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Trotzphase: Wenn die Wut mit aller Wucht kommt

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Wenn die Wut mit aller Wucht kommt

05.05.2010, 16:35 Uhr | Simone Blaß und ddp, t-online.de

Trotzphase: Wenn die Wut mit aller Wucht kommt. Trotzphase: Wenn kleine Kinder an ihre Grenzen stoßen, ärgern sie sich darüber massiv. (Quelle: imago)

Wenn kleine Kinder an ihre Grenzen stoßen, ärgern sie sich darüber massiv. (Quelle: imago)

Schon Kleinkinder können einen enormen Dickschädel haben. Manche liefern sich vom morgendlichen Anziehen bis zum Zähneputzen am Abend durchweg ermüdende Machtkämpfe mit Mama und Papa. Gerade bei Kindern im Alter zwischen zwei und vier Jahren kommt es immer wieder vor, dass sie mit ihrer Wut im Bauch nicht klarkommen und diese dann sehr lautstark ihrer Umgebung kundtun. Trotzphase nennt man das und dieses Verhalten kann elterliche Nerven ungemein strapazieren. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul sagt zu diesem Thema: "Genauso gut könnte man vom Kinderstandpunkt aus sagen, dass Eltern trotzen - die Großen wollen einfach nicht so, wie die Kleinen wollen." Ein interessanter Gedanke.

Erste Autonomiebestrebungen

Es ist nicht einfach für ein kleines Kind, damit klarzukommen, dass die Eltern in manchen Momenten nicht das Gleiche wollen, wie es selbst. Das Kind erkennt zunehmend, dass es ein selbstständiges Wesen ist, versucht, sich von den Eltern abzunabeln, testet die eigene Durchsetzungsfähigkeit und braucht trotzdem eine ganze Portion Sicherheit im Hintergrund. Unter anderem die Sicherheit, geliebt zu werden, auch dann, wenn Meinungsverschiedenheiten auftreten. Hinzu kommt, dass es sich in dem Alter, in dem die "Trotzphase" in der Regel beginnt, verbal noch nicht so gut ausdrücken kann, was häufiger zu Missverständnissen zwischen ihm und der Umwelt führt. Wenn man sich diesen Hintergrund vor Augen hält, dann ist es leichter, einzusehen, dass der Zorn nicht gegen einen selbst gerichtet ist. Er ist Ausdruck eines Zwiespaltes. Wollen und Können stehen sich hier gegenüber. Auch würden viele Eltern von Anfang an nicht klar genug sagen was sie wollen und nicht zeigen, dass ihre Ansagen ernst gemeint sind. Eltern müssen klar ihre natürliche Autorität repräsentierten, damit das Kind die Regeln akzeptiert, so Sybille Herold, Diplom-Psychologin aus Berlin und Autorin mehrerer Erziehungsratgeber.

Ich will aber, allein und selbst sind die neuen Lieblingswörter

Leni ist vier. Und sie hat neue Schuhe. Die sie natürlich auch selbst anziehen möchte. Doch das klappt noch nicht so recht, denn sie schafft es nicht alleine, die Schnürsenkel zuzubinden. Vor lauter Wut schmeißt Leni die teuren Schuhe in die Ecke und brüllt. Das kleine Mädchen ist an seine persönliche Grenze gestoßen und darüber ärgert es sich massiv. Dabei will es doch gerade jetzt alles möglichst alleine und selbstständig machen, möchte nicht mehr dauernd von den Großen abhängig sein. Wenn man erst einmal verstanden hat, warum die neuen Schuhe gerade in die Ecke geflogen sind, fällt es einem leichter, mit Verständnis zu reagieren und dem Kind, sobald es sich beruhigt hat, anzubieten, das Schleifenbinden noch einmal zu üben. Und es darin zu bestärken, dass es bald selbst in der Lage sein wird, seine Schuhe zuzubinden.

Einfach zu peinlich

Manchmal ist ein solcher Trotzanfall aber auch einfach ein Austesten der eigenen Grenze. Klassisch dabei ist die Situation an der Supermarktkasse, an der wohlweislich die Süßigkeiten in Kinderhöhe platziert sind: Lukas ist drei Jahre alt. Früher war es kein Problem, mit ihm einkaufen zu gehen, aber seit einiger Zeit gibt es regelmäßig Theater an der Kasse. Die Süßigkeiten haben es ihm angetan und das "Nein" seiner Mutter bringt ihn dazu, sich schreiend auf den Boden zu werfen und zu toben. So lange, bis Mama nachgibt, weil ihr die Situation einfach zu peinlich ist. Es gibt wohl kaum einen Elternteil, der so etwas nicht kennt. Die Leute bleiben stehen, beobachten einen und halten manchmal auch mit weisen Kommentaren nicht hinter dem Berg. Was es einem noch schwerer macht, ruhig und vor allem konsequent zu bleiben. Doch das ist das A und O. Wer in einer solchen Situation dem schreienden Kind nachgibt, fördert die Wutanfälle und wird in kürzester Zeit wieder vor dem gleichen Problem stehen.

Klare Regeln vereinfachen das Miteinander

Um sich dem Nachwuchs gegenüber durchzusetzen, muss man sich klar entscheiden: "Ich will, dass mein Kind jetzt das tut, was ich von ihm erwarte." Manchmal hilft es auch in der Situation deutlich zu sagen: "Hier bin ich der Bestimmer." Auch die Formulierung des Appells ist wichtig. "Man sollte nicht fragen, sondern eine klare Anweisung geben", sagt Herold. Also nicht: "Würdest du dir bitte mal deine Strümpfe anziehen?", sondern: "Zieh dir bitte jetzt deine Strümpfe an!".

Emotionen des Kindes ernst nehmen

Allerdings dürfen es auch nicht zu viele Regeln sein, denn sonst fühlt sich das Kind zu stark bevormundet und reagiert gar nicht mehr. Sprechen Sie nur wenige, aber dafür für das friedliche Zusammenleben wichtige Verbote aus. Und bleiben Sie bei diesen konsequent - ohne sich provozieren zu lassen.

Ruhig und gelassen bleiben

Gelassenheit und Ruhe sind die beste Reaktion auf Trotz. Auch wenn es schwerfällt. Das beendet ihn am schnellsten und Sie haben dann, wenn das Kind sich wieder beruhigt hat, die Möglichkeit, mit ihm zu reden. Vermeiden Sie dabei aber endlose Vorträge. Formulieren Sie lieber Ihre Grenzen klar und deutlich und reduzieren Sie das Wort "Nein" auf die Ihnen wichtige Dinge, bei denen Sie dann aber auch konsequent bleiben. Je lauter das Kind wird, desto ruhiger sollte man selbst reagieren, betont die Erziehungsexpertin. Vor allem bei Kindern, die ein hohes Autonomiebedürfnis haben, helfen auch Alternativangebote oft weiter, sagt Herold. "Dann darf das Kind beispielsweise entscheiden, ob es heute das gelbe oder das grüne Shirt anziehen möchte oder ob es zum Frühstück später Kakao oder lieber Cornflakes geben soll", sagt Sybille Herold. So habe es das Gefühl, auch etwas bestimmt zu haben.

Aus Konflikten lernen

Wenn das Kind trotzt und einen in eine peinliche Situation bringt, dann kann das zweifelsohne auch dazu führen, dass man selbst wütend wird. Es ist in Ordnung, wenn das Kind das spürt, allerdings sollte man es nicht abwerten oder gar bedrohen. Und auch nicht nachtragend sein. Besser ist es, sich vor Augen zu führen, dass es sich um ein ganz natürliches Verhalten handelt, das zur Entwicklung des Kindes beiträgt und von dem es etwas lernen kann. Es macht jetzt Erfahrungen, die es später im Leben weiterbringen können. Konfliktsituationen gehören zum Leben dazu genauso wie die Tatsache, dass es wichtig ist, zu wissen, wie man seine Gefühle am besten ausdrückt und wie man Kompromisse findet. Ohne sich schreiend auf den Boden zu werfen.

Situationen auflösen

Die beste Reaktion auf Wut und darauf, dass man selbst nicht in der Lage ist, entspannt zu reagieren, ist die Situation aufzulösen. Im Supermarkt kann das bedeuten, das tobende Kind schweigend unter den Arm zu nehmen und mit ihm an einen ruhigeren Ort zu gehen, wo es sich in der Regel meist von selbst schnell beruhigt. Zuhause kann man auch mal den Raum verlassen. Allerdings sollte man das dem Kind auch vorher mitteilen und ihm sagen, dass es jederzeit zu einem kommen könne, wenn es sich beruhigt hat. Denn vor allem nach einem Wutanfall ist das Bedürfnis nach Zuneigung und Aufmerksamkeit besonders groß. Außerdem sollte man versuchen herausfinden, warum das Kind einer Aufforderung nicht folgt und was es daran hindert. "Vielleicht ist das Kind abgelenkt und kommt deshalb nicht dazu, sich die Strümpfe anzuziehen. Eltern können sich aber auch überlegen, welchen Trumpf sie noch im Ärmel haben.

Kuscheltiere, Eichhörnchen und Wettbewerbe

"Man kann beispielsweise ein Kuscheltier mit einbeziehen, das die Situation spielerisch begleitet. So wird das Kind auch erst mal von seinem Kampfprogramm abgelenkt." Oder man macht noch mal eine kleine Pause, schaut sich im Garten die Eichhörnchen an, und startet dann einen neuen Versuch. Manchmal helfe es auch, einen kleinen Wettbewerb zu starten. "Dazu stellt man einen Kurzzeitwecker, und wenn das Kind es schafft, sich anzuziehen, bevor er geklingelt hat, ist noch Zeit, eine Geschichte vorzulesen", schlägt Herold vor. Wichtig sei, dass man sich nicht von der heftigen Reaktion des Kindes anstecken lässt. Wenn das Kind weiß, dass es, egal was es für ein Theater macht, damit keinen Erfolg haben wird, gibt es über kurz oder lang sein Verhalten auf und das Einkaufen wird wieder reibungslos klappen. Besonders dann, wenn das Kind eine eigene Aufgabe bekommt und aktiv selbst mit einkaufen darf. Kleine Aufträge fördern die Selbstständigkeit und geben dem Kind das Gefühl, auch alleine etwas zu schaffen.

Bereiten Sie Ihr Kind vor

Um Trotzanfälle bei Kleinkindern etwas zu entschärfen, kann man sich außerdem schon vorab überlegen, wie man schwierige Momente besser gestalten könnte. "Wenn das Anziehen morgens oft Probleme bereitet, dann sollte man dafür mehr Zeit einplanen - so nimmt man schon Stress aus der Situation", sagt Herold. Auch ist es wichtig dem Kind genügend Zeit zu lassen, sich auf eine Situation einzustellen. Wenn es zum Beispiel spielt und Sie wollen gehen, dann warnen Sie es vor. Sagen Sie ihm, dass Sie in zehn Minuten gehen möchten und fordern Sie es nach fünf Minuten freundlich auf, jetzt zum Schluss zu kommen. Dann aber sollten auch Sie sich an die Verabredung halten und nicht noch ein weiteres Pläuschchen mit der Nachbarin führen. Denn Regeln sollten für alle Familienmitglieder gelten. So erziehen Sie durch ihr eigenes Vorbild.

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