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Krippe-Dilemma: Warum so viele Plätze fehlen

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Der „krippale Infekt“: Warum so viele Betreuungsplätze fehlen

25.03.2011, 12:24 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Krippe-Dilemma: Warum so viele Plätze fehlen. Ab 2013 haben alle ein- bis dreijährigen Kinder einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. (Foto: imago)

Ab 2013 haben alle ein- bis dreijährigen Kinder einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. (Foto: imago)

"Es ist der entscheidende Schritt hin zu einem bedarfsgerechten und qualitativ hochwertigen Angebot der Betreuung für Kinder unter drei Jahren.“ So bewertete das Familienministerium das Kinderförderungsgesetz (KiFög), das am 1. Januar 2009 in Kraft trat. Danach sollen alle ein -bis dreijährigen Kinder ab 1. August 2013 einen gesetzlich garantierten Anspruch auf Betreuung in einer Krippe haben. Doch die Umsetzung des ehrgeizigen Großprojekts, das von der ehemaligen Familienministerin Ursula von der Leyen initiiert wurde, gestaltet sich schwierig. Nur stockend kommt der Krippenausbau voran. Noch gut 270.000 Betreuungsplätze müssen bis Dezember 2013 entstehen. Die Gründe für dieses Dilemma sind vielschichtig.

Dringend gesucht

"Hilfe, wie bekomme ich so schnell wie möglich einen Krippenplatz für meine Kleine. Ich muss doch unbedingt wieder Geld verdienen“, so sucht Carla in einem Mütterchat nach Rat. Und sie ist nicht allein. Unzählige Betroffene tauschen sich digital über das Thema aus, klagen ihr Leid und geben sich gegenseitig Tipps. Friederike schimpft: "Überall muss man sich anhören, dass die Wartelisten sehr lang sind. Freie Plätze gibt es sowieso nicht. Es ist einfach zum Mäuse melken und das alles jetzt, wo ich wieder arbeiten muss!“ Manchmal sind die Statements auch resignierend: "In München hättest du dich schon gleich nach dem Schwangerschaftstest anmelden müssen - später hast du keine Chance mehr. Die melden sich bei dir, da ist dein Kind schon in der Schule“, schreibt Sarah.

Der Bedarf ist hoch

Bis 2013 sollen insgesamt 750.000 Betreuungsplätze bei Kindertagesstätten oder Tagesmüttern geschaffen worden sein. Das entspricht einem im Jahr 2005 errechneten Bedarf von 35 Prozent der unter Dreijährigen - also für jedes dritte Kind. Da die Nachfrage nach Krippenplätzen aber rasant steigt, hat das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in München den Bedarf mittlerweile auf 39 Prozent nach oben korrigiert. Nach Berechnungen des Deutschen Städtetages müssten monatlich circa 10.000 Betreuungsplätze entstehen, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Man könne nicht jahrelang für Kinderbetreuung werben und sich dann wundern, dass es auf einmal mehr Nachfrage gebe, so der DJI Direktor Thomas Rauschenbach. Bei einer Forsa-Umfrage gaben sogar 66 Prozent der jungen Mütter an, ihr Kleinkind betreuen zu lassen und sogar 78 Prozent der Akademikerinnen interessierten sich für einen Krippenplatz.

Finanzieller Kraftakt für die Kommunen

Die größte Hürde für das Projekt "Ausbau der Kindertagesbetreuung“ sind die Kosten: Zwar stellt der Bund bis 2013 vier Milliarden Euro zur Verfügung, beziffert aber den gesamten stufenweisen Ausbau des Förderangebots für Kinder unter drei Jahren mit zwölf Milliarden Euro. Der Löwenanteil bleibt bei den Kommunen hängen, die oftmals große Schwierigkeiten haben, genug Geld bereitzustellen, denn viele Stadtkassen sind aufgrund zurückgegangener Gewerbesteuereinnahmen ziemlich leer. Es werde schwer das Ziel zu erreichen, sagt Ursula Krickl vom Deutschen Städtetag, denn der wirtschaftliche Aufschwung komme bei den Gemeinden nicht an und die verantwortlichen Länder hätten verpasst, finanzielle Regelungen für die entstehenden Kosten auszuarbeiten.

Auch im südhessischen Viernheim mit seinen gut 32.000 Einwohnern sehen die Stadtväter immense Mehrkosten auf sich zukommen. Für Bürgermeister Matthias Baaß ist die Finanzierung kein Kinderspiel, denn Viernheim erfülle von der gesetzlich geforderten Quote von 35 Prozent bis 2010 nur 17 Prozent: "Der städtische Zuschuss zu den laufenden Betriebskosten wird sich durch den vorzunehmenden Ausbau von 120 Krippenplätzen von 2011 bis 2013 um mindestens eine Million jährlich erhöhen.“ Matthias Baaß fühlt sich allein gelassen: “Bund und Länder bestellen und die Gemeinden sollen zahlen, ohne über die hierfür notwendige Finanzausstattung zu verfügen.“ Das hieße, so der Bürgermeister, dass für jeden Krippenplatz, der hinzukäme, 1250 Euro anfielen. Davon würden fast 900 Euro von der Stadt getragen. Der Rest werde vom Land und durch die elterlichen Beiträge gedeckt.

Mangelware Erzieher

Mit der Umsetzung des Kinderförderungsgesetzes fallen nicht nur hohe Kosten, sondern auch ein erhöhter Bedarf von Fachpersonal an. Das ist das zweite große Problem, das bis zum August 2013 gelöst sein sollte. Eine Expertise vom Sommer 2010 belegt, dass es große Personallücken geben wird, deren Größe allerdings stark von den landesspezifischen Gegebenheiten abhängen. Besondere Probleme werden in den alten Bundesländern erwartet. Die Autoren der Studie DJI Direktor Thomas Rauschenbach und der wissenschaftliche Leiter der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik an der TU Dortmund Matthias Schilling prognostizierten darin, dass bis 2013 insgesamt 32.000 Tagespflegepersonen fehlen werden. Dabei sei die Quote in den neuen Bundesländern, die noch immer von den flächendeckenden Betreuungsstrukturen vor der Wiedervereinigung profitiere, wesentlich besser. Hier gäbe es sogar einen leichten Personalüberhang.

Die Mangelschätzung des Deutschen Gewerkschaftbundes (DGB) fällt sogar noch ernüchternder aus. DGB-Vize Ingrid Sehrbrock warnte schon vor einem Jahr: "Der Krippenausbau droht auch an einem massiven Fachkräftemangel zu scheitern.“ Wenn die Politik ihr Versprechen auf den Rechtsanspruch einlösen wolle, müssten innerhalb von vier Jahren fast 50.000 Erzieherinnen und Erzieher eingestellt werden.“ Die Länder müssten daher ihre Ausbildungskapazitäten deutlich ausbauen.

Krippenarbeit ist wenig attraktiv

Die angehende Sozialpädagogin Nora Walz, die gerade an der Hochschule Darmstadt im Fachbereich Gesellschaftswissenschaft und soziale Arbeit ihren Bachelor macht, kennt den Alltag an der Uni und meint: "Bei uns gibt es zwar viele Studenten, doch ich habe den Eindruck, dass bei der Qualität der Ausbildung gespart wird. Gerade jetzt sollen bei uns drei Stellen von Lehrbeauftragten, die die Hochschule verlassen, nicht mehr neu besetzt werden.“ Nora Walz bedauert, dass auch in der Ausbildung die Mittel knapp scheinen: "Es ist eine Mischung aus tun wollen und nicht können, weil wenig Geld da ist.“

Ihre Zukunft sieht die Studentin allerdings nicht in einer Krippe. Hier könne man nur bedingt pädagogische Arbeit machen, denn bei den ganz Kleinen gäbe es noch kaum gruppendynamische Prozesse: "Die Arbeit mit den Kleinsten ist ein körperlicher Knochenjob. Der Großteil des Tages wird eigentlich von pflegerischen Tätigkeiten wie zum Bespiel Wickeln, Füttern, schlafen legen oder Herumtragen eingenommen. Manchmal hatte ich fast den ganzen Tag zwei Babies auf dem Arm“, so erinnert sich Nora Walz an ihre Arbeit während eines Praktikums in einer Krippe. Als Erzieher und Sozialpädagoge, sei man dabei leider nur wenig gefordert, trage aber gleichzeitig eine riesige Verantwortung.

Viel Verantwortung, schlechte Bezahlung

Auch die traditionell schlechte Bezahlung bei Erziehern trägt nicht gerade zur Attraktivität des Berufs bei und erschwert die Umsetzung des Projekts "Kinderförderungsgesetz“. Nach Angaben des DGB verdient heute eine Berufseinsteigerin circa 2040 Euro Brutto, nach sieben Jahren Berufserfahrung etwa 2400 Euro und das, obwohl die Ausbildung in manchen Bundesländern fünf Jahre dauern kann - so lange wie ein Hochschulstudium. "Die schlechte Bezahlung steht auch im krassen Widerspruch zu den gestiegenen Anforderung an die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher und zeigt einmal mehr, dass die Arbeit mit Menschen schlechter bezahlt wird als die Arbeit mit technischen Mittel“, kommentiert Ingrid Sehrbrock vom DGB die Situation.

Crash-Ausbildung für Quereinsteiger

Um die Personaldecke zu stärken, gibt es auch das Modell, Quereinsteiger zu Erziehern auszubilden. Diese Umschulung ist jedoch noch nicht bundeseinheitlich geregelt. Meist sind insgesamt zwei Jahre theoretische und praktische Schulung vorgesehen. Diese "Crash-Ausbildung“ stößt aber bei vielen Erziehern und Sozialpädagogen auf wenig Gegenliebe. Auch der angehenden Sozialpädagogin Nora Walz behagt diese Art der Problemlösung gar nicht: "Das ärgert mich. Wir müssen fünf Jahre Ausbildung samt Praktika absolvieren und jetzt soll es auf einmal genauso gut in zwei Jahren funktionieren. Das kann nur auf Kosten der Qualität gehen, das heißt auf Kosten der Kinder.“

Dass es bis zum August 2013 knapp werden könnte, für jedes dritte Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz zu garantieren, zeichnet sich jetzt schon ab. Ein Teil des Engpasses könnten mehr private Betreuungsangebote abfedern. Elterninitiativen haben schon seit langem vor allem in Großstädten einen festen Platz in der Betreuungskultur und könnten fehlende Kapazitäten ausgleichen und die Quote so erhöhen. Doch auch sie kosten die öffentliche Hand Geld, werden gefördert wie staatliche Einrichtungen, so dass die monatlichen Beiträge für die Eltern erschwinglich bleiben.

Private Krippen müssen wirtschaftlich arbeiten

Aufwind könnten auch solche Einrichtungen bekommen, die sich nur aus privaten Geldern finanzieren und rein marktwirtschaftlichen Kriterien unterliegen. Der Markt dafür ist da und die Chance als rein privater Einrichtungsbetreiber zu überleben ebenfalls. Denn bekanntlich regelt ja die Nachfrage das Angebot - und Nachfrage gibt es mehr als genug. Doch bei diesem Thema ist Sensibilität geboten: Denn private Krippen müssen erfolgsorientiert und gewinnbringend arbeiten. Sie sind marktwirtschaftlichen Kriterien unterworfen, handeln aber gleichzeitig nicht mit irgendwelchen materiellen Waren, sondern mit Betreuungszeit für die Allerkleinsten.

Strenger Betreuungsschlüssel

Nachteil dieser Angebote sind die enorm hohen "Betriebskosten“, die durch die Eltern gedeckt werden müssen. Da können schon mal zwischen 800 bis 1400 Euro (in München) monatlich anfallen und so mancher muss einen stattlichen Teil seines Einkommens für die Betreuung seines Kleinkindes aufbringen. In die Höhe werden die nicht subventionierten Betriebskosten außerdem durch den gesetzlich vorgeschriebenen "Betreuungsschlüssel“ für Kinder unter drei Jahren getrieben, der übrigens für alle Krippen gilt. Danach ist ein Erzieher für vier Kinder verantwortlich. Das heißt eine Fachkraft wird von vier Elternpaaren finanziert. Bevorzugt werden vor allem Kinder, die den ganzen Tag bleiben und nicht nur für wenige Stunden. So können die Kosten besser gedeckt werden. In manchen Städten ist deshalb die Praxis verbreitet, dass Eltern für deutlich mehr Betreuungszeit zahlen, als sie tatsächlich nutzen.

Die derzeitige Familienministerin Kristina Schröder ist trotz aller Widrigkeiten davon überzeugt, dass sich die gesteckten Ziele durch einen Kraftakt der Kommunen und Länder erreichen lassen. Für Thomas Rauschenbach, den Direktor des Deutschen Jugendinstituts ist der Betreuungsausbau eine Aufgabe von nationaler Tragweite, die alle Kräfte bündeln müsse. Die Forderung vieler Kommunen, den vereinbarten Rechtsanspruch wieder aufzugeben, weist er zurück: "Das wäre der Super-Gau in politischer Glaubwürdigkeit.“

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