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Schulsystem: Sind Privatschulen besser als staatliche Schulen?

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Kein "Bulimie-Lernen"  

Sind Privatschulen besser als staatliche Schulen?

17.04.2014, 19:50 Uhr | Yuriko Wahl-Immel, dpa

Schulsystem: Sind Privatschulen besser als staatliche Schulen?. Schule: Viele Privatschulen setzen stärker auf individuelles Lernen als stattliche Schulen mit ihren straffen Lehrplänen.  (Quelle: Archiv)

Viele Privatschulen setzen stärker auf individuelles Lernen als stattliche Schulen mit ihren straffen Lehrplänen. (Quelle: Archiv)

Schon jeder elfte Schüler in Deutschland besucht inzwischen eine Privatschule. Die Nachfrage steigt. Ob die Bildungskonzepte an Privatschulen besser sind als an staatlichen Schulen und ob Privatschulen nur für Schüler aus reichem Elternhaus in Frage kommen, erklärt der Düsseldorfer Bildungsforscher Professor Heiner Barz im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

Ein paar Fakten vorweg: Im Schuljahr 2012/13 gab es 5651 allgemeinbildende und berufliche Privatschulen in Deutschland - laut Statistischem Bundesamt 74,8 Prozent mehr als 1992/93. Ein Grund für den Zuwachs ist laut dem Verband Bildung und Erziehung, dass Eltern mit dem öffentlichen Schulsystem nicht zufrieden sind. Privatschulen hätten bei den Lernplänen oft mehr Freiheiten.

Professor Heiner Barz leitet die Abteilung für Bildungsforschung und Bildungsmanagement an der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf. 2012 legte er die Ergebnisse einer Studie vor, in der es um Unterrichtsqualität, Schulklima und Lernfreude im Vergleich zwischen Waldorf- beziehungsweise Montessori-Schulen und staatlichen Schulen ging.

UMFRAGE
Wenn Sie die Möglichkeit hätten - würden Sie Ihr Kind auf eine Privatschule schicken?

Frage: Ist die Unzufriedenheit vieler Eltern mit den öffentlichen Schulen der Hauptgrund für den Zulauf zu den Privatschulen?

Heiner Barz: Ein Teil der Wahrheit ist die Suche nach Alternativen, wenn Eltern wegen schulischer Probleme ihrer Kinder die Erfahrung machen, dass die staatliche Schule Wichtiges vernachlässigt. Der andere Teil der Wahrheit ist, dass es eine Reihe von reformpädagogischen Schulkonzepten gibt, die auf großes Interesse stoßen.

Welche Schulkonzepte meinen Sie?

Das selbstbestimmte, individuelle Lernen im eigenen Lerntempo in den Montessori-Schulen etwa oder die besondere Förderung der Persönlichkeitsentwicklung auch durch Kunst und Handwerk in den Waldorfschulen. Den größten Teil machen die Schulen in kirchlicher Trägerschaft, vor allem die katholischen Schulen, aus. Hier gehört auch ein besonderes Engagement für die Kinder mit Blick auf ihre soziale und individuelle Entwicklung zum Schulprofil.

Sind Privatschulen pädagogisch überlegen?

Das kann man nicht pauschalisieren. Man muss vorsichtig sein, weil es auch an staatlichen Schulen viele hervorragende Lehrer gibt. Die Lehrer an Privatschulen haben aber oft mehr Gestaltungsfreiräume, um eine am Kind statt am Lehrplan orientierte Pädagogik zu realisieren. Deshalb gehen manche Lehrer auch an die Waldorfschulen oder Montessori-Schulen, obwohl sie dort im Vergleich zu den staatlichen Lehrern weniger verdienen. Dank besserer Rahmenbedingungen lassen sich pädagogische Ideale besser umsetzen.

Inwiefern?

Die Orientierung an den vom Staat vorgegebenen Lehrplänen ist lockerer. Es muss nicht für jedes Schuljahr ein engmaschiger Katalog durchgehalten werden. Erst zum Abitur hin, in den Klassen 12 und 13, müssen die Schüler das Pensum zusammenhaben. Und obwohl man sich Umwege leistet, sind die Schüler bei ihren Kompetenzen und ihrem Wissen, das sie im Abitur nachweisen müssen, auf dem gleichen Niveau, manchmal auch über dem Niveau der Schüler der staatlichen Schulen. Vergleiche der Abiturdurchschnittsnoten etwa in Hamburg oder Frankfurt zeigen, dass dort die Waldorfschulen immer wieder auf Platz eins liegen.

Also sehen Sie Vorteile bei Lernkonzepten und auch bei der Leistung?

Obwohl nicht in erster Linie die Leistung im Vordergrund steht, sondern die ganzheitliche Entwicklung und die kindgerechte und altersgemäße Förderung, ist der Lernertrag oft gut oder manchmal auch besser als an staatlichen Schulen. Was man nicht findet, ist das "Bulimie-Lernen". Davon sprechen Bildungskritiker, wenn Schüler nur auf Druck und aus strategischen Gründen für den nächsten Test oder die nächste Arbeit lernen, den Stoff dann wiedergeben und anschließend ganz schnell vergessen. Das ist kein nachhaltiges Lernen, aber trotzdem anstrengend.

Kann sich jeder einen Privatschulbesuch leisten? Angeblich sind das Eliteschulen, die bis zu 1000 Euro im Monat verlangen.

Es handelt sich bei den meisten Schulen in freier Trägerschaft nicht um Eliteschulen. Es ist auch weniger eine finanzielle Frage als eine Frage des Interesses an Bildung. In die Schulen in privater Trägerschaft gehen eher Kinder aus bildungsaffinen Familien. Wer sich über Bildung keine Gedanken macht, wird nicht auf die Idee kommen, sein Kind in eine andere Schule als die Schule um die Ecke zu schicken. 1000 Euro zu verlangen - das mag ein seltener Extremfall sein, in dem auch zusätzliche Leistungen wie nachmittägliche Förder-, Freizeit- und Sportangebote mitbezahlt werden.

Entscheidet also nicht der Geldbeutel der Eltern?

Es gibt ältere Gerichtsurteile von Bundes- wie Landesverfassungsgerichten, die ein Schulgeld in Höhe von 100, 120 Euro im Monat für vertretbar halten. Im Grundgesetz ist festgelegt, dass mit privaten Schulen eine "Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern" nicht gefördert werden darf. In der Regel koppeln Privatschulen die Höhe des Schulgelds an das Elterneinkommen. So zahlen manche deutlich weniger oder nichts.

Unterstützt auch der Staat die Privatschulen finanziell?

Das große Problem ist, dass der ebenfalls in der Verfassung vorgegebene Finanzausgleich durch die Landesgesetze viel zu gering bemessen ist. Während der Staat durch jeden Schüler, der keine staatliche Schule besucht, 5000 bis 10.000 Euro pro Jahr einspart, gibt er nur einen Bruchteil davon als Zuschuss an die privaten Schulträger weiter.

Manche befürchten durch den wachsenden Zulauf für die Privatschulen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bei der Bildung.

Nein, diese Gefahr sehe ich nicht. Die Zahl der Schulen in freier Trägerschaft wächst weiter, ja. Vielleicht verlieren sie dadurch auch etwas von ihrem Exotenstatus. In privaten Schulen wird mehr ausprobiert und Neues entwickelt, das später allen zugutekommt. Reformpädagogische Schulen waren die ersten, die den Ganztag einführten, die Schulnoten abgeschafft, mit Projektlernen oder Freiarbeit angefangen haben. Und in Waldorfschulen kann man seit fast 100 Jahren nicht sitzenbleiben. Was hier lange vorexerziert wurde, wird von staatlichen Schulen aber nach und nach übernommen. Das gehört auch zum Auftrag der Schulen in freier Trägerschaft.

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