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Akademisierungswahn in Deutschland: “Ohne Abitur geht nichts mehr”

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Ratlosigkeit bei der Berufswahl  

Akademisierungswahn in Deutschland: "Ohne Abitur geht nichts mehr"

26.11.2014, 16:34 Uhr | Maria M. Held, dpa, t-online.de

Akademisierungswahn in Deutschland: “Ohne Abitur geht nichts mehr”. Was soll ich werden? Ratlosigkeit bei der Entscheidung für einen Beruf. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ratlosigkeit bei der Entscheidung für einen Beruf. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Es gibt Hunderte von Berufsbildern in Deutschland. Doch mal Hand aufs Herz: Wie viele Berufe kennt man eigentlich selbst? Gut, dass heute Eltern nicht mehr bestimmen, was die Kinder lernen sollen, aber auch das Beraten wird immer schwieriger. Schuld daran ist auch der Trend zur Akademisierung der Berufswelt.

Der Akademisierungswahn in Deutschland wäre gar nicht so schlimm, wenn man nur den Weg durch die unzähligen Karriere-Möglichkeiten finden könnte. Lehrer, Berufsberater, Eltern und vor allem Schüler sind überfordert. Berufsberatung für junge Menschen in Deutschland? Durchgefallen! Es fehlen die Lotsen im Berufswahldschungel.

Bei der Berufsentscheidung ist die dicke Broschüre der Arbeitsagentur "Beruf aktuell" nicht wirklich hilfreich. Auf mehr als 600 Seiten geht es nur auf wenigen um Ausbildungsberufe, alle anderen widmen sich Studiengängen.

UMFRAGE - BERUFSWAHL
Was halten Sie von dem Trend, möglichst viele Berufe zu akademisieren?

Schlechte Noten für die Bundesagentur

Eine Allensbach-Umfrage ergab jetzt, dass die Berufswahl am Ende der Schulzeit fast der Hälfte der Jugendlichen ziemlich oder sehr schwer fällt, mehr als ein Drittel fühlt sich nur unzureichend über Berufsmöglichkeiten informiert. Von den Gymnasiasten räumen demnach fast zwei Drittel ein, zu wenig über bestimmte Studiengänge zu wissen. Schlecht kommen in der Umfrage die Angebote der Bundesagentur für Arbeit (BA) weg.

In vielen Familien steht in diesen Tagen das Thema Berufswahl auf der Tagesordnung. Das nächste Zwischenzeugnis ist für viele Schüler entscheidend für Ausbildung, höheren Abschluss oder Studium.

Viele Berufsbilder - wenig Information

Verkäufer, Metzger, Arzt, Friseur, Lehrer, Erzieher, Lokführer, Pilot, Fernsehmoderator, Feuerwehrmann, Polizist, Müllmann - dann stockt die Aufzählung auch schon. Dabei gibt es rund 340 anerkannte Ausbildungsberufe, die Hälfte der jungen Menschen wählt allerdings einen der 20 häufigsten Berufe.

Beispiel Handwerk: In rund einer Million Handwerksbetrieben arbeiten etwa 5,3 Millionen Menschen. Rund 400.000 Lehrlinge erhalten dort eine qualifizierte Ausbildung. Damit sind 12,5 Prozent aller Erwerbstätigen und 28,3 Prozent aller Auszubildenden in Deutschland im Handwerk tätig. Im Jahr 2012 erreichte der Umsatz im Handwerk rund 508 Milliarden Euro.

Ausbildungsmessen erfreuen sich heutzutage großer Nachfrage. Schüler, Lehrer und Eltern nutzen sie gerne, um sich zu informieren, große, ortsansässige Betriebe und Institutionen wie Polizei oder Feuerwehr präsentieren sich in den Schulen.

Aufschwung für das Freiwilligenjahr

Da sich viele G8-Absolventen zu jung für diese weitreichende Richtungsentscheidung fühlen, erlebt das Freiwilligenjahr einen Aufschwung, ebenso gefragt sind Gap-Years wie “Work & Travel” in Australien oder Neuseeland.

Eltern sind wichtigste Ratgeber

Eltern sind neben Lehrern die wichtigsten Ratgeber und Vorbilder zum Einstieg in das Arbeitsleben. Deren Beruf kennen die Kinder, ebenso deren Einstellung zum Job, ihre Work-Life-Balance.

Für knapp zwei Drittel der Eltern (61 Prozent) ist es selbstverständlich, bei der Berufsorientierung ihrer Kinder mitzuwirken. Doch wie sollen Eltern ihre Kinder bei der Berufswahl unterstützen? Was soll man raten, wenn ein Kind nicht ausgeprägte Talente hat oder für eine ganz bestimmte Sache brennt? Oder völlig unrealistische Vorstellungen hat? Wenn man selbst vielleicht mit seiner Berufswahl hadert, der eigene Arbeitsplatz gefährdet ist oder der Stress im Job krank macht? Oder ganz andere Interessen hat als Sohn und Tochter? Und vor allem man das Gefühl hat, diese Arbeitswelt ist eine komplett andere als die vor 20 oder 30 Jahren.

Ein Familien-Sonntag entwickelt sich da schnell zum “Workshop Berufsberatung” in den Freunde, Nachbarn und Bekannte einbezogen werden, um von ihren Karrieren zu erzählen. Nebenbei wird im Netz nach Informationen zu Berufsbildern und Tipps für Motivationsschreiben gesucht.

"Bloß nichts Soziales"

Eine Gelegenheit, bei der Sätze fallen wie: "Bloß nichts Soziales, da verdienst du ja nichts", "Als männlicher Erzieher kommst du sofort in eine leitende Funktion", "Krankenschwester - nee, der Stress und die Arbeitszeiten", "Wenn ich könnte, würde ich heute Handwerker werden, die stehen doch am besten da", "Was ich in der Meisterprüfung können musste, das wird heute schon von Gesellen verlangt", "Früher war das viel einfacher", "ohne Studium geht heute gar nichts mehr".

Bei der Motivation für einen Job sind Jungen und Mädchen sich laut Umfrage jedoch einig: Für je 87 Prozent ist es am wichtigsten, einen Beruf zu haben, "der mir Spaß macht". Dahinter rangieren bei Jungen "gutes Einkommen" (80 Prozent) und "das Leben genießen" (75), bei Mädchen indes "sicherer Arbeitsplatz". Und während nur für 21 Prozent der Jungen wichtig ist, anderen Menschen mit ihrem Beruf zu helfen, sind dies bei den Mädchen immerhin 43 Prozent. "In weiten Teilen (...) haben wir Männerwelten und Frauenwelten", so das Fazit der Allensbach-Chefin Renate Köcher.

Akademisierungstrend verändert die Berufswelt rasant

Tatsächlich ist der Akademisierungstrend sehr deutlich und verändert die Berufswelt rasant. Wie von der OECD gewünscht, schließen immer mehr Menschen in Deutschland die Schule mit dem Abitur ab. Für die Idee begeisterten sich Politik und Wirtschaft. Immer mehr Studenten drängen an die Hochschulen, mehr und mehr Berufe werden auf ein akademisches Niveau gehoben. Studenten kommen aus allen Bevölkerungsschichten. Deutschland holt im Vergleich der anderen OECD-Länder auf. Die Niederlande und USA sind Spitzenreiter in Sachen Akademisierung der Ausbildung, dort jedoch gibt es für viele Berufe keine handwerkliche Ausbildung, sie werden am College erlernt.

Die Anforderungen der Arbeitswelt haben sich enorm verändert. Viele klassische Handwerksberufe verlangen heute mehr als der Hände Arbeit: EU-Verordnungen, Energie-Richtlinien, müssen beachtet werden, Computerkenntnisse sind am Bau oder im KFZ-Bereich nötig. Nichts für Jugendliche mit einem niedrigen Schulabschluss. Betriebe suchen zwar händeringend nach Azubis, aber nicht jeder passt. Und nicht immer findet sich eine geeignete Lehrstelle in Wohnortnähe.

Ein Trend, der das Handwerk umtreibt, wie Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, deutlich macht: "Die OECD hat Deutschland lange Jahre vorgehalten, nur rund 23 Prozent Akademiker zu haben, während der OECD-Durchschnitt bei 36 Prozent liegt. Das verfing bei Politik und Gesellschaft. Der Run auf Abitur und Hochschulen setzte ein. 2012 erreichte der Anteil der Studienanfänger eines Jahrgangs knapp 55 Prozent. Haupt- und Realschulen verkümmern vielerorts. Das spaltet die Gesellschaft." Mit Info- und Image-Kampagnen versucht man gegenzusteuern, vor allem auf lokaler Ebene arbeitet man mit Schulen und Vereinen zusammen. Man versucht auf vielen Ebenen Berufseinsteigern zu helfen. Auf handwerk.de findet sich beispielsweise mit dem Berufechecker auch ein Test, die eigenen Fähigkeiten zu entdecken.

Aus dem Statement des Präsidenten lässt sich auch gekränkter Stolz ablesen: "Das Handwerk ist gegen diese Entwicklung Sturm gelaufen. Denn alle Welt weiß doch, worauf die wirtschaftliche Stärke Deutschlands beruht: auf dem weltweit unerreichten Niveau der beruflichen Aus- und Weiterbildung und auf dem produktiven Miteinander von beruflich und akademisch gebildeten Menschen."

Ohne Abitur und Studium geht heute nichts mehr

Ohne Studium geht also heute fast nichts mehr. Erzieher und Altenpfleger setzen oft noch einen Master auf ihre Ausbildung drauf. Ist es ein Akademisierungswahn oder eine überfällige Anpassung von Berufsbildern? Ältere Akademiker beklagen die Degradierung des klassischen Studiums durch die Einführung von Bachelor und Master statt Diplom oder Ingenieur. Ein weiterer Kritikpunkt ist der, dass selbst Berufstätige mit einem Hochschulabschluss nicht mehr mit einem guten Gehalt rechnen können.

70 Prozent eines Jahrgangs könnten studieren, die Hälfte eines Geburtsjahrgangs tut es inzwischen auch. Fast eine halbe Million Studenten haben im jetzt noch frischen Wintersemester das Studium begonnen, mehr als eine Lehre begonnen haben. Insgesamt studieren 2,6 Millionen Menschen an den Universitäten, so hat die "Zeit" nachgerechnet. Das sind so viele wie nie zuvor und der Trend hält an.

"Der Akademisierungswahn. Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung” heißt das kürzlich erschienene Buch von Julian Nida-Rümelin. Der frühere Kulturstaatsminister und heutige Philosophieprofessor befürchtet den Niedergang der Universitäten und der Berufsausbildung. Den Trend zum hohen Akademisierungsgrad bezeichnet der 60-Jährige, der einst Mitglied im Kabinett Schröder war, als Irrtum. Er sagt: "Es findet gegenwärtig keine Bildungsexpansion statt, die soziale Selektivität in Deutschland ist skandalös hoch, höher als in den siebziger Jahren."

Nur Akademiker in der Bundesregierung

Die heutige Bundesregierung ist unter dem Aspekt "Akademisierung" repräsentativ. Kein einziger Minister oder Staatssekretär ohne Abitur und Studium. Michael Glos (CSU), einst Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, ist gelernter Müllermeister, Franz Müntefering (SPD) ist Industriekaufmann und wirkte als Bundesminister für Arbeit und Soziales und zuvor für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen. Zu ihrer Zeit war Deutschland noch keine Akademikerrepublik. Jetzt sieht man sich auf dem Weg zur Bildungsrepublik und investiert in den "Aufstieg durch Bildung" in zahlreichen Programmen und mit hohen Summen, Talententfaltung vom Kindergarten bis zur Weiterbildung. Bildungsgerechtigkeit für alle, auch für Kinder aus den sogenannten bildungsfernen Familien.

Anders als in der ersten Bildungsoffensive der 50er und 60er Jahre führen heute viele Wege an die Universitäten und Hochschulen. Nicht nur der klassische Weg über das Abitur an einem Gymnasium. Auch Gesamtschulen, Berufskollegs und Fachoberschulen vermitteln eine Hochschulreife. Studieren darf auch, wer eine Meisterprüfung abgelegt oder eine Berufsausbildung abgeschlossen und Praxiserfahrung gesammelt hat.

Immer weniger Sackgassen auf dem Bildungsweg

Besonders attraktiv, aber auch fordernd ist das duale Studium, das Arbeit und Studium verbindet, also einen Arbeitsplatz garantiert und schon während des Studiums Verdienst bietet.

Es gibt viele und interessante Möglichkeiten zur Bildung und Weiterbildung. Das System wird durchlässiger, die Sackgassen weniger. Nur die wenigsten werden den einmal erlernten Beruf bis zur Rente ausüben. Berufe ändern sich und Menschen wechseln die Berufe. Was fehlt, sind die Lotsen durch den Karrieredschungel: Google kann das nicht leisten.

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