Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Jugendliche >

Wie Unternehmen in Schulen um unsere Kinder buhlen

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Daimler, Bosch, Deutsche Bahn und Co.  

Wie Unternehmen schon um unsere Kinder buhlen

22.04.2014, 12:30 Uhr | dpa, t-online.de

Wie Unternehmen in Schulen um unsere Kinder buhlen. Ohne Hintergedanken? Daimler-Ingenieurin Stephanie Baier erklärt Neuntklässlern die Funktionsweise eines Wasserstofftanks.  (Quelle: dpa)

Ohne Hintergedanken? Daimler-Ingenieurin Stephanie Baier erklärt Neuntklässlern die Funktionsweise eines Wasserstofftanks. (Quelle: dpa)

Ein Daimler-Ingenieur als Lehrer, ein Bosch-Azubi als Berufsratgeber: Firmen lassen sich allerlei einfallen, um junge Leute so früh wie möglich zu begeistern. Doch das hat auch Schattenseiten und ruft Kritiker auf den Plan.

"Habt ihr Lust, ein Experiment mit mir zu machen?", fragt Stephanie Baier in die Runde. Sie steht vor der neunten Klasse des Georgii-Gymnasiums im schwäbischen Esslingen. Mitgebracht hat sie einen Bausatz für ein Auto, das mit Brennstoffzelle und Solarantrieb funktioniert. Die Schüler sollen es zusammenbauen und nebenbei mehr über alternative Antriebe lernen. Eine Lehrerin ist Baier allerdings nicht. Sie arbeitet für den Autobauer Daimler.

100 Daimler-Ingenieure unterrichten jährlich an Schulen

Ingenieure statt Lehrer - Daimler ist nur ein Beispiel für den Versuch von Unternehmen, schon frühzeitig Nachwuchs für sich zu begeistern. Auch die Deutsche Bahn, der Technikkonzern Bosch oder der Autobauer Audi wollen junge Menschen auf sich aufmerksam machen. Manche Unternehmen gehen dabei sogar schon in die Kindergärten.

UMFRAGE
Wie finden Sie es, dass zunehmend Wirtschaftsunternehmen sich am Schulunterricht beteiligen?

"Wir wollen Unterricht interessant machen, um später genügend technische Nachwuchskräfte in der Automobilbranche zu haben", erklärt Anna-Maria Karl, die für Daimlers Bildungsinitiative "Genius" verantwortlich ist. Im Zuge dessen schickt Daimler jährlich etwa 100 Ingenieure an Schulen, wo sie Unterricht zu Technikthemen geben. Auch Arbeitshefte hat der Stuttgarter Autobauer zusammen mit dem Schulbuchverlag Klett bereits entwickelt.

Es geht nicht um Unternehmensinteressen - angeblich

"Wir haben dadurch auch viele Anfragen für Praktika", sagt Karl. "Es geht immer darum: Interessen fördern, zugänglich machen, Türen öffnen." Dass dabei vor allem die Tür zum eigenen Unternehmen weit offen steht, will man aber nicht allzu laut sagen. "Das ist nicht unser vorrangiges Ziel", beteuert Karl. "Aber natürlich freuen wir uns, wenn die Schüler dann sagen: Das ist ein tolles Unternehmen, da wollen wir gerne mal arbeiten."

Am Georgii-Gymnasium scheint das schon Früchte zu tragen. "Jemand hatte noch Fragen zum Thema Ferienjob", sagt Daimler-Vertreterin Baier. "Ab 18 Jahren könnt ihr Euch dafür in verschiedenen Bereichen bewerben." Beim Bau des Mini-Autos fallen manche Schüler bereits als besonders talentiert auf. Der 14-jährige Alexander Gebel kann die Antwort teilweise schon geben, bevor Baier ihre Frage zu Ende formuliert hat. "Es ist nicht unbedingt besser als normaler Unterricht", meint der Schüler. "Aber es macht mehr Spaß und ist abwechslungsreicher."

"Imagekampagnen": Die Schulen spielen mit

So positiv sieht das allerdings nicht jeder. "Die Schulen müssen sich bewusst machen, dass sie damit zur Imageförderung der Unternehmen beitragen", sagt Felix Kamella von Lobbycontrol. Der Verein hat erst kürzlich eine Liste mit Negativbeispielen von Marken im Unterricht veröffentlicht. Auch ein Beispiel aus Daimlers Schulheft ist dabei: Schüler sollten die Autos des Dax-Konzerns mit Fischen vergleichen. "Eine wichtige Frage ist: Wo ist die Grenze?", sagt Kamella.

Lobbycontrol kritisiert zudem die starke Präsenz von großen Konzernen an Schulen. "Soziale Berufe treten in den Hintergrund, weil dahinter nicht die Finanzkraft steht", kritisiert Kamella.

"Dann haben wir bald 'McSchule'"

Offiziell ist Werbung an Schulen verboten. Beim Sponsoring hingegen ist die Gesetzeslage je nach Bundesland unterschiedlich. Die Politik unternimmt nichts, um den Aktivitäten von Firmen in Schulen einen Riegel vorzuschieben. Im Gegenteil, das Bundesbildungsministerium sieht vor allem die Vorteile der Verknüpfung von Wirtschaft und Schule: "Deutschland steht vor der wichtigen Aufgabe, die Fachkräftebasis für die Zukunft zu sichern", erklärt ein Sprecher. "Staat und Wirtschaft sind hier gefragt." Schulen und Länder seien aber selbst dafür zuständig, inwieweit Firmen im Unterricht mitwirken dürften.

Erst kürzlich haben die Kultusminister der Länder beschlossen, dass Verbraucherwissen an Schulen ausgebaut werden soll. Da Kinder immer mehr in den Fokus von Firmen und Werbung rücken, solle man ihnen nun in den Schulen verstärkt beibringen, wie sie sich zum Beispiel gesund ernähren oder richtig mit Geld umgehen.

Zweifellos ein guter Vorsatz. Problematisch ist allerdings, dass die Politiker gleichzeitig die Empfehlung aussprechen, sich für diesen Zweck "private Partner", also Unternehmen, an die Schulen zu holen. "Dann haben wir wirklich bald 'McSchule'", warnte Anne Markwardt vom Verbraucherschutzinstitut "Foodwatch" in der TV-Dokumentation "Kunde Kind - Wie die Wirtschaft unsere Kinder verführt", die im letzten Jahr in der ARD lief.

Imagekampagnen von Lebensmittelkonzernen unter dem Deckmantel der Ernährungserziehung oder Schulsportförderung sind besonders heikel. In seinem Buch "Die Essensfälscher - Was uns die Lebensmittelkonzerne auf die Teller lügen" nennt Thilo Bode, Gründer und Geschäftsführer von Foodwatch, Beispiele dieser Art und spricht von "unlauteren Werbemethoden". "Die 'Ernährungserziehung' à la Nestlé verliert jede Seriosität, wenn das Unternehmen gleichzeitig Kindern 'unwiderstehliche' Angebote macht", schimpft der Autor.

Unternehmen sind sogar schon im Kindergarten präsent

Die Volkswagen-Tochter Audi etwa schickt ihre eigenen Auszubildenden als Botschafter in Schulen, ebenso hält es der Technikriese Bosch. Die Deutsche Bahn lädt Schüler im Rahmen von Technik-Camps ins Unternehmen, um ihnen Einblick in mögliche Berufe zu geben.

Um die einzelnen Aktivitäten zu bündeln, haben sich 100 Unternehmen - darunter Daimler und Bosch - vor einigen Jahren in der Bildungsinitiative "Wissensfabrik" zusammengetan. Die Mitglieder haben den Angaben zufolge insgesamt rund 2400 Partnerschaften mit Schulen und Kindergärten.

"Wir sind nicht nur in der Schule, sondern auch im Kindergarten unterwegs", sagt Siegfried Czock, der bei Bosch für Aus- und Weiterbildung zuständig ist. "Am Anfang geht es darum, Technikinteresse zu vermitteln. Da denken wir noch nicht daran, dass sie mal zu Bosch kommen", erklärt er. "In den oberen Schulklassen ist das sicherlich anders."

Vor allem jüngere Kinder müssen vor Werbung geschützt werden

Gerade zu diesem Vorgehen der Firmen äußerte sich der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther in der ARD-Doku kritisch: "Je jünger die Kinder sind, umso größer sind ihre Schwierigkeiten sich gegen Werbung zu schützen." Genau diese Tatsache machen sich Unternehmen zu Nutze und starten erste Werbeoffensiven bereits im Kindergarten.

Das Ganze geschehe dann oft unter dem Deckmantel "pädagogisch wertvoll": Werbegeschenke an Kitas wie beispielsweise Malblöcke werden bewusst unter edukativen Aspekten entworfen. Letztendlich geht es aber vor allem darum, dass Produktgruppen, die auf den Materialien ihre Logos platzieren, schon in Kindergärten Fuß fassen.

Sie finden uns auch auf Facebook - jetzt Fan unserer "Eltern-Welt" werden und mitdiskutieren!

Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Brutale Methode 
Therapie mit langer Nadel nichts für schwache Nerven

Diese Behandlung ist garantiert nichts für zartbesaitete Menschen. Video

Anzeige

Shopping
tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal