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Studenten geben zu: Uni macht mehr Stress als die Arbeitswelt

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Studenten unter Druck  

Uni macht mehr Stress als die Arbeitswelt

11.10.2016, 16:15 Uhr | dpa, dpa-AFX, AFP

Studenten geben zu: Uni macht mehr Stress als die Arbeitswelt. So sieht Stress aus.  (Quelle: dpa)

So sieht Stress aus. (Quelle: dpa)

Studenten haben richtig Stress, mehr als Berufstätige. Das ergab eine aktuelle Umfrage. Junge Frauen sind stärker als ihre männlichen Kommilitonen betroffen. Schuld sind Zukunftssorgen, Prüfungsdruck, Geldknappheit - und mangelnde Belastbarkeit. Die Bologna-Reform hat das noch verschlimmert.

In deutschen Hörsälen herrscht laut einer Untersuchung mehr Stress als am Arbeitsplatz: In der Erhebung des AOK-Bundesverbands gaben 53 Prozent der Befragten an, einen hohen Stresslevel zu haben. In einer vergleichbaren Studie lag der Anteil der in der Arbeitswelt Beschäftigten mit hohem Stresslevel bei 50 Prozent, wie Studienleiterin Uta Herbst erklärte. Ein Grund sei, dass die Studenten den Umgang mit Stress noch lernen müssten.

Das sind die Kernaussagen der Erhebung:

  • Frauen leiden stärker unter Stress als ihre männlichen Studienkollegen.
  • Diese Studiengänge belasten am meisten: Tiermedizin, Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften und Informatik.
  • Am wenigsten Stress macht Sportwissenschaft.
  • An staatlichen Fachhochschulen und Universitäten ist das Stressniveau höher als an privaten Hochschulen oder dualen Hochschulen.
  • Hier studiert man am entspanntesten: Kleinere Hochschulen in Rheinland-Pfalz, Bayern und Brandenburg.

Bei der Auswertung der Daten fanden die Forscher heraus, dass Studentinnen mehr unter Stress leiden als ihre männlichen Kommilitonen. Außerdem ist der Stresslevel an staatlichen Fachhochschulen und Universitäten demnach höher als an privaten Hochschulen oder dualen Hochschulen, wo die Studenten auch eine Doppelbelastung aus Arbeit und Studium haben. Am meisten leiden angehende Tierärzte unter Stress, am wenigsten Studenten der Sportwissenschaften.

"Es ist vor allem der Stress, der durch Zeit- und Leistungsdruck sowie die Angst vor Überforderung entsteht", erklärte Herbst, Marketingprofessorin an der Universität Potsdam. Dies sei erstaunlich angesichts der guten Chancen, die Hochschulabsolventen derzeit auf dem Arbeitsmarkt hätten. Insgesamt befragten die Forscher 18.000 Studenten via Internet.

Psychische Erkrankungen nehmen zu

AOK-Chef Martin Litsch sagte bei der Vorstellung der Ergebnisse: "Wir müssen das ernst nehmen, denn psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch." Für ihn ein überraschendes Ergebnis: "Studenten, die nebenbei auch arbeiten gehen, sind weniger gestresst als ihre Kommilitonen." Sie hätten offenbar "eine andere Balance im Alltag", die mit dem Nebenjob komme.

"Belastbarkeit aufbauen"

Laut Studienleiterin Herbst sind Studenten vor allem im Bachelor noch nicht so stressresistent und fühlten sich deshalb eher überfordert. "Sie müssen ihre Belastbarkeit erst noch aufbauen", sagte Herbst. Dementsprechend hoch ist die gefühlte Belastung im Bachelor im Vergleich zu Master, Diplom oder Staatsexamen.

Wie Herbst beobachtete, gaben Studenten aus Rheinland-Pfalz deutlich niedrigere Stresslevel an als Studenten aus dem Nachbarland Nordrhein-Westfalen. In Rheinland-Pfalz gebe es wie in Bayern und Brandenburg viele kleinere Hochschulen, an denen es sich entspannter studiere.

Schuld ist die Bologna-Reform

Für den Leiter der Studienberatung an der Freien Universität Berlin, Hans-Werner Rückert, trägt vor allem die Bologna-Reform von 1999 Schuld an der zunehmenden Stressbelastung der Studenten. Mit der europaweiten Einführung des Bachelorsystems wurden die Studiengänge stärkeren Reglementierung und einer höheren Prüfungsbelastung unterworfen.

Das sind die stärksten Stress-Faktoren:

  • Zeit- und Leistungsdruck durch die Bologna-Reform.
  • Angst vor Überforderung.
  • Wohnungssuche.
  • Finanzielle Sorgen.

"Die Beratungsanfragen sind seitdem um 20 Prozent gestiegen", sagte Rückert. Allerdings hätten die Beratungsstellen zu wenig Personal. Rückert beklagte auch den Erfolgsdruck, den viele Studenten "seit der Grundschule" in sich aufnähmen. Statt sich in den ersten Semestern erst auf die neue Lebenssituation einzustellen, wollten sie vom ersten Tag an keine Schwäche zeigen.

So sieht Studentenleben heute aus

2,8 Millionen (2012: 2,5 Millionen) studieren im Wintersemester 2016/17, und zwar überwiegend an den rund 240 Hochschulen in staatlicher Trägerschaft. Tendenz steigend - mit entsprechenden Begleiterscheinungen wie überfüllten Hörsälen und Seminaren. Seit Jahren strömen jeweils 500.000 Erstsemester an die Unis, auch immer mehr Ausländer, für die Deutschland ein attraktiver Hochschulstandort ist. Etwa ein Viertel der Studierenden hat Migrationshintergrund - die Hälfte Eltern mit akademischem Abschluss. Rund 30 Prozent gehen während des Studiums ins Ausland - diese Quote soll noch steigen. Und etwa jeder 15. Studierende ist schon verheiratet.

40-Stunden-Woche genügt nicht: Laut Deutschem Studentenwerk (DSW) wenden Studenten in Deutschland im Schnitt 35 Wochenstunden für Vorlesungen, Seminare, Hausarbeiten und Recherchen an ihrer Uni auf, hinzu kommen etwa sieben Stunden für Nebenjobs. Und gut jeder Fünfte muss neben der Hochschule für seinen Lebensunterhalt so viel arbeiten, dass er "faktisch Teilzeit" studiert, ergab die Sozialerhebung 2012. Zugleich soll ein Bachelor-Student nach nur sechs Semestern den ersten akademischen Abschluss in der Tasche haben - im Prüfungsjahr 2014 schafften es nur 46 Prozent in der Regelstudienzeit.

BaföG hilft nicht viel

Bafög hilft nicht mal einem Viertel: Knapp drei Milliarden Euro ließ sich Vater Staat die Ausbildungsförderung im Vorjahr kosten. Damit wurden nach neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes 611.000 Studierende gefördert - vor vier Jahren waren es 60.000 mehr. Mit der zum Wintersemester umgesetzten Bafög-Reform wird nun manches besser: Es gibt mehr Geld - so steigt der Höchstsatz für Studierende, die nicht bei den Eltern wohnen, von 670 auf 735 Euro. Der Kreis der Geförderten soll um 110.000 wachsen. Zum Vergleich: Schon 2012 verfügten "Normalstudierende" - meist von den Eltern unterstützt - über durchschnittlich 864 Euro pro Monat.

Studentenbuden werden zum Luxusgut: Gut 37 Prozent mehr Miete als vor sechs Jahren müssen Studierende für eine Wohnung in Berlin hinblättern, in München und Stuttgart, aber selbst in Osnabrück sieht es ähnlich dramatisch aus. Diese Mietpreisdynamik macht Studenten bundesweit zu schaffen. Zugleich ermittelte das DSW, dass sich Studierende zu 27 Prozent ein WG-Zimmer wünschen, zu 26 Prozent eine Wohnung alleine und zu 31 Prozent eine Bleibe mit Partner, eventuell auch mit Kind. Im "Hotel Mama" wollten nur 6 Prozent bleiben, in einem Studentenwohnheim neun Prozent. "Der Anteil derjenigen, die als Studenten noch bei den Eltern wohnen, könnte anwachsen", sagte DSW-Manager Achim Meyer auf der Heyde.

Schuldenmachen ist verpönt: Trotz wachsender Mietbelastung werden immer weniger Studienkredite in Anspruch genommen. Die Zahl der 2015 abgeschlossenen Kreditverträge sank im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent, ermittelte das Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). "Es gibt in Deutschland eine Mentalität, sich möglichst wenig zu verschulden", so DSW-Generalsekretär Meyer auf der Heyde. "Das hat sich schon früher bei der Einführung von Studiengebühren gezeigt - wer sich die nicht leisten konnte, hat eher gejobbt als einen Studienkredit aufzunehmen." Stipendien kommen in Deutschland eher wenigen zugute. So erhielten im Vorjahr gerade mal 24.300 Studierende das vom Bund und privaten Geldgebern geförderte "Deutschlandstipendium" - eine eher durchwachsene Bilanz.

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