laut Sartingen auch, wenn Drohungen ausgesprochen werden, oft auf subtile Art und Weise. Wenn beispielsweise ein Mädchen oder Junge etwas mit der alten Clique unternimmt, wird die Stimmung schlecht und es heißt "wenn ich dir nicht wichtig bin, können wir uns ja trennen".

Hinzu kommen Situationen, die Jugendliche unterschiedlich bewerten: "Zum Beispiel findet es das eine Mädchen in Ordnung, wenn ihr Freund fünfmal am Tag anruft und fragt, was sie macht - ein anderes empfindet das als Kontrolle." Die Diplom-Pädagogin findet: "Wenn mich mein Partner stark einengt oder unter Druck setzt, kann das eine Form von Gewalt sein."

Auf die eigenen Gefühle hören

Jugendliche sollten daher in sich hinein hören, wobei ihre Eltern sie in Gesprächen unterstützen können. Sie sollten sich fragen: Mache ich das nur, um dem oder der anderen zu gefallen? "Wo die eigenen Grenzen liegen, weiß jedes Mädchen und jeder Junge sehr genau", glaubt Jutta Stiehler, Leiterin des Dr.-Sommer-Teams der Zeitschrift "Bravo" in München. Ein ungutes Gefühl im Bauch, Veränderungen im Atem - der Atem stockt, die Atmung wird zittrig - oder Angst zeigen, dass sie sich nicht wohlfühlen. "Wichtig ist, dass sie auf die Gefühle hören, sie nicht wegwischen", sagt Stiehler. "Denn das Gefühl 'nein, das will ich nicht' sagt die Wahrheit."

Viele Teenager können nicht "Nein" sagen

Schon zu Hause müssen Kinder und Jugendliche lernen, dass ihr "Nein" Gültigkeit hat und akzeptiert wird - aber in vielen Familien ist das laut Stiehler nicht der Fall. "Doch genau darauf kommt es an. Es ist für die meisten in einer Situation, wo der Freund oder die Freundin etwas möchte oder fordert, nicht einfach, klar und deutlich 'Nein' zu sagen." Trotzdem sei es wichtig, dass Jugendliche sich zur Wehr setzten und nichts tun, was sie nicht wollen. Auch Eltern sollten das ihren Töchtern und Söhnen, die gerade erste Beziehungserfahrungen sammeln, deutlich machen.

Das unterstreicht auch Pädagogin Sartingen. "Es kann hilfreich sein, das Problem mit dem Partner zu besprechen." Man könne ihm oder ihr beispielsweise erklären, was das Verhalten bei einem selbst auslöse. Eine Möglichkeit sind Sätze wie: "Ich fühle mich eingeengt, wenn ich nur noch mit dir zusammen sein darf. Meine Freundinnen kenne ich schon ganz lange und sie sind mir sehr wichtig." Manchmal helfe das. "Wenn ich aber merke, dass mich das Verhalten zu sehr einengt, dann kann ich überlegen, ob ich die Beziehung beenden möchte."

Demütigung und Gewalt: Die Folgen sind dauerhaft

Wer sich zu lange unter Druck setzen oder demütigen lasse, schade sich selbst am meisten. "Wenn mir immer wieder vermittelt oder gesagt wird, dass ich wertlos bin, dann glaube ich irgendwann daran", erklärt Sartingen. Das mache unsicher, auch in anderen Dingen, zum Beispiel in der Schule beim Referat halten oder wie man auf andere Menschen zugehe.

"Das Selbstwertgefühl wird immer kleiner und prägt einen für viele Jahre noch als Erwachsener", sagt Sartingen. "Deswegen ist es so ungemein wichtig, keine Gewalt in irgendeiner Form hinzunehmen. Jeder hat das Recht, mit Respekt behandelt zu werden." Es gilt: "Wenn mir etwas nicht gut tut, was ein anderer mit mir macht, habe ich das Recht, Respekt einzufordern."

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