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Geschwister: Rivalen und doch ein Team

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Geschwister  

Geschwister: Rivalen und doch ein Team

12.08.2010, 09:50 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Geschwister: Rivalen und doch ein Team. Bruder und Schwester streiten.

Untereinander meist Rivalen, nach Außen oft ein Team. (Bild: imago) (Quelle: imago)

Zwei von drei Kindern in Deutschland wachsen mit Geschwistern auf. Rund die Hälfte davon mit einem, nur acht Prozent mit drei oder mehr. Eltern, die mehrere Kinder haben, stellen schnell fest, dass man sich zwar bemühen kann, die gleichen Werte zu vermitteln und die gleichen Chancen zu bieten, dass es aber nicht möglich ist, alle Kinder gleich zu behandeln. Was in erster Linie daran liegt, dass sie nicht gleich sind. Und es auch nicht sein wollen.  

Geschwister zu vergleichen kann den Konkurrenzkampf erhöhen

"Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife. Geschwister können beides." Mit diesen Worten beschrieb einst Kurt Tucholsky eine ganz besondere Beziehung. Denn auch, wenn man sich seine Geschwister nicht aussuchen kann, so handelt es sich doch oft um eine Bindung, die sehr eng ist, lebenslang hält und auf die man sich verlassen kann. Erstaunlich, dass die Geschwisterforschung noch ein relativ junges Forschungsgebiet ist. Erst seit rund 25 Jahren beschäftigen sich auch Wissenschaftler eingehend mit der Thematik. Und sie haben festgestellt, dass Geschwister aufeinander - auf das Selbstbild und die Identität - einen großen Einfluss haben. Sie bringen sich gegenseitig bei, mit Nähe und Distanz, mit Konflikten und Versöhnung, aber auch mit Konkurrenz umzugehen. Schließlich sind Geschwister immer auch Rivalen um die elterliche Zuneigung.

Eltern können diese Rivalität durch Vergleiche der Kinder noch verstärken und so den Konkurrenzkampf ungewollt weiter anstacheln. "Das tun sie zum Beispiel dadurch, dass sie von sich aus Eigenschaften und Fähigkeiten ihrer Sprösslinge hervorheben, zueinander in Kontrast setzen und bewerten", schreibt Professor Hartmut Kasten, Autor des Buches "Geschwister - Vorbilder, Rivalen, Vertraute". Sätze wie "Der Kleine ist im Gegensatz zu den anderen handwerklich gar nicht begabt" oder "Unsere Große ist in der Schule deutlich besser" verstärken Rivalität und führen manchmal auch zur Resignation. Schließlich bekommt der Geschwisterteil, der in dem Vergleich den Kürzeren zieht, so das Gefühl, gegen den Konkurrenten, die Konkurrentin sowieso keine Chance zu haben. "Besonders problematisch ist es, wenn der Vergleich darauf hinausläuft, dem einen Kind zu vermitteln, es müsse so sein wie das andere", so der Diplom-Psychologe Günther Bergmann. Aber der Geschwistervergleich kann auch positive Aspekte haben. "Der Vergleich kann Eltern nämlich auch darin unterstützen, sich an der jeweiligen Einzigartigkeit der Kinder noch mehr zu erfreuen."

Die Leistungsgesellschaft färbt ab

Doch nicht nur Eltern vergleichen ihre Kinder häufig. Auch die Geschwister untereinander tun dies fortwährend. Darf der andere etwas, was man selbst nicht darf? Hat der andere etwas bekommen und man selbst nicht? Kann der andere vielleicht etwas besser? "Evident ist, dass solche Vergleichsprozesse zwischen Geschwistern in einer Leistungsgesellschaft allgegenwärtig sind und sich besonders häufig abspielen, wenn die Geschwister sich als ähnlich erleben, was natürlich eher dann der Fall ist, wenn kein großer Unterschied zwischen ihnen besteht und sie dasselbe Geschlecht haben." Das Verhalten der Eltern, vor allem in den ersten Jahren, spiele hier eine entscheidende Rolle, so der Entwicklungspsychologe und Familienforscher Professor Kasten. Schließlich werden wir in unserer Gesellschaft schon sehr früh auf der Grundlage von Leistungskriterien bewertet. Welches Kind konnte früher laufen, war schneller sauber oder malte die schöneren Bilder für die Oma? Ein Vergleich, ob offen oder versteckt, kann hier auch als kränkend und frustrierend empfunden werden und eventuell bereits vorhandene Eifersuchtsgefühle zusätzlich verstärken.

Kindern keinen Stempel aufdrücken - auch nicht aus Stolz

Geschwister teilen sich rund 50 Prozent ihrer Gene und erleben innerhalb eines Familienverbandes die gleichen Umwelteinflüsse. Doch trotzdem sind sie sich letztendlich, so die Forscher, nicht ähnlicher als Kinder aus verschiedenen Familien. Eineiige Zwillinge sind sogar genetisch gesehen identisch und doch hat man festgestellt, dass mehr Unterschiede zwischen ihnen auftauchen, wenn beide in der gleichen Familie groß werden. Ein eindeutiger Hinweis darauf, dass der Wettstreit zu einer Abgrenzung führt. Jedes Geschwisterkind sucht sich eine noch freie Nische in der Familie, um seine Einzigartigkeit nicht zu verlieren - und auch, um einem Vergleich aus dem Weg zu gehen, dem es womöglich nicht standhalten kann. In einer Familie, in der die Kinder sich gerecht behandelt fühlen, ist es für die Geschwister in der Regel auch kein Problem, dem anderen eine persönliche konkurrenzfreie Nische zu gönnen. Wenn diese Rolle allerdings negativ besetzt ist, ein Kind immer das "schwarze Schaf" der Familie ist, dann muss man sich bemühen, es wieder aus seiner Nische herauszuholen.

Denn wer zum Beispiel von den anderen immer als der Raufbold gesehen wird, wird sich irgendwann auch wie ein solcher benehmen. Stattdessen sollte man sich dem Kind, das immer Schwierigkeiten zu machen scheint, vorübergehend etwas mehr zuwenden und ihm zeigen, welche positiven Seiten es hat, und dass man es so liebt, wie es ist. Gerade diese "Problemkinder" brauchen oft eine Extraportion Zuneigung und Lob, um aus ihrer negativ besetzten Rolle wieder herauszufinden, bevor sie damit unglücklich werden. Aber auch ein Kind, das den Stempel des "braven" Kindes hat, wird damit über kurz oder lang Schwierigkeiten haben. Es wird immer weiter versuchen, diesem Bild der Eltern zu entsprechen. Wird es den anderen Kindern dann zusätzlich als Vorbild hingestellt, so fühlen sich diese dadurch entmutigt und es können schnell Konflikte zwischen den Geschwistern entstehen, die völlig unnötig sind. Außerdem ist auch ein zu braves Angepasstsein im Leben nicht immer hilfreich.

Geschwister lernen spielerisch voneinander

Die Erfahrungen, die Kinder in der Beziehung zu ihren Geschwistern machen, hängen übrigens stark davon ab, auf welcher Position das jeweilige Kind steht, wie hoch die Altersabstände sind und ob es sich um gleich- oder gemischtgeschlechtliche Geschwister handelt. Hier wird in der Regel zwischen den Erstgeborenen, den sogenannten Sandwichkindern und den Nesthäkchen unterschieden. "'Der Große' bleibt der mit dem Führungsanspruch, während 'die Kleine' sich gerne verwöhnen lässt und ‚'das Sandwichkind' dazwischen ist es gewöhnt, nicht ganz so stark im Mittelpunkt zu stehen", so Günther Bergmann. Bei solchen Einteilungen kommt es allerdings zwangsläufig schnell zu Verallgemeinerungen. Schließlich spielen die Beziehung zu den Eltern und deren Verhältnis zu den Kindern, das jeweilige Wesen der Einzelnen und die unterschiedlichen sozialen Bedingungen ebenfalls eine sehr große Rolle. "Zusätzlich kann man überzogenen Rollenfixierungen behutsam entgegensteuern, zum Beispiel bewusst mal den Zweiten entscheiden lassen oder die Kleine in die Verantwortung nehmen", erklärt der Familienberater. "Doch Eltern brauchen sich dabei nicht zu überfordern. Rollenvorgaben prägen nun einmal maßgeblich unser Leben. Und das von Anfang an.“

Geschwister können voneinander profitieren

Wenn man bedenkt, dass bereits im Alter von einem Jahr Kinder ebenso viel Zeit mit ihren Geschwistern wie mit ihrer Mutter verbringen und sich diese Zeit später sogar verdoppeln kann, dann ist klar, dass Geschwister sich auch gegenseitig erziehen. Sie lernen früh, sich in andere hineinzuversetzen, Konflikte zu lösen, zu verhandeln und auch, sich zu wehren. Sie erfahren mit gleichberechtigten Partnern, dass ein Streit kein endgültiges Urteil ist, und sie lernen sowohl das Nachgeben als auch das Durchsetzen. Letztendlich sind sie ein Team, das sich auch mal gemeinsam gegen elterliche Entscheidungen auflehnen kann. Ganz spielerisch erobern sie sich so Erfahrungen, die ihnen später im Leben weiterhelfen und soziale Kompetenz vermitteln. Eltern können eine gute Beziehung zwischen Geschwistern fördern, indem sie zum Beispiel den Zusammenhalt stärken und die Kinder nicht gegeneinander ausspielen. Zusätzlich ist es wichtig, zu versuchen, jedem Kind auf seine Weise gerecht zu werden und möglichst keines zu bevorzugen. "Es ist wichtig, Gerechtigkeit walten zu lassen, bezogen auf Zu-Bett-Geh-Zeiten, Taschengeld und solche Dinge." Darauf weist Günther Bergmann, der die Katholische EFL-Beratungsstelle in Köln-Porz leitet, deutlich hin. "Es ist aber auch wichtig, auf die jeweils individuellen Bedürfnisse zum Beispiel nach Rückzug oder Austausch zu reagieren. So können Eltern die Unterschiedlichkeit ihrer Kinder auch richtig genießen."

Jedes Kind hat das Recht auf Einzigartigkeit

Die Rollen, die innerhalb einer Familie von den einzelnen Kindern angenommen wurden, werden oft lebenslang beibehalten. Zumindest im Familienrahmen. Und auch auf eine spätere Partnersuche hat die Geschwisterkonstellation ihre Einflüsse. Noch relativ unerforscht sind übrigens Geschwisterbeziehungen, die in den letzten Jahren immer selbstverständlicher werden: Halbgeschwister oder auch Kinder aus sogenannten "Patchworkfamilien", die zwar nicht miteinander verwandt sind, aber zusammen aufwachsen. Welche Auswirkungen das hat, wie die Eltern damit am besten umgehen und ob man hier Vergleiche zu gängigen Geschwisterkonstellationen ziehen kann. Das herauszufinden wird in naher Zukunft Gegenstand so mancher Forschungsarbeit sein. Eines ist aber auch bei diesem eher untypischen Geschwisterverhältnis jetzt schon klar: Je mehr Zeit die Kinder miteinander verbringen, desto eher werden sie sich mit herkömmlichen Mustern vergleichen lassen können. Und es gilt auch hier: Jedes Kind sollte so akzeptiert werden, wie es ist!

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