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Kita-Plätze  

Die Krippenlüge: stockender Kita-Ausbau

07.01.2011, 14:23 Uhr

Kita-Plätze. Ob der versprochene Ausbau der Kita-Plätze für unter Dreijährige bis 2013 gelingt, ist fraglich. (Foto: dpa)

Ob der versprochene Ausbau der Kita-Plätze für unter Dreijährige bis 2013 gelingt, ist fraglich. (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Alle ein- bis dreijährigen Kinder haben ab Sommer 2013 Anspruch auf Betreuung in einer Krippe - so hat es die Politik beschlossen. Doch ob es genügend Plätze geben wird, ist ungewiss. Chaos in den Ländern verhindert den Ausbau der Betreuung - das Nachsehen haben Eltern und Kinder. 

"Üba Tock und üba Teine", singt Lilly. Sie krabbelt auf dem roten Teppich zwischen Schaukelpferden, -schafen und tigern herum. Tim heult. Oben vom Klettergerüst beobachtet Paul in seinem Polizeishirt die Szene - Alltag in einer deutschen Krippe. Diese Kinder haben Glück. Und ihre Eltern. Die Familien leben in Hamburg, wo es bereits einen Rechtsanspruch für Kinder jeden Alters auf einen Kita-Platz gibt, wenn Mutter und Vater berufstätig sind.

Anspruch auf Kita-Platz

So wie in der Hansestadt soll es bald bundesweit zugehen: Ab 2013 sollen alle Kinder von ihrem ersten Geburtstag an Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz erhalten. Das haben Bund, Länder und Gemeinden 2007 gemeinsam entschieden. 750.000 Plätze sollen es werden - errechnet auf Grund der Annahme, dass der tatsächliche Bedarf erfüllt sein würde, wenn im Schnitt für 35 Prozent der Ein- bis Dreijährigen ein Platz vorhanden ist.

Seit 2008 bauen die Kommunen nun verstärkt Krippenplätze. Nur, ob sie die Vorgaben bis 2013 erfüllen können, das bleibt mehr als fraglich. Die ehrgeizigen Pläne könnten sich schon bald als großes Blendwerk erweisen. An allen Ecken und Enden hakt und stockt der Krippenausbau - Besserung ist nicht in Sicht. Eltern mit kleinen Kindern werden wohl vor allem im Westen des Landes noch lange mit chaotischen Verhältnissen bei der Kinderbetreuung rechnen müssen.

Ziel schwierig zu erreichen

Zwar gibt sich das Familienministerium noch zuversichtlich. Mit einem "Kraftakt" sei es noch möglich, das Ziel zu erreichen, sagte Ministerin Kristina Schröder kürzlich. Doch dahinter steckt wohl nicht mehr als Wunschdenken. Vor allem die Kommunen schlagen Alarm - und sie haben allen Grund dazu. "Es wird schwierig werden, das Ziel zu erreichen", sagt Ursula Krickl vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. Es fehlt das nötige Geld. Der wirtschaftliche Aufschwung komme bei den Gemeinden nicht an, klagt der Verband.

Das ist aber nur das eine Problem. Das andere sind die Länder. Sie übernahmen das Krippenausbau-Programm zwar in ihre Gesetze, ohne aber entsprechende finanzielle Regelungen für die Kosten aufzustellen, die den Kommunen daraus entstehen. Der nordrhein-westfälische Verfassungsgerichtshof hat diese Praxis Ende letzten Jahres gerügt.

278.000 Plätze zu wenig

472.000 Kita-Plätze für Unter-Dreijährige hat das Statistische Bundesamt zuletzt im März 2010 gezählt. Immerhin 55.000 mehr als ein Jahr zuvor - aber noch 278.000 Plätze zu wenig. Und die Zeit drängt. Der Deutsche Städtetag hat errechnet, dass jeden Monat 8000 bis 11.500 neue Plätze entstehen müssten, um das Ziel von 750.000 noch zu erreichen. Kostenpunkt: sechs bis neun Milliarden Euro.

Dabei ist fraglich, ob diese Zahl an Krippenplätzen überhaupt ausreicht. Die jüngsten vorläufigen Zahlen vom Statistischen Bundesamt lassen für 2010 auf einen Geburtenanstieg hoffen. Und wenn zudem der Anteil der Eltern, die einen Krippenplatz suchen, weiterhin so rasant steigt wie zuletzt, dann könnten wesentlich mehr Plätze nötig sein. Das Deutsche Jugendinstitut hat inzwischen einen Bedarf von 39 Prozent statt der ursprünglichen 35 errechnet. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hält nach einer Umfrage sogar einen Bedarf an Plätzen für 60 Prozent der Ein- bis Dreijährigen für möglich.

Deutlicher Vorsprung der neuen Bundesländer

Manche ostdeutsche Länder sind schon jetzt sogar von diesem Wert nicht weit entfernt: Brandenburg etwa mit 51 Prozent. Im Westen sieht's dagegen düster aus. So gibt es in Nordrhein-Westfalen gerade mal für 14 Prozent der Kinder im Krippenalter einen Platz, in Niedersachsen für 15,9. Die knappen Plätze sind so begehrt, dass manche Krippen seitenlange Wartelisten haben. Wer sein Kind nicht für sieben, acht oder zehn Stunden täglich anmeldet, hat da kaum eine Chance. In manchen Städten ist deshalb die Praxis verbreitet, dass Eltern für deutlich mehr Betreuungszeit bezahlen als sie tatsächlich nutzen.

Kommunen fordern neuen Gipfel

Die Kommunen wollen nun auf keinen Fall am Ende als die alleinigen Versager dastehen, wenn der Ausbau im Westen in zweieinhalb Jahren nicht fertig sein sollte. "Wir fordern einen neuen Gipfel, um den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln", so Ursula Krickl vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. Und ums Geld soll es dabei natürlich auch gehen. Dabei sind noch mehr Probleme zu lösen: Es fehlen Erzieher. Wie viele, darüber gehen die Meinungen auseinander. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts, kommt in einer Studie auf 9000 fehlende Erzieher bis 2013, der Deutsche Städte- und Gemeindebund geht von bis zu 60.000 fehlenden Fachkräften aus.

Es fehlen Erzieher

Doch die Lücke wird nicht leicht zu füllen sein, denn der Reiz des Jobs ist begrenzt. Einer Studie der Universität Dortmund zufolge ist die Aussteigerquote aus dem Erzieher-Beruf hoch: ein Drittel. Die Gründe sind offensichtlich: Der Job ist körperlich anstrengend. "Mein Rücken tut abends saumäßig weh. Ich sitze den ganzen Tag auf dem Boden oder auf winzigen Stühlen", sagt Erzieherin Marina in Hamburg. Und dabei ist sie erst 23 Jahre alt. Ein anderer Grund ist die Bezahlung: Erzieher liegen der Untersuchung zufolge mit ihrem Netto-Verdienst 224 Euro unter dem Durchschnitts-Einkommen. Und das, obwohl die Ausbildung in manchen Bundesländern fünf Jahre dauern kann - so lange wie ein Hochschulstudium. Und bei dem gesellschaftlichen Anspruch, dass Erzieher den Grundstein für Bildung und soziale Kompetenz der Kinder legen sollen. 

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