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Behinderte und Arbeitswelt: Schwerstbehinderte wie David (17) stecken nach der Schule in der Falle

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Inklusion  

Schwerstbehinderte wie David (17) stecken nach der Schule in der Falle

18.09.2013, 16:01 Uhr | Anika von Greve-Dierfeld, dpa

Behinderte und Arbeitswelt: Schwerstbehinderte wie David (17) stecken nach der Schule in der Falle  . Der schwerstbehinderte David von Greve-Dierfeld (17) fährt während seines Praktikums in einer Firma in Müllheim, Baden-Württemberg, mit mit seinem Elektrorollstuhl durch den Flur. (Quelle: dpa)

Der schwerstbehinderte David von Greve-Dierfeld (17) absolviert ein Praktikum in einer Firma in Müllheim, Baden-Württemberg. (Quelle: dpa)

Was ist eigentlich Arbeit und haben auch Schwerstbehinderte einen Anspruch auf entsprechende Angebote? Die UN-Konvention zur Gleichstellung Behinderter sagt ganz klar: Ja. Aber noch sieht die Wirklichkeit ganz anders aus. Zu den positiven Ausnahmen zählt das Beispiel von David, einem spastisch gelähmten 17-Jährigen, der gerade ein Praktikum in einem Industriebetrieb absolviert.

David ist grade auf Achse. Gewandt saust er durch die Gänge eines mittelständischen Unternehmens bei Freiburg. Er holt Post und Unterlagen, transportiert sie zu den Büros der Mitarbeiter, hält einen kurzen Plausch. Auf Achse ist er mit seinem elektrischen Rollstuhl. Er plauscht mit Hilfe eines Sprachcomputers. Der 17-Jährige ist seit Geburt spastisch gelähmt. Den Mund zu schließen oder den Oberkörper aufzurichten, fällt ihm nicht ganz leicht, den Kopf gerade zu halten auch nicht. Ohne Assistenz geht fast nichts.

Nach der Schule geraten Behinderte in eine Falle

Aber David ist schnell und sehr geschickt mit seinem E-Rolli. Er ist aufgeweckt und interessiert. Er weiß ganz genau, was von ihm erwartet wird und hat Spaß bei seinem ersten Praktikum. Es ist in 17 Jahren seine erste Chance, außerhalb des privaten Umfelds unter "Normalos" zu sein - und tatsächlich was zu arbeiten.

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Während sich für viele Behinderte im Zuge der Inklusion, also der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft, langsam manche Tür ins Arbeitsleben öffnet, sind Menschen mit so gravierenden Handicaps wie die von David eine Klasse für sich. Nach der Schule geraten sie in eine Falle, aus der es kaum einen Ausweg gibt. "Sie fallen durch den Rost, wenn es um gezielte berufliche Förderung und die Chance geht, irgendwann einmal eine Tätigkeit in irgendeinem sinnvollen Zusammenhang zu verrichten", sagt Wissenschaftlerin Karin Terfloth.

"Der Arbeitsmarkt ist verschlossen"

Die Professorin beschäftigt sich an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg speziell mit dem Thema "arbeitsweltbezogene Bildung und Tätigkeit für Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung". Wer ein etwas leichteres Handicap hat, profitiere inzwischen vom großen Trend "weg von der Werkstatt". Schwerstbehinderte aber seien "stark bedroht von Exklusionstendenzen", wie es Terfloth ausdrückt. "Der Arbeitsmarkt und überhaupt das Feld der Arbeit ist für sie schlichtweg verschlossen."

Werden Schwerstbehinderte diskriminiert?

Den Grund sieht sie vor allem im Paragrafen 136 des Sozialgesetzbuches, der Schwerbehinderte in "werkstattfähig" und "werkstattunfähig" einteilt. "Solange das so ist, haben wir ganz klar eine Diskriminierung" sagt Terfloth. Denn die "Werkstattunfähigen" - bundesweit sind das Schätzungen zufolge etwa 16.000 Menschen - wandern direkt in die Förder- und Betreuungsbereiche (FuB) der Behinderteneinrichtungen.

Was dort fehlt: Ein einheitlicher Standard für Organisation, Strukturen, Inhalte, Qualität. Laut einer bundesweiten Studie von Terfloth und Kollegen wird der Tag in diesen Teilen der Einrichtungen dominiert von Pflege und Ernährung. "Satt, sauber, aufbewahrt, das ist leider oft das Image von dort", sagt Terfloth.

"Arbeit ist sinn- und identitätsstiftend"

"Die Einrichtungen der Behindertenhilfe müssen überhaupt mal erkennen, dass jeder Mensch einen Bezug zur Arbeitswelt haben muss", fordert die Wissenschaftlerin. "Jeder." Denn Arbeit, so sagt sie, ist keineswegs nur rational, zielgerichtet und produktionsorientiert, sondern: "Arbeit ist sinn- und identitätsstiftend."

Es fehlt an Standards

Die großen Träger von Behinderteneinrichtungen sind sich des Problems inzwischen durchaus bewusst. "Sie entwickeln Konzepte und bemühen sich, die Menschen im FuB-Bereich stärker in den Blick zu nehmen", sagt Sigrid Döhner-Wieder, beim Landesverband der Lebenshilfe zuständig für Arbeit und berufliche Bildung. "Die Situation 'satt und sauber' gibt es aber leider auch."

Größtes Problem seien fehlende Gelder für Assistenz und vor allem fehlende Standards für das Personal. Vielfach arbeiten dort Heilerziehungspflegehelfer, einer der am niedrigsten qualifizierten Berufsgruppen. Menschen mit unterschiedlichstem Bedarf an Hilfe und Assistenz können sie nicht unbedingt immer gerecht werden.

"Tätig sein hat eine große Bedeutung"

Die Werkstätten aber haben es sich inzwischen auf die Fahnen geschrieben, durchlässiger zu werden: Nach oben hin zum allgemeinen Arbeitsmarkt und nach unten hin zum FuB-Bereich, sagt Döhner-Wieder. "Auch Menschen mit hohem Hilfebedarf können arbeiten. Tätig sein hat eine große Bedeutung."

Was wird aus David?

Ob und was David später mal arbeiten wird, ist ungewiss. Dass er überhaupt ein Praktikum bekommen hat, ist ungewöhnlich - und immer noch mit großen Berührungsängsten verbunden. Die Firma hat es zwar gewagt, ihm mit erheblichem Aufwand für vier Tage einen Arbeitsplatz einzurichten, betont aber gleichzeitig die Einmaligkeit des Projektes. Mit Namen möchte sie lieber nicht genannt werden.

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