23.11.2012, 15:03 Uhr | cst, t-online.de
Vielen Eltern fällt das Loslassen schwer. (Quelle: imago)
Wenn Eltern kleiner Kinder miteinander reden, ist man sich bei einem Thema immer schnell einig: Wir sind früher ganz anders aufgewachsen. Ohne Kindersitze im Auto und rundum abgesicherte Wohnungen, ohne durchgeplante Nachmittage mit musikalischer Früherziehung, Englisch-Sprachkurs und Kinder-Yoga, dafür mit vielen realen Gefahren und Ängsten, aber eben auch Freiheiten. Eltern von heute scheinen in allen Belangen informiert, sind Experten in Sachen Ernährung, Bio-Baumwolle und frühkindlicher Bildung. Obwohl sie also wissen oder wissen müssten, wie wichtig es für die Kinder ist, eigene Erfahrungen und Fehler zu machen, stellt sich die Frage: Warum nur mutieren so viele Mütter und Väter zu "Helikopter-Eltern"?
Der Begriff Helikopter-Eltern stammt aus den USA und steht für besonders übervorsichtige Mütter und Väter, die ihre Kinder am liebsten rund um die Uhr bewachen und kontrollieren würden, ihnen nichts mehr zutrauen und aus Sorge um das kindliche Wohlergehen nur noch um den Nachwuchs kreisen - ähnlich wie ein Polizeihelikopter im Film über mutmaßlichen Verdächtigen. Helikopter-Eltern organisieren den kompletten Alltag der Kinder im Glauben, sie auf diese Weise am besten zu fördern.
Pädagogen sind sich einig, dass es für Kinder essentiell ist, eigene Erfahrungen zu machen. Kinder müssen lernen, sich und andere einzuschätzen. Das gelingt aber nur, wenn sie auch etwas ausprobieren dürfen. Wer einmal auf eine heiße Herdplatte gefasst hat, wird diese "Gefahr" wohl eher verinnerlichen als bei einem hundertmal gesagten "Vorsicht, der Herd ist heiß." Vielen Eltern fällt es aber schwer, ihre Kinder auch einmal Fehler machen zu lassen. Was nur allzu verständlich ist - wer sieht schon gern zu, wie das Kind, das man bisher immer vor allen möglichen Gefahren abgeschirmt hat, plötzlich waghalsig am Klettergerüst turnt?
Eltern müssen lernen, diesen Spagat auszuhalten: Einerseits sollen sie das Kind beschützen und andererseits ihren Nachwuchs dabei unterstützen sich auszuprobieren und eigene Erfahrungen zu machen. Kinder haben ein Gespür dafür, ob die Eltern ihnen etwas zutrauen oder nicht. Wer jeden Schritt des Kindes überwacht, signalisiert: ich glaube nicht, dass Du es allein schaffst. Ein ganz falsches Zeichen, das dazu führt, dass sich die Kinder am Ende selbst nichts mehr zutrauen.
Kinder sind von Natur aus neugierig. Im Grunde brauchen sie keine Kurse, die ihnen vermitteln, wie sie spielen, singen, tanzen, sich bewegen sollen. Eltern, die ihre (kleinen) Kinder fördern wollen, bewirken oft eher das Gegenteil. Statt jeden Nachmittag minutiös durchzuplanen, und vom Musikgarten zum Kinderturnen zu hetzen, kann es auch für die Mütter entspannter sein, einmal nichts zu tun, einfach so ungeplante Zeit mit dem Kind zu verbringen, zu zeigen, ich bin da für Dich, ich kümmere mich um Dich. Kinder finden immer etwas, dass sie interessiert, Kleinigkeiten, die buchstäblich auf der Straße liegen. Eltern können sich revanchieren und diese vermeintlichen Kleinigkeiten ernst nehmen.
Woher aber kommt sie nur, die Angst der heutigen Eltern? Die Gefahren, denen sie selbst als Kinder ausgesetzt waren, sind nicht größer geworden. Im Gegenteil: Kindersitze im Auto, Hochstühle mit Anschnallgurt oder Herdschutzgitter haben sich erst in den letzten zwanzig Jahren als Standard durchgesetzt. Inzwischen verdient eine ganze Industrie an Sicherheitsutensilien für Kinder. Auch die Zahl der beispielsweise im Straßenverkehr getöteten Kinder ist gesunken.
Bleibt noch die Urangst aller Eltern: die Kindesentführung. Jeder hat hier sofort Namen parat: Levke, Michelle, Madeleine, Mirco. Die absolute Zahl an Kindesentführungen ist, so schrecklich jeder Einzelfall auch ist, seit Jahren gering und nicht gestiegen - auch wenn es sich anders anfühlt. Zugenommen hat stattdessen das mediale Interesse und wohl auch das Gefahrenbewusstsein. Eltern können das Risiko für ihr Kind minimieren, aber ausschließen können sie es nicht.
Wenn Eltern sich nicht völlig zermürben wollen, bleibt ihnen auf Dauer nur eines: sich den Ängsten stellen und dennoch bei den Kindern die Leine lockerer zu lassen, jeden Tag aufs Neue.
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Quelle: cst, t-online.de
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