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Talk bei Beckmann: Lehrerausbildung ist "eine Katastrophe"

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Schul-Talk bei Beckmann  

Talk bei Beckmann: Lehrerausbildung ist eine Katastrophe

24.08.2013, 09:21 Uhr | tze, t-online.de

Talk bei Beckmann: Lehrerausbildung ist "eine Katastrophe". Reinhold Beckmann diskutierte mit seinen Gästen über das Schulsystem in Deutschland. (Quelle: NDR; Morris Mac Matze)

Reinhold Beckmann diskutierte mit seinen Gästen über das Schulsystem in Deutschland. (Quelle: NDR; Morris Mac Matze)

Noch eine Talkrunde mit dem Fazit "so kann es nicht weitergehen mit der Schule in Deutschland": Um überforderte Pädagogen und verlorene Bildungschancen ging es gestern bei "Beckmann". Zwei Kernfragen kristallisierten sich heraus: Sind Lehrer überfordert, oder sind sie falsch ausgebildet? Und: Brauchen Schüler mehr rote Karten oder mehr Freiräume im Unterricht? In einem Punkt waren sich die Talk-Gäste einig: Die Schulreform muss bei der Lehrerausbildung beginnen, denn diese sei in Deutschland "eine Katastrophe".

Zur Einstimmung auf das Thema wiederholte die ARD die "Panorama"-Reportage "Unter Lehrern" über den Alltag einer Förderschule in Hamburg-Wilhelmsburg. Moderatorin Anja Reschke tauchte direkt in den Schulalltag ein und unterrichtete acht Wochen als Unterstützungslehrerin in einer Klasse mit 22 Kindern, darunter sechs Inklusionsschüler. Eine Schlüsselszene wurde bei "Beckmann" eingespielt: Eine Schülerin hat während des Unterrichts eine andere getreten. Anja Reschke ringt um eine angemessene Reaktion, doch Strenge und Argumentation prallen einfach an der Schülerin ab. "Ich hatte nichts mehr in der Hand und fühlte ich mich wie ein Versager", sagt die Moderatorin.

Sozialer Sprengstoff an den Förderschulen

Nur eine Extremsituation oder Alltag an Haupt- und Förderschulen? Auch Betül Durmaz, die an einer Förderschule mit hohem Migrationsanteil in Gelsenkirchen unterrichtet, erlebt solche Szenen. "Wir haben viele Kinder, die an Regelschulen gescheitert sind oder aus desolaten Familien stammen." Sozialer Sprengstoff explodiert vor allem in Schulen in den Brennpunktvierteln der Städte. Dort kommt auch der engagierteste Pädagoge an seine Grenzen. Aber es ist ein Trugschluss, dass an den Gymnasien die Welt noch in Ordnung ist. "Die Probleme sind da, wenn auch nicht so stark ausgeprägt", sagt der Gymnasiallehrer und Jurist Günther Hoegg.

"Wir müssen Schule ohne Eltern stemmen"

Klar wird, dass ein Lehrer heute nicht nur Wissensvermittler, sondern auch Sozialpädagoge sein muss, der nach Schulschluss auch noch aufsuchende Sozialarbeit bei den Familien seiner Problemschüler leisten muss. Wenn das Elternhaus versagt, bleibt die Erziehungsarbeit an der Schule hängen. Lehrer haben es zunehmend mit zwei Arten von Schülern zu tun: den überbehüteten und den vernachlässigten. Durmaz findet drastische Worte: "Wir müssen die Schule ohne Eltern stemmen." Sie hat es oft genug erlebt: Wenn es Eltern egal ist, dass ihr Kind immer wieder den Unterricht schwänzt oder sie dafür sogar entschuldigende Gründe vorbringen, verpufft der Verweis auf die gesetzliche Schulpflicht ohne Wirkung. "Im Grunde sind wir machtlos."

Die nächste Instanz sei dann das Jugendamt, sagt der Gymnasiallehrer und Jurist Hoegg, denn übermäßige Häufung von Fehltagen gelte als Hinweis auf Verwahrlosung. Er findet: "Ganztagsschulen sind ein Schritt in die richtige Richtung. Dort begreifen die Kinder, in der Schule lebt man."

Brauchen wir mehr Strenge und Disziplin?

Wenn von untragbaren Zuständen in deutschen Klassenzimmern die Rede ist, folgt oft reflexartig der Ruf nach mehr Strenge und Disziplin. Gymnasiallehrer Hoegg zückt im Unterricht gelbe und rote Karten, wenn Schüler über die Stränge schlagen. Gesamtschulrektor Kay Stöck ist überzeugt, dass man schwierigen Kinder zuerst auf der Beziehungsebene erreichen muss, ehe ein Regelkatalog greifen kann. An seiner Schule in Hamburg-Wilhelmsburg und an jener von Betül Durmaz in Gelsenkirchen werden störende Schüler für eine Auszeit in den "Trainingsraum" geschickt, wo ein Sozialpädagoge sie in Empfang nimmt. Das hilft nicht immer. Um eine klare Grenze zu ziehen, zweigte Durmaz einmal einen Schüler an, weil er sie auf dem Schulhof beleidigt hat.

Andreas Schleicher, OECD-Bildungsexperte und Koordinator der Pisa-Studie, findet:"Sanktionierungsmöglichkeiten gibt es genug", doch Sitzenbleiben oder die Herabstufung auf eine andere Schulform könnten nicht die wahren Probleme lösen.

Inklusion ist ein Wunschtraum

Ratlosigkeit macht sich breit, wenn es darum geht, die Herausforderungen durch Migration und Inklusion so zu meistern und alle Schüler angemessen zu fordern und zu fördern. Bei der Inklusion geht es nicht nur um körperlich oder geistig behinderte Kinder, sondern auch um solche mit Lernschwächen und Verhaltensstörungen. Dass Schwächere von und mit den Stärkeren lernen, sei ein "Inklusionswunschtraum", sagt Durmaz. "Davon sind wir weit entfernt." Keiner der Talk-Gäste wagt es, das Konzept als gescheitert zu bezeichnen, aber deutlich ist, dass die Rahmenbedingungen nicht stimmen. "Es gibt zu wenig qualifizierte Sonderpädagogen, kein Konzept, keine Standards und keine Fortbildung", so die Klagen aus der Praxis.

"Die Schulen müssen ihr Angebot anpassen"

"Die Rahmenbedingungen haben sich geändert, aber die Schule tut das Gleiche, was sie immer getan hat", kritisiert Schleicher. Jedes Wirtschaftsunternehmen hätte längst sein Angebot geändert, um nicht auf den Ruin zuzusteuern. Seine Forderung: Lehrpläne ändern und von den Schülern Leistungsbereitschaft einfordern. Als Musterbeispiel führt er immer wieder die Schulsysteme von Finnland und Schweden an.

"Die Lehrerausbildung in Deutschland ist eine Katastrophe"

Doch eine Reform des Schulsystems funktioniert nur, wenn auch die Ausbildung der Lehrer aus dem wilhelminischen Zeitalter in die Gegenwart katapultiert wird. Im Zuschauerforum zur Sendung bringt es ein 16-jähriger Schüler auf den Punkt: "Man sollte Lehrer zu Pädagogen, aber nicht zu wandelnden Lexika ausbilden." Lehrer Hoegg formuliert es als vernichtende Kritik: "Die Lehrerausbildung in Deutschland ist eine Katastrophe. Die Lehramtskandidaten an den Unis werden weichgespült durch ihre Ausbilder." An den Unis würden angehende Lehrer von Professoren unterrichtet, deren Schulerfahrung zwanzig Jahre und länger zurückliege.

Praxiserfahrung, Pädagogik und Rhetorik kämen viel zu kurz. Schon an der Stimme müsse man die Entschlossenheit des Lehrers hören. Stattdessen heiße es viel zu oft "Kevin, würdest du bitte die Kakaotüte aufheben." Was Lehrer heutzutage im Unterricht leisten müssen, sei "gehobenes Management".

Realitätsferne Vorstellungen vom Lehrerberuf

Reschke, die für ihre "Panorama"-Reportage auch an Unis drehte, hat dort mitbekommen, dass viele Studenten völlig falsche Vorstellungen vom Lehrerberuf haben. Die einen wollten "gerne was mit Kindern machen", die anderen fänden in erster Linie die Arbeitszeiten attraktiv. Als Positivbeispiel nennt sie die Universität in Passau, die die Eignung von Studenten für den Lehrerberuf in einem Assessmentcenter prüft - und viele vor einem ungeeigneten Berufsweg bewahrt.

"Jetzt kommen sie mir nicht wieder mit Finnland", unkt Moderator Reinhold Beckmann, aber Schleicher führt erneut Skandinavien und Singapur als Vorbilder an, denn dort würden Lehrer anhand ihrer pädagogischen Fähigkeiten ausgewählt und bekämen früh im Studium Einblick in den Schulalltag, nicht erst im Referendariat.

Eine Schule in Göttingen hat Vorbildcharakter

Vielleicht muss man gar nicht so weit über den Tellerrand schauen - diesen Eindruck sollte der Auftritt zweier Schülerinnen der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule Göttingen Göttingen vermitteln. Die integrierte Gesamtschule wurde 2011 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Dort werden die Schüler nicht nach der vierten Klasse nach Leistung differenziert, sondern bis zur zehnten Klasse gemeinsam unterrichtet. In Klausuren können sie wählen, ob sie Grundanforderungen oder erweiterte Anforderungen bearbeiten. Bis zur achten Klasse gibt es keine Noten, sondern Leistungsentwicklungsberichte, zu denen auch die Selbsteinschätzung des Schülers gehört. Kann das funktionieren?

Die Schülerinnen Linda und Shari schwärmen jedenfalls von ihrer Schule: "Bei uns wird viel Verantwortung an die Schüler übertragen." In Lerngruppen erarbeiten sich die Schüler den Stoff eigenständig, Stärkere vermitteln ihn an Schwächere. "Es macht Spaß und es macht stolz, wenn man etwas selbst herausgefunden hat." Linda wechselte aus eigener Initiative von einer Hauptschule auf die IGS. "Auf der Hauptschule haben die Schüler das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden." Sie vermisste dort Förderung und Motivation.

Freiräume für die Schüler - und Respekt vor dem Lehrer

Das Erfolgsrezept lautet demnach weg vom Frontalunterricht, hin zu praxisnahem Lernen mit mehr Freiräumen für eigenständiges Erarbeiten des Lernstoffs. Aber: Der Lehrer muss Respektperson sein und bleiben. Shari richtet einen denkwürdigen Satz an die Pädagogen: "Der Lehrer kann noch so viele gelbe oder rote Karten zeigen - das funktioniert alles nicht, wenn der Schüler keinen Respekt vor dem Lehrer hat."


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