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Therapie gegen Computersucht: Hier finden Jugendliche zurück ins echte Leben

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Therapie gegen Computersucht  

Lukas kämpft sich aus der virtuellen Welt zurück ins echte Leben

03.11.2015, 10:37 Uhr | Wolfgang Dahlmann, dpa

Therapie gegen Computersucht: Hier finden Jugendliche zurück ins echte Leben . Computerspielsucht: In einem Wohnheim für computersüchtige Jugendliche lernen die Betroffenen, ihren Medienkonsum einzuschränken. (Quelle: dpa)

Nur noch eine Stunde täglich darf er auf dem Smartphone spielen. In einem Wohnheim für computersüchtige Jugendliche lernen die Betroffenen, ihren Medienkonsum einzuschränken. (Quelle: dpa)

Der Sohn hängt nur noch am Computer, zockt die halbe Nacht lang Onlinespiele, rutscht in der Schule immer weiter ab und hat kein Interesse mehr an früheren Hobbys. Viele Eltern verzweifeln und scheitern an diesem exzessiven Spielekonsum. Manchmal kann nur eine Therapie die Jugendlichen aus ihrer Sucht holen.

In Dortmund haben die Malteser eine Therapieeinrichtung für computersüchtige Jugendliche gegründet. Der Name "Auxilium Reloaded" steht für "Neustart". In der betreuten Wohngruppe können insgesamt 14 junge Leute zwischen 15 bis 25 Jahren aufgenommen werden. Sie kommen aus ganz Deutschland und bleiben ein bis eineinhalb Jahre.

Bei Lukas hat das Jugendamt eingegriffen

Lukas ist 15 und heißt eigentlich anders. Er kommt aus Hessen und ist der jüngste Zugang der Wohngruppe für computersüchtige Jugendliche in Dortmund. Lukas spricht freiwillig über sein Schicksal. Ebenso der 20-Jährige Justin aus dem Rheinland. Der Unterschied: Justin wollte aus eigenem Antrieb aus der virtuellen Welt ausbrechen. "Ich bin selbst auf die Idee gekommen. Ich habe das meinem gesetzlichen Betreuer gesagt."

UMFRAGE
Wie viel Zeit verbringt Ihr Kind täglich mit Computerspielen oder im Internet?

Bei Lukas, der bei seiner Mutter gewohnt hat, griff das Jugendamt ein. Mit zehn Jahren fing das Spielen bei ihm an. Als er 15 war, drohte die Schule den Bach herunterzugehen. Die Außenwelt sah er kaum noch. "Bei der Tante war ich manchmal noch im Swimmingpool." Das war es mit den Außenkontakten.

Justin ist seit Juli in der Wohngruppe. Er hatte sich in der eigenen Wohnung hinter dem PC abgeschottet. Einen Schulabschluss hat er nicht. Eine Sechs in Mathe bedeutete das Ende in Klasse acht.

Anerkennung der anonymen Mitspieler macht süchtig

"Ich habe mit einer Playstation II angefangen", erinnert er sich. Das reichte nicht. Justin wollte online zocken. "Ich hab Egoshooter gespielt." Die Spieler erlangen Ruhm und steigen in immer höhere Ebenen auf. Das kann süchtig machen. Die Spielpartner sind andere Internetzocker, die sich nicht kennen. Echte Freunde: Fehlanzeige.

Noch nicht als Krankheit anerkannt

"Anerkannt als Krankheit ist die Computersucht noch nicht", sagt  Bert te Wildt von der Internetambulanz der Uniklinik Bochum. Die Ambulanz kooperiert mit den Dortmundern. Bei den Kosten müssen te Wildt und die stationären Einrichtungen um die Kostenübernahme ringen. Das sind Krankenkassen, Jugendhilfe oder die Rentenversicherung. "Die Krankenkassen sind eher nicht das Problem", meint der Psychotherapeut.

Extrovertierte landen bei Drogen, Ängstliche flüchten in Spielwelten

Patrick Portmann ist der Leiter von "Auxilium Reloaded". Dort landen vor allem junge Menschen, die bei Onlinespielen wie dem Ballerspiel "Call of Duty" den Zugang zur Realität verloren haben.

Die Mitarbeiter der Einrichtung schauen sich in den ersten Wochen an, wie die Jungs zocken. Mädchen gibt es derzeit noch nicht, weil die Onlinespiele mehr auf Jungs ausgerichtet sind. Spiele wie "Candy Crush" könnten das aber bald ändern, glaubt Portmann.

Die Therapeuten wollen die Wurzeln erkennen, wie es zur Sucht kam und wie sie sich ausdrückt. Die Gründe sind ähnlich: Überlastung in der Schule oder Mobbing. "Die Extrovertierten finden sich bei den Drogen wieder, die Ängstlichen verlieren sich eher in den Spielen."

Nur für eine Stunde dürfen die Patienten an den Computer

Nach der Diagnose folgt die Therapie. "Wir müssen erst einmal den Tag-Nacht-Rhythmus wieder hinbekommen", sagt Therapeut Markus Hofmann. An Smartphone oder Computer kommen die Bewohner nur noch eine Stunde am Tag. Später wird es mehr.

Justin stöhnt bei dem Thema Tagesrhythmus: "Montags bis freitags werden wir um halb Sieben geweckt. Dann gibt es Frühstück. Putzen müssen wir auch." Gemeinsames Kochen und Einkaufen gehört ebenfalls zur Gewöhnung an die reale Welt. Amüsiert sind Portmann und Hofmann bei der Frage, ob die Jungs auch allein raus und mal in der Kneipe was trinken dürfen. "Die dürfen natürlich draußen feiern", sagt Portmann. "Wir freuen uns sogar. Das ist das richtige Leben."

Lukas will auf Schach umsteigen

Lukas hat schon Vorstellungen von Außenbeschäftigung. "Ich spiele ein bisschen Schach." Er liebäugelt mit einem Verein. Und bald geht es in der Nähe in die Realschule. Die Schule abschließen will auch Justin, zumindest die Hauptschule. Er wartet auf das nächste Halbjahr bei der Volkshochschule oder der Abendschule.

Jeder Zehnte an der Schwelle zur Internetsucht

Laut einer EU-Studie nimmt die Internet-, beziehungsweise Computernutzung bei jedem zehnten Jugendlichen in Deutschland bedenkliche Ausmaße an. Ein Prozent der jungen Deutschen gilt als internetsüchtig. 

Symptome für Computersucht bei Jugendlichen

  • stetige Steigerung der Spielzeit am Computer trotz Verbots
  • Verharmlosung des Computerspielkonsums
  • Rückzug aus dem Freundeskreis
  • Vernachlässigung von Hobbys, Schule oder Arbeit
  • unregelmäßige Schlafzeiten und Übermüdung
  • Veränderung des Essverhaltens mit Fehlernährung
  • Ungewöhnliche Stimmungswechsel und zunehmende Aggressivität

Weitere Informationen und Hilfsangebote finden Eltern auf der Homepage von "Auxilium Reloaded" und beim Fachverband für Medienabhängigkeit.

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