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Jugendsprache setzt sich durch

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"Bring mal Colamola"  

Sprachtrend ist mehr als Migrantendeutsch

29.06.2014, 13:48 Uhr | Ulrike von Leszczynski, dpa

Jugendsprache setzt sich durch. Sprechen wir bald alle "Kiezdeutsch"? (Quelle: imago/emil umdorf)

Sprechen wir bald alle "Kiezdeutsch"? (Quelle: imago/emil umdorf)

"Gehst du Bus oder bist du mit Auto?" Solche Sätze brauchen sich Kabarettisten gar nicht mehr auszudenken. An manchen Schulen sind sie Alltag. Sprachforscher vermuten, dass wir bald alle so reden. Ist das nun kreativer Umgang mit der Sprache oder der Niedergang der Sprachkultur? Für manche ein schwerwiegendes Problem.

Der neue Sprachtrend bei Jugendlichen klingt noch gewöhnungsbedürftig. "Ich komm mit Fahrradmahrrad" oder "Ich bring Colamola". Das heißt so viel wie: Irgendwie komme ich wahrscheinlich mit dem Fahrrad. Und ich bringe dann auch Cola mit, übersetzt Heike Wiese, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Potsdam.

Türkisch setzt den Sprachtrend

Ihre Germanistik-Studenten haben Teenagern diese Sätze in türkisch geprägten Stadtvierteln Berlins abgelauscht. Das spielerische Wiederholen eines Wortes mit einem "m" davor habe seinen Ursprung im Türkischen, ergänzt Wiese. Für sie waren die Jugendlichen in Berlins Migrantenvierteln wie Kreuzberg und Wedding sprachlich damit wieder einmal sehr kreativ.

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Geteilte Meinung über das Kiezdeutsch

Die Meinungen über das "Kiezdeutsch", das bei mehrsprachigen Jugendlichen besonders dynamisch und wandlungsfähig ist, gehen aber noch immer weit auseinander. Als Wiese vor zwei Jahren ein Buch zur Dialektgrammatik in Kreuzberg veröffentlichte und Sätze wie "Machst du rote Ampel?" nicht verwerflich, sondern eher innovativ fand, kochte die Volksseele hoch. Gelegt haben sich die Anfeindungen immer noch nicht ganz, berichtet sie. "Sprache ist wohl einer der wenigen Bereiche, in dem man noch offen rassistisch sein kann." "Ghettosprech" oder "Türkendeutsch" sind dann noch die netteren Bezeichnungen.

Dabei hat Kiezdeutsch weder in Berlin noch in anderen deutschen Städten automatisch etwas mit Migration zu tun. Das hat jüngst die Berliner Soziolinguistin Diana Marossek in ihrer Doktorarbeit belegt, die nun für den Deutschen Studienpreis nominiert ist. Marossek, die in Berlin einen Kinderbuchverlag leitet, war dafür ein Jahr lang in 30 Berliner Schulen zu Gast. Als Referendarin getarnt saß sie hinten im Klassenzimmer. Von ihrer Sprachforschung ahnten die Schüler nichts.

"Ich war Fußball" - in allen Bezirken zu hören

In allen Berliner Bezirken hörte die Doktorandin zu, wie insgesamt rund 1400 Acht- und Zehntklässler miteinander redeten. Sie notierte zum Beispiel, wie oft Teenager mit Deutsch als Muttersprache "zum" oder "beim" wegließen. Ob im tiefbürgerlichen Zehlendorf oder in den Migrantenvierteln Neuköllns - sie fand keine großen Unterschiede. Überall fielen Sätze wie "Kommst du mit Klo?" oder "Ich war Fußball".

"Auf das Thema Kiezdeutsch bin ich gekommen, als ich gehört habe, wie seltsam meine jüngere Schwester und ihre Freunde miteinander geredet haben", erinnert sich die Linguistin. "Heute weiß ich, dass es auch die Sprache von Schülern ohne Migrationshintergrund ist."

Nur von türkischen Klassenkameraden hätten diese Teenager ihr Kiezdeutsch dabei nicht abgekupfert, ist Marossek überzeugt. Denn auch die "Berliner Schnauze" liebe das Verkürzen und Weglassen von Artikeln und Präpositionen. "Auf Schicht sein" kennt aber auch das Ruhrgebiets-Deutsch. Dort sind Grammatik-Konstruktionen wie "Tu ma die Mama winken" oder "Meine Oma ihre Tasche" nicht nur ein Fall fürs Kabarett.

Crossover zwischen Deutsch und Sprache der Migranten

Für Marossek haben sich damit zwei ähnliche Trends - deutsche Dialektgrammatik und Übernahmen aus der Muttersprache von Migranten - gefunden und verbunden.

"Kiezdeutsch verstärkt, was ohnehin schon da war", sagt auch Forscherin Heike Wiese. Im gesprochenen Deutsch gebe es schon seit langem den Trend, Artikel und Präpositionen zu verkürzen oder wegzulassen. "Darüber haben sich die Leute schon in den 1930er Jahren aufgeregt", sagt sie schmunzelnd. Gebremst hat das die Entwicklung nicht. Mit Bildung hat es auch nichts zu tun. Haltestellen-Sprache wie "Ich bin jetzt Zoo" brüllen in der U-Bahn und S-Bahn auch Akademiker ungeniert in ihr Handy.

Verblüffend: Deutsch beeinflusst das Türkische

Und es gibt noch eine Erkenntnis. Heike Wiese geht davon aus, dass der Einfluss des Türkischen auf das Deutsche weit weniger stark ist als umgekehrt. Wissenschaftler beobachteten seit einer Weile, dass sich in Deutschland das Türkische stark verändert - es übernehme deutsche Ausdrücke und auch Konstruktionen aus der deutschen Grammatik, berichtet sie. Einfluss hier, Einfluss dort: Diana Marossek geht davon aus, dass Sätze wie "Gehst du Bus oder bist du mit Auto?" in Zukunft zur ganz normalen Hauptstadtsprache gehören werden.

Sie könnten schon korrekt sprechen

Forscherin Wiese meint, Kiezdeutsch stehe bei vielen Jugendlichen für das entspannte Plaudern unter Freunden - und manchmal auch für Provokation. Schüler wüssten dabei meist genau, wie ein Satz im Standard-Deutsch laute. Das glaubt Diana Marossek nicht. "Am Gymnasium ja, aber an anderen Schulen war ich mir da nicht immer sicher", sagt sie.

Auch Lehrer übernehmen dieses "Sprech"

Doch selbst Lehrer, die sich zuerst über Kiezdeutsch amüsierten, hätten später unwillkürlich Artikel weggelassen. Dazu gibt es Kostproben in der Doktorarbeit. Schüler Sebastian sagt: "Ich brauche Locher!" Und seine Lehrerin antwortet: "Ist Locher nicht vorne drin?"

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